Sexismus vor, nach und in Köln

Die Kanzlerin sagt in der FAZ, der Frauenverachtung, die sich in Köln gezeigt habe, müsse man entschieden entgegentreten, „es sei gut, dass es sehr viele Anzeigen gebe, und die Polizei müsse all diesen Dingen nachgehen.“

All diesen Dingen soll die Polizei nachgehen. Der Bericht des NRW-Innenministerium zur Silvesternacht in Köln listet die Strafanzeigen aus den Aufnahmeprotokollen einzeln auf: „mehrfach begrabscht … in den Schritt gefasst …. Griff an Po und Scheide … in den Intimbereich oberhalb ihrer Kleidung gefasst …. Finger in Scheide eingeführt, misslang wegen Strumpfhose … Hintern und Schritt angefasst … an das Gesäß gefasst (unterhalb des Rockes und oberhalb der Strumpfhose) … zwischen die Beine gefasst und geküsst … mehrfach anstößig berührt … wurde von mehreren Personen angefasst … zwischen den Beinen gepackt“.

All diese Dinge werden im Wortlaut bestürzend konkret, widerwärtig, gewalttätig, albtraumhaft, frauenverachtend – nur kriminell werden sie nicht. Polizei und Staatsanwaltschaft haben nicht viel Arbeit damit, denn sexuelle Übergriffe werden nur dann strafrechtlich verfolgt, wenn sie die laut Strafgesetzbuch erforderliche „Erheblichkeit“ aufweisen. Bei Berührungen von Brust, Hintern und Genitalbereich kommt es für die gerichtliche Einschätzung darauf an, ob über oder unter der Kleidung begrabscht wird, deswegen auch die detaillierte Beschreibung im Protokoll.

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Spätfolgen der Aufklärung

No fuck in the factory, das haben wir schon von unserem Müttern gelernt. Am Ende zahlen immer, immer die Frauen drauf und meistens verlieren sie dabei ihren Job. Der betörende Glaube, der Chef liebe seine Ehefrau tatsächlich nicht mehr, die aus dem Beruf gewonnene Verbundenheit sei das wahre Glück und so weiter hat nichts mit dem gern geäußerten Generalverdacht des sich Hochschlafens zu tun. Das eine ist Dummheit, das andere Arbeit.
Sich hochzuschlafen ist hohe Kunst und harte Arbeit, die mit sexueller Anziehung oder Spaß rein gar nichts zu tun hat. Kein Geschäft für Anfängerinnen.
Fakt bleibt, dass sich Männer und Frauen sehr häufig am Arbeitsplatz kennen lernen und anbandeln. EIn Kompromiss: nur ausnahmsweise und mit verheirateten Männern auf gleicher Hierarchiestufe. Das aber nur am Rande.
Reden wir hingegen von sexueller Belästigung,  liegt die Sache ganz anders.
Die Anerkennung als Tatbestand, Strafbarkeit, arbeitsrechtliche Konsequenzen und vor allem Aufklärung waren harte gesellschaftliche und politische Kärnerarbeit.
Als Selbständige hat man keine Kollegen. Mich küsst keiner am Kopierer, dafür nicht die Spur einer Belästigung. Das Thema ist ohnehin längst durchbuchstabiert, ein Jeder gewarnt und alle Bewusstseine geschärft. Im Grunde könnte mir sexuelle Belästigung so als Fragestellung betrachtet kaum gleichgültiger sein.
In seiner irrsten Form tritt nun sexual harassment durch die Hintertür in mein Leben: Ich bezahle gefühlte 800 Euro jeden Monat dafür, dass meine Kinder Instrumentalunterricht bekommen und ordentliche Menschen werden.
Um über diesem Projekt nicht meinen Arbeitstag vollständig zu ruinieren (zwei Kinder an zwei verschiedenen Nachmittagen zu irgendwelchen Schulen kutschieren und Zeit neben wartenden Müttern zu verwarten – HA!), bezahle ich Menschen dafür, dass sie ins Haus kommen.
Der Geigenlehrer ist ein älterer, beleibter, kleiner und sehr distinguierter Herr. Um jeden Verdacht der möglichen sexuellen Belästigung im Vorfeld auszuschließen, unterrichtet er nur, wenn eine andere erwachsene Person sich in der Wohnung aufhält. Sicher sinnvoll, ja, verstehe ich doch, na klar.
Also bezahle ich parallel noch eine Frau – sehr jung übrigens und sehr hübsch (einen jungen Mann habe ich nicht gefunden), die aufpasst auf den Geigenlehrer.

Trotzdem weiß ich noch, dass sexuelle Belästigung von Frauen ein echtes politisches Thema ist. Die junge Ägypterin Eman Hashim führt einen award-winning Blog dazu. Wer kein Arabisch liest, hat die Chance auf  TRANSIT einige ihrer Texte zu finden oder ihr auf Twitter zu folgen: @EnamHashim.