Frau Schramm

bezeichnet sich selbst als Politologin, Piratin, Publizistin, Pro-Aktivistin, Prokrastiniererin, Prä-Politikerin, Privilegienmuschi, Provokateurin und Feministin (die schöne P-Reihe kaputt, das tut mir Leid) und vertritt viele Meinungen (geistiges Eigentum sei ekelhaft zum Beispiel). Gleichzeitig publiziert sie das eigene Buch im Knaus Verlag, weil sie dadurch die „kapitalistische Logik kennen lernen“ kann).
Dem heutigen Artikel von Melanie Mühl in der FAZ entnehme ich die Information, dass Frau Schramm vor ihrem Eintritt in die Piratenpartei Mitglied der Jungen Liberalen war und für Gerhard Pape arbeitete. (Können junge Menschen in der Liberalen Partei keine Erfahrungen mehr mit kapitalistischer Logik machen? Kein Wunder, dass der Laden schließt.)
Meinungsstärke gibt es auch auf der Homepage der Kandidatin für den Bundesvorsitz der Partei (der Piraten jetzt): „Hier wird sich geduzt. Das Siezen ist im deutschen Internet ein Zeichen von absichtlicher Distanz. Es kann als unhöflich interpretiert werden“.
Verstehe ich Sie richtig, Frau Schramm: Absichtliche Distanz kann als unhöflich interpretiert werden? Dann ist es wohl unhöflich, wenn ich es erheiternd finde, dass Sie als ausgebildete Geisteswissenschaftlerin (was Sie ja mehrfach betonen) einen einzigen Wikipedia-Satz zitieren, um den Diskursbegriff Foucaults zu erhellen. (Das ist allerdings eine Anmerkung, die nur meine eigene Arroganz und allgemeine Engstirnigkeit verrät. Schwamm drüber.)

Nach der Publikation des Buches im Bertelsmann-Hardcover veranstaltet der Verlag als Promotionsmaßnahme im Literaturhaus Hamburg eine schöne Podiumsdiskussion mit Sascha Lobo und Kathrin Passig, moderiert von Ijoma Mangold. Herrlich, so eine eine rundum betreute Lernerfahrung, die Ihr Agent wahrscheinlich ausgehandelt hat. Wieviel haben Sie bekommen für das geistige Eigentum, dessen Konzept und Verwertung Sie politisch grundsätzlich verwerflich finden?

Ebenso interessant wie Ihre Lernerfahrung in der kapitalistischen Logik wäre unter Umständen auch eine semiotische Bildlektüre (www.wikipedia.de, Stichwort: Barthes) der beiden Fotos von Ihnen, die der Verlag verwendet.
Welches Autoren-Narrativ inszeniert eine selbstbewusste „Internet-Exhibitionistin“ und Piratin in der Medienlandschaft?
Das eine kess, naiv und sexy, ganz die frische Domina à la Roche. Das andere die kühle L’Oréal-Ikone, gestylte feine Unschuld mit wehendem Haar, fit für Hochglanz-Magazine.

Provokant scheint mir das nicht zu sein. Feministisch ebenso wenig. Rundum uninteressant trifft es eher.

News from a goofed life: full house

News from a goofed life: private Nachrichten aus einem vermasselten Leben


Anders als Liebe oder Kinder ist Patchwork kein Lebenswunsch. Ich kenne niemandem, der sich dieses Leben ausgesucht hätte. Die meisten Menschen geben ihr Bestes, wenn sie denn vor dieser Aufgabe stehen. Sie halten durch und versuchen auf dem wackeligen Kahn die Balance zu halten.
Bei einer Recherche im letzten Jahr fand ich eine Statistik, laut derer die Prognose für ein dauerhaftes Zusammenwachsen und –leben in einer Patchwork-Familie im Schnitt gar nicht schlecht ist. Diese kontraintuitive Aussage gewinnt an Plausibilität, wenn man sich vor Augen führt, dass die Beteiligten knallharte Realpolitik betreiben und weder Romantik noch Glückserwartungen im Gepäck haben. Elmar Krekeler hat in seiner Kritik an Melanie Mühls Streitschrift Die Patchwork-Lüge (Hanser 2011) in einer sehr persönlichen Weise jedweder Vermutung, dieses Leben sei cool oder einfach oder gewollt, eine Absage erteilt. Patchwork schmerzt, immer wieder, macht Mühe und braucht Gelassenheit.

Mein fortgesetztes defizitäres Wursteln im Patchwork-Alltag führe ich im Wesentlichen auf zwei Punkte zurück: das Fehlen traditioneller Rollenvorbilder und entlastender Verhaltensmuster zum einen. Zum andern ist mir das Alles manchmal einfach zu viel. Da ich den Mangel an Vorbildern auf kurze Sicht nicht beheben kann, gehe ich also nach einem besonders mühsamen Wochenende zu Fuß in die Stadtbücherei und lese auf dem Rückweg das dünne Buch des sehr erfolgreichen Familientherapeuten Juul: Aus Stiefeltern werden Bonuseltern, immer in der Hoffnung, dass mich niemand mit einem Ratgebertaschenbuch in der Hand sieht.
Oha.
Da ich aber irgendetwas unternehmen muss und keine Politik mir helfen wird, beschließe ich die Einführung einer Familienkonferenz nach Juul. Schon bei dem Entschluss fühle ich mich besser: konstruktiv, demokratisch, zukunftsweisend. Beim ersten  Mal will ich die Fallhöhe mindern und lade nur die eigenen Kinder ein, die naturgemäß auf diese Veranstaltung keinen Bock haben.
Nach dem Abendessen. Alle sitzen auf dem großen Bett, Mutti beginnt:
Wie ihr euch fühlt, ob ihr Wünsche habt, was ihr verändern möchtet.
In diesem Moment geht es los. Die Sechsjährige legt den Kopf schief, greift sich ein Kuscheltier, das sie mitgebracht hat, als Zeichen ihrer laufenden Redezeit, guckt superinteressiert und sagt: Mama, ich wollte sagen, dass ich es echt gut finde, dass du dich um uns kümmerst und so und auch den Haushalt machst. Mit eurer Trennung kommen wir ja gut klar (Die Achtjährige haut sich währenddessen mit der rechten Hand auf die linke Schulter, als ob sie Schmerzen hätte, klärt mich aber rasch auf: Mama, das bedeutet gestische Zustimmung. Wir verschwenden so keine Zeit durch doppelt Sagen. Aha.).
Und ich wünsch mir, fährt die Kleine fort, dass wir Kinder uns lieber mit Worten zanken als mit Kloppen. Spricht und wirft das Kuscheltier zu ihrer Schwester. Die fängt und legt routiniert los: Ich finde, Mama, du solltest an deinem Verhältnis zu Papa arbeiten (die Kleine haut ihre Schulter). Und ich decke jetzt auch öfter den Tisch ab. Beide schauen mich an. Okay?
Krass Mann, Alter, ey Mann, sagt die Kleine, wir haben noch Zeit zum Legospielen.

Ich knete das Redezeittier und hasse Reformschulen, ich hasse Kompetenzmodelle, die mich so alt aussehen lassen wie meine Großmutter. Die jetzt wahrscheinlich aufmunternd gesagt hätte: Alte Vögel sind schwer zu rupfen.