Feministische Avantgarde in Hamburg: radikal, international und aktuell

Annegret Soltau Selbst, 1975 S/W-Photographie auf Barytpapier © Annegret Soltau / VG Bild-Kunst, Bonn 2015 / SAMMLUNG VERBUND, Wien Photo: Heide Kratz

Annegret Soltau
Selbst, 1975
S/W-Photographie auf Barytpapier
© Annegret Soltau / VG Bild-Kunst,
Bonn 2015 / SAMMLUNG VERBUND, Wien
Photo: Heide Kratz

Eine umwerfend gute, intelligente und berührende Ausstellung ist seit gestern in Hamburg zu sehen: Feministische Avantgarde. Kunst der 1970er Jahre aus der Sammlung Verbund, Wien, kuratiert von Dr. Gabriele Schor.

Die Ausstellung zeigt Arbeiten von mehr als 30 Künstlerinnen, eine Retrospektive über die Anfänge der internationalen feministischen Kunstbewegung.
Was präsentiert wird, ist in vielen Hinsichten bemerkenswert:
Wenn man diese Arbeiten beieinander sieht, ist das Spektrum dessen, was die europäischen (und einige amerikanische) Künstlerinnen schon in den 1970er Jahren gezeigt und erarbeitet haben, nahezu unglaublich und von einer ästhetischen Bildkraft, die wenig eingebüßt hat über 40 Jahre. Die Verschnürung des eigenen Gesichts von Annegret Soltau als Akt, als Zeichen, als Widerstand und als Bild zitiert Madonna auf ihrem neuen Plattencover.

Ich bin Laie, aber mir scheint doch, dass die kuratorische Leistung stupend ist. Über zehn Jahre hat das Team aus Wien in Archiven und Nachlässen gesucht, Material auf Dachböden gefunden und recherchiert, bis sie auch Flugblätter und Ankündigungszettel für Performances und die lustigen Frauenspaziergänge in die Pornoläden einer Stadt zusammen getragen haben. Der reguläre Kunstbetrieb und -markt hat kein Archiv aufgebaut und keinen Wert für diese Kunst erzeugt.

Die Hängung hätte in die Hose gehen können, ist aber stattdessen einnehmend und überzeugend gelungen, bildet formale, manchmal thematische Klammern und gibt der einzelnen Künstlerin Raum.

Die Künstlerinnen haben kein Kollektiv gebildet, keine Gruppe gegründet, und doch in diesem Jahrzehnt zeitgleich und zum ersten Mal in der Kunstgeschichte ein neues Bild der Frau(en) geschaffen. Sie haben nicht nur ähnliche Themen aufgegriffen, sondern auch ähnliche Strategien benutzt. Bestimmt nicht verwunderlich, dass viele der Künstlerinnen Performance, Film, Fotografie und Video einsetzten: Neue Medien und Techniken, die unbelastet von Traditionen in der Kunstgeschichte zur Verfügung standen.
Sie wurden laut und sichtbar, haben die herrschende Ikonographie des Weiblichen zerlegt, den Kunstbetreib frontal angegriffen, eine männliche Wirklichkeit aufgebrochen, Identität und Rollenzuweisung neu geschrieben, weibliche Sexualität thematisiert und den eigenen Körper zum Material der Kunst gemacht.

Ana Mendieta, Untitled (Glass on Body Imprints), 1972/1997 C-Print © The Estate Ana Mendieta / Courtesy of Galerie Lelong, New York / SAMMLUNG VERBUND, Wien

Ana Mendieta, Untitled (Glass on Body Imprints), 1972/1997
C-Print © The Estate Ana Mendieta / Courtesy of
Galerie Lelong, New York / SAMMLUNG
VERBUND, Wien

Den schweren Katalog habe ich aufs Sofa fallen lassen neben eine aufgeschlagene Frauenzeitschrift (warum die da lag, ist eine andere Geschichte). Die erfolgreiche Schauspielerin Jasmin Gerat wird darin als selbstbewusste, moderne Frau portraitiert. Sie berichtet, der Kurzhaarschnitt, den sie neuerdings trägt, zöge zwar die Aufmerksamkeit von weniger Männern an als vor dem Friseurbesuch, dafür aber ernte sie die Blicke intelligenterer Männer. Ein Foto zeigt sie mit nach innen gedrehten Fußspitzen, wackelig und schier unfähig, sich auf eigenen Füßen zu halten, in der  Pose einer kokettierenden Vierzehnjährigen. Auf dem zweiten Bild beißt sie sich in klischierter Anzüglichkeit auf die Unterlippe, als hätte sie komplett den Verstand verloren und warte nur darauf, vom Ersten, der vorbeikommt, abgeschleppt und ins nächste Reihenhaus gestellt zu werden.
In dieser Welt der Frauenbilder leben wir, einer lückenlos wirksamen Bilderwelt der Imagekampagnen, Rollenzuschreibungen und Körpernormierung. Die Maschinerie reicht in jeden Winkel. Das Persönliche ist dabei zum vermeintlichen Schonraum geworden. Im privaten Raum soll die Konstruktion der Weiblichkeit nicht gelten, hier ist das Hola der Marktsemiotik: hübsch gestaltet, mit kuscheliger Partnerschaft und veganen Kochbüchern. Die Klamotten, die App zum Appnehmen, Teilzeitjob, Fitnessstudio, Steuerklasse, Spaß am Einkochen und Fastenurlaub – alles hochindividuelle, private Lebens- und Kaufentscheidungen.
Die Arbeiten der Künsterinnen aus den 1970er Jahren wirken in unsere Gegenwart hinein wie ein elektrisierender Schlag: Es geht auch anders. Es ging schon mal anders. Das Persönliche ist politisch.
Ich setze nicht die avantgardistische Kunstpraxis mit dem Bilderwahnsinn des Marktes gleich, aber ich habe das Gefühl, dass ich die Energie und befreiende Kraft, die von diesen Künstlerinnen und ihren Arbeiten ausgehen, in meiner Gegenwart nicht mehr leicht wiederfinde.
Selbstbewusstsein, Ironie, Aggression, politische und künstlerische Handlungsfähigkeit, Zartheit, Hartnäckigkeit und Witz, Freiheit und Autonomie begegnen mir in diesen Arbeiten. Einige wenige wie Cindy Sherman, Valie Export oder Orlan sind erfolgreich geworden, die große Zahl aber der Künstlerinnen ist in Hamburg zum ersten Mal zu entdecken. Die Radikalität, die sie eint, und die je eigene Qualität der Kunstwerke sind wunderbar.

Dass die Kunst von Pionierinnen der Frauenbewegung so aufrüttelnd und impulsgebend in die Gegenwart einschlägt und wie ein Gruß in die Zukunft uns erreicht, ist schon ein großer Moment.
Hauptbahnhof aussteigen, rüber schlappen – ganz leicht.

Die Brüste von Femen

Eigentlich wollte ich schon gestern über die feministische Agitprop-Gruppe Femen schreiben. Die Aktivistinnen intervenieren international, medienwirksam und charakteristischerweise barbusig. Meine sparsamen Notizen sahen so aus und wurden auch während des Abends nicht besser:

Ukraine: höchste HIV-Infektionsrate Europas. 330.000 Menschen – 1,1,Prozent der Bevölkerung ist mit dem HI-Virus infiziert (Quelle: GIZ)
Odessa: 7,5% der Bevölkerung HIV-positiv
Land mit der europaweit höchsten Rate an HIV-Neuinfektionen
patriarchal, postkolonial, homophob
Oksana Sabuschko taz-Interview
Gesprächsnotizen mit Sabuschko Berlin 2011

Ich kam nicht ins Schreiben hinein, weil ich nicht herausfinden konnte, wo mein Problem liegt, bis ich dann das CI-Foto der Gruppe auf der Femen-Webseite sah.
Es vermittelt eine Idee vom Impetus: feminin, selbstbewusst, kämpferisch, lustvoll, spontan, jung, frei und nicht schwedisch, wie ich natürlich am Anfang wieder dachte, sondern ukrainisch. Die Kampagnen der Gruppe werden rund um Großereignisse entwickelt (Davos, EM, Strauss-Kahn, am internationalen Frauentag in Istanbul). Die Entblößungs-Aktionen vor laufenden Kameras richten sich gegen Sexismus und Ausbeutung. Weiterlesen

Geschlecht: Anderes

Wirklich große Dinge ereignen sich sehr leise. Am 23. Februar hat der deutsche Ethikrat in Berlin seine Stellungnahme zur Situation Intersexueller in Deutschland der Bundesregierung übergeben.

Unsere Gegenwart wird bestimmt von neuen Kommunikationstechnologien und kulturellen Verschmelzungs- und Auflösungserscheinungen.
Im Alltag aber und in Wahrheit leben wir in einer Welt, die zunehmend ängstlicher sich festhält an konservativen Orientierungsmustern. Verdammt, wie kleinmütig sind die meisten wieder auf Ordnung bedacht, auf Zuordnung und Anstand. Über Feinstaubbelastung und veganes Frühstück wird in jeder Kita verhandelt. Wer redet noch über die Spielarten kindlicher Sexualität? Tolerante Mittelschichtmütter von kleinen Jungs bekommen hektische Übersprungsflecken am Hals, wenn das Kind ein Kleid tragen möchte – und das nicht einmal und nur Zuhause, sondern oft und auf der Straße.
Wir leben in einer Welt, die nur Männer und Frauen zulässt und inzwischen schon wieder in einer Zeit, die nur richtige Männer und richtige Frauen will und keinen Platz einräumen mag für Schattierungen, Brechungen und Varianz.
Im Feuilleton wird ausgiebig über die mangelnde Virilität der neuen Männer sinniert. Wie traurig asexuell diese Zweifler seien – und wie langweilig! Der starke Prinz soll es bitte sein, männlich, herrlich, redegewandt und draufgängerisch im richtigen Moment. Ja, vor dem Krieg war das besser.

Nun gibt es Menschen, deren körperliche Geschlechtsmerkmale (wie Chromosomen, Hormone, Keimdrüsen und äußere Geschlechtsorgane) bei der Geburt nicht eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen sind. Sie leben zwischen den Geschlechtern oder tragen Merkmale beider, sind weder eine Frau noch ein Mann – in Deutschland sind dies etwa 100.000 Menschen. Jahrzehntelang – und bis in die Gegenwart hinein – war es ärztliche Praxis, solche intersexuellen Kinder durch geschlechtszuordnende Operationen und Hormonbehandlungen möglichst früh einem der beiden Geschlechter zuzuweisen. Der Ethikrat bezeichnet solche Operationen jetzt als „ein Eingriff in das Recht auf körperliche Unversehrtheit und auf Wahrung der geschlechtlichen und sexuellen Identität“. Desweiteren fordert das Gremium, intersexuelle Menschen als „Teil der gesellschaftlichen Vielfalt“ anzuerkennen und vor „medizinischen Fehlentwicklungen und Diskriminierung“ zu schützen. Auch dass Eltern sich gleich nach der Geburt für ein Geschlecht entscheiden sollen, hält der Ethikrat für „einen nicht zu rechtfertigenden Eingriff in das Persönlichkeitsrecht und das Recht auf Gleichbehandlung“.

Und dann kommt der revolutionäre Teil:
Der Ethikrat empfiehlt, ein drittes Geschlecht einzuführen. In Zukunft sollen Betroffene im Personenstandsregister als Geschlecht neben „männlich“ und „weiblich“ auch „anderes“ angeben können.
Das nenne ich mal, kurzerhand und brillant begründet eine Ordnung zertrümmern. Neu denken. Politische Forderungen adressieren.

Meine Bitte an den Ethikrat: eine Stellungnahme zum Erbrecht und wenn es geht, auch eine zu Spekulationsgeschäften mit Nahrungsmitteln. Danke.

Die Mitglieder des revolutionären deutschen Ethikrates:
Prof. Dr. iur. Edzard Schmidt-Jortzig, Prof. Dr. med. Christiane Woopen, Prof. Dr. theol. Eberhard Schockenhoff, Prof. Dr. med. Axel W. Bauer, Prof. Dr. phil. Alfons Bora, Wolf-Michael Catenhusen, Prof. Dr. rer. nat. Stefanie Dimmeler, Prof. Dr. med. Frank Emmrich, Prof. Dr. phil. Dr. h. c. Volker Gerhardt, Hildegund Holzheid, Prof. Dr. theol. Dr. h. c. Wolfgang Huber, Prof. Dr. theol. Christoph Kähler, Prof. Dr. rer. nat. Regine Kollek, Weihbischof Dr. theol. Dr. rer. pol. Anton Losinger, Prof. Dr. phil. Weyma Lübbe, Prof. Dr. med. habil. Dr. phil. Dr. theol. h. c. Eckhard Nagel, Dr. phil. Peter Radtke, Prof. Dr. med. Jens Reich, Ulrike Riedel, Dr. iur. Dr. h. c. Jürgen Schmude, Prof. Dr. iur. Dres. h. c. Spiros Simitis, Prof. Dr. iur. Jochen Taupitz,Dr. h. c. Erwin Teufel, Prof. Dr. rer. nat. Heike Walles, Kristiane Weber-Hassemer, Dipl.-Psych. Dr. phil. Michael Wunder