Sexismus vor, nach und in Köln

Die Kanzlerin sagt in der FAZ, der Frauenverachtung, die sich in Köln gezeigt habe, müsse man entschieden entgegentreten, „es sei gut, dass es sehr viele Anzeigen gebe, und die Polizei müsse all diesen Dingen nachgehen.“

All diesen Dingen soll die Polizei nachgehen. Der Bericht des NRW-Innenministerium zur Silvesternacht in Köln listet die Strafanzeigen aus den Aufnahmeprotokollen einzeln auf: „mehrfach begrabscht … in den Schritt gefasst …. Griff an Po und Scheide … in den Intimbereich oberhalb ihrer Kleidung gefasst …. Finger in Scheide eingeführt, misslang wegen Strumpfhose … Hintern und Schritt angefasst … an das Gesäß gefasst (unterhalb des Rockes und oberhalb der Strumpfhose) … zwischen die Beine gefasst und geküsst … mehrfach anstößig berührt … wurde von mehreren Personen angefasst … zwischen den Beinen gepackt“.

All diese Dinge werden im Wortlaut bestürzend konkret, widerwärtig, gewalttätig, albtraumhaft, frauenverachtend – nur kriminell werden sie nicht. Polizei und Staatsanwaltschaft haben nicht viel Arbeit damit, denn sexuelle Übergriffe werden nur dann strafrechtlich verfolgt, wenn sie die laut Strafgesetzbuch erforderliche „Erheblichkeit“ aufweisen. Bei Berührungen von Brust, Hintern und Genitalbereich kommt es für die gerichtliche Einschätzung darauf an, ob über oder unter der Kleidung begrabscht wird, deswegen auch die detaillierte Beschreibung im Protokoll.

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Sexismus zukünftig strafbar

Im Grunde nichts ungewöhnliches: Ein US-amerikanischer Journalist spricht gestern im Fernseh-Interview über Hillary Clinton und gibt sich erst gar nicht den Anschein politischer Berichterstattung. Nein, er äußert sich unverhohlen abfällig über Clintons Körpergewicht und ihr Äußeres.
So wie der geschätzte Ex-Präsident von Frankreich, der sich öffentlich über Angela Merkels Figur lustig machte, als sie bei einem protokollarischen Bankett eine zweite Portion nahm.

Es langt so dermaßen. Ich will nicht mehr darauf warten, dass jeder verstanden hat, wo das Problem liegt.
Wenn wir nicht auf Respekt setzen können, dann eben auf das Recht. Piraten, Grüne, vielleicht sogar die SPD: Wie wäre es ganz ohne Umstände mit einem Antrag auf Änderung des Strafgesetzbuches, wonach sexistische und herabsetzende Äußerungen nach Artikel 1 Absatz 3 des Grundgesetzes strafbar sind.
Ein Typ, der die promovierte Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland und führende Politikerin der Europäischen Union wegen ihrer äußeren Erscheinung lächerlich zu machen auch nur versucht, latzt 12.500 Euro und wird mit einer Sperre in der Berichterstattung von mindestens 10 Tagen belegt.

Des Kaisers neue Kleider revisited

News from a goofed life: Private Nachrichten aus einem vermasselten Leben

In meiner Familie wird viel geredet. In anderen auch, ich weiß. Das Phänomen ist bekannt und manche Leute machen einen Riesenreibach mit der wortreichen Lebendigkeit und stets heiteren Originalität ihrer Familienmitglieder (der herzensgute Brigitte-Familienvater-Kolumnist fällt mir ein).
Was den Rede-Koeffizienten bei uns in die Höhe treibt, sind nicht die niedlichen Aperçus der Jüngsten, sondern die permanente Vertonung des Alltags.
Kind 2 schreibt auf dem Computer und redet währenddessen laut: So, jezz scanne ich mal das Internet in mein Bildschirm, Mama, wie geht das Erwachsenenpasswort, ich brauch Internet. Mist, Giraffe nicht mit K. Ich hab morgen Schwimmen.
Hinein in den Endlostext spricht Kind 1: Wieso darf sie jezz Firefox und ich nicht. Mama, schau mal, was ich gemacht habe. Was schreibst du da? Nie schaust du, was ich mache. Wer hat meinen Lieblingsstift unter die Heizung geschmissen.
Soweit alles normal. Hinzu nun aber treten notorisch polyphone, kontroverse Kommentare zu jeder Lebensäußerung und die grenzenlose Liebe zu Erklärungen. Kind 1 erklärt ausführlich, wieso die Erde keine vollkommen runde Form hat. Kind 2 erklärt umständlich, warum ihr Stofftier von Gott geboren sein muss. Gemeinsam erklären sie, dass sie unbedingt Comics kaufen gehen müssen. Der Nachbarin erklären sie über den Balkon, warum ich wenig Geld verdiene. Ich erkläre zum millionsten Mal, warum man Hände waschen muss. Und der Mann (allmählich komme ich zum Punkt) erklärt die wichtigen Sachen und schwierigen Wörter. Gern beim Essen. Kapitalismus etwa. Finanzkrise. Militanter Rechtsextremismus. Ideologie.
Zur Not fiele mir dazu auch etwas ein, aber ich bin froh, bis auf das Notwendigste (sitz gerade, benutz das Besteck) nicht sprechen zu müssen, speise und genieße das Spektakel. Auf Hauptseminarniveau, mit eingeschobenen Nebensätzen und soziologischer Ernsthaftigkeit setzt die Erklärung ein, was bei Kind 2 augenblicklich zu einem Zustand führt, den sonst nur sehr teure Rauschmittel erzeugen: selige Schläfrigkeit, verdrehte Augen, abgrundtiefe Langeweile. Kind 1 kommentiert simultan und erklärt sich die Erklärung. Bis neulich Kind 2 den Kopf hebt und die Frage stellt: Wieso, Mama, weiß er eigentlich so viel mehr als du?
Als aufgeklärter Mann beeilt sich der Mann zu erklären, was Geschlechterstereotype seien, Rollenzuschreibungen, Gebaren und Gestus.
Kind 1 erkärt: Weiß er gar nicht. er ist nur ein Mann. Deshalb. Ich erkläre, dass Männer wirklich so sind, und seitdem lässt sich die Welt einfacher erklären: Die Deutschlehrerin wollte heute eben auch mal ein Mann sein, der Mathelehrer: Du weißt schon (vieldeutiges Augenbrauen heben) und Elke Heidenreich (ich kann „Nero Corleone“ gelesen von der Autorin auswendig) schreibt eben nicht wie ein Mann. Deshalb.

Taubenscheiße

Ich weiß nicht mehr, wann ich den Humor verloren habe, den mein alter Lateinlehrer Doktor W. für ein Zeichen von Bildung und erwachsener Gelassenheit ansah. Er hätte von mir erwartet, dass ich die Bildunterschrift als das nehme, als was sie sich ausgibt: ein ironisches, süffisantes, wohlmeinendes Aperçu.

(c) Frankfurter Allgemeine Zeitung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Bildunterschrift  lautet:

(…) Atemberaubend, wie blind sie (die Griechen) dafür sind, dass es nicht der Fall ist, der einen umbringt, sondern der plötzliche Stopp – und der kommt schneller, als diese herrlich lachende Griechin in Olympia denken mag. (..) Aber, liebe Europäer, darf ein Land, das solche zauberhaften Täubchen sein Eigen nennt, sterben?“

Das ist nicht lustig.
Ja, die herrlich lachende Griechin mit den vollen Titten. Das pralle Leben, antike Schönheit, jung, statuarisch, im Glanz der Tradition. Herrlich, wenn junge, fruchtbare und schöne Frauen so herrlich lachen. Zauberhäfte Täubchen, die wir uns braten in der kleinen Penthouse-Wohnung, die wir ihr zahlen. Täubchen, die wir unser Eigen nennen und vernaschen am Wochenende oder im Puff in der Mittagspause.
„Liebe Europäer“. Wer immer von den Millionen von europäischen Männern sich angesprochen fühlt, soll mir weg bleiben. Das sind die gleichen Leute, die den Menschen in einem freien Land drohen (>Berlin droht Athen mit Ende der Hilfszahlungen<), weil sie aus der Perspektive von Guido Westerwelle die falschen Parteien gewählt haben.

Ehe der Ruch der humorlosen Feministin an mir haften bleibt, erzähle ich noch eine großartige Story, die ich gestern auf Deutschlandradio Kultur gehört habe. Der Bericht beschäftigte sich mit der russischen Militärparade am 9. Mai. Alljährlich wird auf dem Roten Piatz der Sieg der Roten Armee über Nazi-Deutschland gefeiert.

Einer Umfrage des unabhängigen Levada-Institutes zufolge sahen sich letztes Jahr zwei Drittel der Russen die Parade an – und fanden sie mehrheitlich gut. Die Hochzeit von Prinz William und Kate Middleton dagegen verfolgten nur halb so viele – und den meisten gefiel sie nicht.