So war mein Frauentag 2015

Der Baumarkt an sich ist ja eine großartige Sache.
Füllhorn der Einsichten für Stadtethnografinnen, Gendertheoretiker, Kapitalismuskritikerinnen, Linguisten (Hochdruckeinspritzdüsenautomatikeinrichter), Paartherapeuten und Semiotikerinnen, die dort an jedem beliebigen Samstag aasen können wie der Leopard in der Lämmerherde.

Für mich persönlich ist der Baumarkt kein natürliches Habitat.
Ich bin handwerklich nicht geschickt. Ich kann nicht schwer tragen, und meine Arme tun schnell weh. Ich bin mir völlig im Klaren darüber, dass meine Fähigkeiten auf dem Gebiet des handwerklichen Tuns sehr beschränkt sind, was mich im Grunde nicht beunruhigt, aber nervös macht, wenn ich mich auf dem Hoheitsgebiet der Zupackenden und Hobbybegeisterten bewege.
Ich beziehe weder Selbstbestätigung aus der Tatsache, dass ein Nagel in der Wand ist, wo vorher kein Nagel war, noch bringt es mir Freude, mit einem Hammer auf einen Nagel zu schlagen. Und ich bin nicht monotonieresistent. Wer einmal eine Wohnung renoviert hat, weiß, was ich meine. Es gibt kaum etwas Öderes.
Manche Frauen erzählen zum Beispiel auch, dass sie putzen, wenn sie traurig sind. Quasi Therapie. Auf die Idee bin ich in meinem Leben noch nicht gekommen. Wenn ich auf andere Gedanken kommen will, lese ich den Wirtschaftsteil der FAZ.
Ich schätze eine saubere Umgebung, aber noch mehr würde ich es schätzen, wenn jemand (gut bezahlt) das machen könnte. Putzen ist die tristeste Betätigung, die ich mir vorstellen kann. Ich tue es, aber mit dem massiven Gefühl der Zeitvergeudung.
Wenn ich etwas renovieren, anschrauben oder reparieren muss, geht mir wie ein Drehbohrer nur ein Gedanke durch den Kopf: Ich lebe in einer arbeitsteiligen Gesellschaft, in der nicht jeder Einzelne Kühe jagen, Weizen anbauen, das Feuer unterhalten, Feinde anbrüllen und die Kinder hüten muss. Aus guten Gründen: Spezialisierung ist sinnvoll, historisch bewährt und hat uns alle weit gebracht. Wenn ich einen Schraubenzieher in der Hand halte, mag es aussehen wie eine Kleinigkeit, ist aber in Wahrheit ein großer Rückschritt für die Menschheit.

Wieso also muss ich Dübel in die Wand ballern oder Steckdosen anschrauben? Zwei Antworten:
1. Ich habe es finanziell definitiv nicht weit gebracht. Als Alleinerziehende mit zwei Kindern erfülle ich alle statistischen Wahrscheinlichkeiten in Sachen Armutsgefährdung.
Zwei Handwerker, die, gut ausgebildet und mit professionellem Werkszeug versehen, die Renovierung von Flur und Bad  angehen und schön ausführen, kann ich nicht bezahlen. Diese Einsicht genügt an manchen Tagen, um mein Selbstwertgefühl anzunagen.
2. Ich lebe allein. Partnerschaftliche Arbeitsteilung fällt also aus.
Schatz, holst du Kind 1 vom Chor ab und gehst danach einkaufen? Dann hänge ich die Wäsche auf und bringe Kind 2 zum Sport. Liebling, ich muss heute länger arbeiten, machst du das Abendessen? Ich kümmere mich dann später um die Buchhaltung. Ach und übrigens, magst du dich mit der Renovierung befassen und vorher noch den Wochenendeinkauf machen, ich bringe das Altpapier weg und arbeite im Garten. Du kannst das einfach besser als ich.

Als ich Samstagmorgen mit den öffentlichen Verkehrsmitteln am Baumarkt ankam, war meine Verfassung im Wissen um das, was da auf mich zukommen würde, bereits labil. Dann erst kamen die Ehepaare, die auf dem Parkplatz aus dunkelblauen Kombis aussteigen, dann die Typen, die sich gern Wörter wie Fliesenkreuz, Kartuschenpresse, Langhalswinkelschleifer oder Wasserpumpenzange sagen hören (okay, da wusste ich immerhin, dass ich in der falschen Abteilung war). Welches Leben führt man, um solche Sachen besitzen und in seinem Privatleben verwenden zu wollen?

Als ich endlich beim Malerbedarf stand, war mir dieses ganzes Land fremd. Was dann aber folgte, war das netteste Verkaufsgespräch, was mir je untergekommen ist.
Wie kann ich Ihnen helfen? Ich zuppele mein zerknittertes, kleines Post-it aus der Hosentasche, wo beidseitig in Miniformat Grundriss und Quadratmeterberechnung minus Türblätter Platz gefunden hatten, berechneter Lackbedarf für zwei Türen, Heizungsrohre und Lamperien, angemischte Farbe für einzelne Flächen und die Liste für das Material drumherum: Kreppband, Anlauger, runde Pinsel, Rollen, Teleskopstange und so. Er nimmt den Zettel ganz vorsichtig, streicht ihn glatt, guckt konzentriert, tippt und notiert, während ich noch anfüge: Es muss mit einem kleinen Farbeimer gehen, denn den großen kann ich nicht zum Bus tragen, ich habe insgesamt zehn Stunden Zeit, brauche also hochdeckende Farbe, will keinen Handwerkerpreis gewinnen, und es muss nicht teuer werden.
Und dieser Mann sagt: Alles auf Ihrem Zettel stimmt, und Sie haben nichts vergessen, warten Sie bitte einen Moment, ich stelle Ihnen die Waren zusammen. Ich empfehle eine kleinere Rolle, dann tun Ihnen die Arme nicht so schnell weh bei den hohen Decken. Aber Sie brauchen leider einen großen Farbeimer. Ich hab sowieso gleich Pause, ich trag ihn eben rasch für Sie zur Bushalte.
Das hat der Mann getan und zum Abschied gesagt: Ich wünsch Ihnen gutes Gelingen. Sie machen das sicher ganz prima.

Den Frauentag habe ich handwerkelnd verbracht. Es ist fertig geworden und das Ossobuco zum Abendessen verdammt gut. Ich habe die Renovierung mit der ausnehmend freundlichen Unterstützung des Baumarkt-Angestellten nicht lieber getan, aber leichter. Und habe beim Streichen die Gelegenheit genutzt, auf brülllaut ungestört alle meine alten Zappa-Platten zu hören.

Transmissionseffekt. Mit diesem Begriff bezeichnet man in der Familiensoziologie eine der Ursachen für die zunehmende Partnerlosigkeit in Deutschland: Alleinerziehende Frauen geben durch ihre Verhaltensmuster und Bewältigungsstrategien ihren Kindern ein Beispiel, übertragen somit die Lebensführung ohne Partner auf die nächste Generation.
Zapperlot! Und wie lautet der Begriff für Leben in Kleinfamilien? Wertevermittlung?
Auf meinen Übertragungsriemen waren heute jedenfalls zwei Botschaften gespannt:
1. Jeder braucht Unterstützung und Ermutigung, und manchmal kommen sie von unerwarteter Seite.
2. Mama mag Zappa.

Parteinahme am Frauentag

Für gewöhnlich geht der Frauentag ruhig an mir vorbei – einen Artikel liest man oder zwei; in guten Jahren wird man von einem guten Mann mit einer Blume beschenkt.
Dieses Jahr ist etwas passiert, als der Tag schon fast vorbei war: Ich schaute Tagesschau, hörte zunächst das trompetete Over the rainbow als Abgesang auf die politische Kultur und anschließend in einer – naturgemäß geschwächten emotionalen Verfassung – die Familienministerin Schröder sprechen. Über den Erfolg der Flexiquote sprach sie im Bundestag.
(Die Flexiquote bezeichnet ein beliebiges beschäftigungspolitisches Ziel, das sich börsennotierte Unternehmen selbst setzen dürfen. Etwa: „Wir wollen acht Prozent Frauenanteil in den Führungsebenen unterhalb des Vorstands bis 2050.“) Nicht dass ich annähme, es gäbe eine Lösung. Aber diese Nummer der Familienministerin ist eindeutig ein Teil des Problems.
Dieses Mal war es zuviel.
Und nach Jahrzehnten der standhaften Weigerung, einer Partei beizutreten, bin ich seit zwei Wochen bei den Grünen. Man fühlt sich zunächst einmal wie bei Ikea: Haufenweise Infopost und das befremdliche Du in allen Texten.

Frohsinn stiftend hingegen eine Analyse des Auswärtigen Amtes, die uns die FAZ weitererzählt: Deutschen Unternehmen drohen Nachteile beim Export in Länder der Europäischen Union, in denen es eine gesetzliche Frauenquote gibt. „In Industriekreisen zeigt man sich besorgt über die Auswirkungen auf die Exportindustrie.“
Was für eine helle Freude steht uns ins Haus an dem Tag, an dem die Lobbyisten der deutschen Exportindustrie auf Knien ins Kanzleramt gerutscht kommen und um eine gesetzliche 40 Prozent-Quote betteln.