Promenade durch parzellierte Landschaften

In meinem Leben passiert gerade nicht viel. Was gut und schlecht ist. Ich nehme mir Zeit zu beobachten, lasse mich in meinen Meinungen verunsichern, wandere in Debatten umher und schaue darauf, wie sie geführt werden.

Wo wir gerade über Sprache reden: Die Böll-Stiftung hat eine Studie  in Auftrag gegeben. Die Nautilus Politikberatung legte dieser Tage das Ergebnis vor: eine sprachbasierte Lageanalyse „Diskurs mit den Piraten„, die den Wort- und Sprachgebrauch in der internen und programmatischen Kommunikation der Piratenpartei auswertet und Empfehlungen für eine grüne Diskursstrategie gibt. Ich erlaube mir, hier nur die bunte Tagcloud der meist verwendeten Begriffe auf Seite 10 der Zusammenfassung anzuschauen: Konzept, Idee, System, Pirat natürlich, Euro und Meinung sind prominent repräsentiert. Das Schlagwort Frau taucht einmal verschwindend klein auf, nirgendwo Emanzipation, Gleichstellung, Geschlechtergerechtigkeit oder Teilhabe. Auch Genderpolitik – nichts, gar nichts. Da staunst du nicht, um mit dem Brenner zu sprechen, sprich Neo-Liberalismus.
Dabei haben einige Piratinnen letzte Woche eine politisch wie medial außerordentlich gelungene Aktion initiiert und durchgezogen. tits4humanrights hat es nicht nur erreicht, mediale Aufmerksamkeit für den Protest der geflüchteten Menschen am Brandenburger Tor zu erzeugen, sondern zugleich die sexistische Haltung und Sensationsgier der Presse in einer lässigen Volte vorzuführen.
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Frau Schramm

bezeichnet sich selbst als Politologin, Piratin, Publizistin, Pro-Aktivistin, Prokrastiniererin, Prä-Politikerin, Privilegienmuschi, Provokateurin und Feministin (die schöne P-Reihe kaputt, das tut mir Leid) und vertritt viele Meinungen (geistiges Eigentum sei ekelhaft zum Beispiel). Gleichzeitig publiziert sie das eigene Buch im Knaus Verlag, weil sie dadurch die „kapitalistische Logik kennen lernen“ kann).
Dem heutigen Artikel von Melanie Mühl in der FAZ entnehme ich die Information, dass Frau Schramm vor ihrem Eintritt in die Piratenpartei Mitglied der Jungen Liberalen war und für Gerhard Pape arbeitete. (Können junge Menschen in der Liberalen Partei keine Erfahrungen mehr mit kapitalistischer Logik machen? Kein Wunder, dass der Laden schließt.)
Meinungsstärke gibt es auch auf der Homepage der Kandidatin für den Bundesvorsitz der Partei (der Piraten jetzt): „Hier wird sich geduzt. Das Siezen ist im deutschen Internet ein Zeichen von absichtlicher Distanz. Es kann als unhöflich interpretiert werden“.
Verstehe ich Sie richtig, Frau Schramm: Absichtliche Distanz kann als unhöflich interpretiert werden? Dann ist es wohl unhöflich, wenn ich es erheiternd finde, dass Sie als ausgebildete Geisteswissenschaftlerin (was Sie ja mehrfach betonen) einen einzigen Wikipedia-Satz zitieren, um den Diskursbegriff Foucaults zu erhellen. (Das ist allerdings eine Anmerkung, die nur meine eigene Arroganz und allgemeine Engstirnigkeit verrät. Schwamm drüber.)

Nach der Publikation des Buches im Bertelsmann-Hardcover veranstaltet der Verlag als Promotionsmaßnahme im Literaturhaus Hamburg eine schöne Podiumsdiskussion mit Sascha Lobo und Kathrin Passig, moderiert von Ijoma Mangold. Herrlich, so eine eine rundum betreute Lernerfahrung, die Ihr Agent wahrscheinlich ausgehandelt hat. Wieviel haben Sie bekommen für das geistige Eigentum, dessen Konzept und Verwertung Sie politisch grundsätzlich verwerflich finden?

Ebenso interessant wie Ihre Lernerfahrung in der kapitalistischen Logik wäre unter Umständen auch eine semiotische Bildlektüre (www.wikipedia.de, Stichwort: Barthes) der beiden Fotos von Ihnen, die der Verlag verwendet.
Welches Autoren-Narrativ inszeniert eine selbstbewusste „Internet-Exhibitionistin“ und Piratin in der Medienlandschaft?
Das eine kess, naiv und sexy, ganz die frische Domina à la Roche. Das andere die kühle L’Oréal-Ikone, gestylte feine Unschuld mit wehendem Haar, fit für Hochglanz-Magazine.

Provokant scheint mir das nicht zu sein. Feministisch ebenso wenig. Rundum uninteressant trifft es eher.