Frau Ministerin Nahles redet über Luxus und Armut. Da machen wir mit.

(cc)_RossPollack_flickrEnde Februar legte der Paritätische Wohlfahrtsverband seinen neuen Armutsbericht vor. Letzte Woche hat dann Arbeitsministerin Nahles einen eigenen Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung angekündigt und im Interview mit der Süddeutschen Zeitung ihr gesellschaftspolitisches Interesse akzentuiert:

Man hört oft Zahlen, wer wie viel besitzt und dass die Kluft zwischen Arm und Reich größer wird. Mir geht es aber um die Frage: Wie wirkt sich Reichtum in unserem Land im Alltag aus? Nehmen Vermögende und die Eliten Einfluss auf politische Entscheidungen und gesellschaftliche Diskurse – welchen und in welcher Form?

Das halte ich ebenfalls für einen hochinteressanten Aspekt. Ich freue mich schon auf den Bericht der Bundesregierung, der die Fragen nach Elitenbildung, Lobbyismus, Stifterfamilien, Vermögensverhältnissen, Einflusssphären und generationellem Vermögenstransfer in Deutschland offenlegen und zur Diskussion bereitstellen wird. Bis das Papier aber vorliegt, können wir uns noch einmal dieser „Kluft“ zuwenden.

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Einerseits und andererseits

Für L. – as a token of friendship

Im Alltag rede ich manchmal über Tage hinweg wenig. Ich meine, richtig reden, mit Erwachsenen, über Themen, mit zuhören, nachfragen und anschauen. Ich sage zur Kassiererin Danke und zur Erzieherin Wieso hat das Kind schon wieder keine Mütze auf?, ansonsten arbeite ich tagsüber still, rede abends an die Brut hin und höre nachts Deutschlandfunk. Zudem ist die Lust am Gespräch in Norddeutschland ungefähr so verbreitet wie der Pockenvirus. Eine angemessene Antwort auf die Frage Wie geht’s? lautet entweder Und dir? oder Wie aufmerksam, dass du fragst. Ab und an aber gibt es wieder diese Tage, da heißt es mit Benn:

(c) Dieter Schwer
Kommt, reden wir zusammen
wer redet, ist nicht tot.

Sozialpsychologen behaupten gern, die Mitte der sechziger Jahre Geborenen seien eine unauffällige Generation. Zu spät für Aufbruch und sexuelle Befreiung, zu früh für die digitale Wende. Eine Generation ohne Kämpfe und Kontur, ohne Ideologie, Moral und Erfindungsgeist.

Nach einer herrlichen Nacht kann ich sagen: Geht mir doch weg mit Kontur und Moral. Hoch lebe das Reden. Wenn wir etwas können, dann reden, zweifeln und Haltung bewahren. Mit Menschen, die ich seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen habe, rede ich nach Minuten wieder über die wichtigen Sachen:
Kunst, Ehebruch, den jungen Liebhaber der Frau, den jungen Liebhaber des Mannes, die einfachen und die schwierigen Kinder, die Angst vorm Altern, Musik in Seattle, nervige Patchwork-Familien, sexuelle Erfahrungen und finanzielle Fragen, den Mangel an Sex, den Literaturmarkt, Scheidung, Sterben, Midlife-Krisen und Urlaubspläne, Versagensängste, Erfolg, Kleingärten, kranke Eltern, Mode in L.A., über Machtstrukturen, Varoufakis, den DJ (oh, oh), Männer in Elternzeit, Architektur, die Liebe, den Augenblick, Ausschweifung, Askese, über Geschwister, Bauchoperationen, die Frauenfrage, Paris und den Hundsrück, die Kindheit in Schwaben, Arbeit, Alimente, Marihuana-Anbau, Stiefkinder und Pendelbeziehungen, über besseres Scheitern und verpasste Möglichkeiten, Erinnerungen an Portugal, falsche Partnerwahl, guten Wodka und Tantiemen.

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Keine Raketenphysik. Zum Equal Pay Day

(c) Lisa Blum-MInkel
RED HANDBAG (c) Lisa Blum-Minkel, Hamburg

Er kommt in die Jahre, der Equal Pay Day.
1988 riefen die amerikanischen Business and Professional Women zum ersten Mal den Aktionstag aus und initiierten die Red Purse Campaign, um auf die Unterbezahlung von Frauen hinzuweisen.
Bei der siebenundzwanzigsten Party sind nun alle dabei: Familienministerinnen, SPD-Vorsitzende, Wirtschaftsredakteure – tout Paris lässt sich blicken und spricht Grußworte, denn das Geburtstagskind ist erwachsen und salonfähig geworden. Es schickt sich, bei dem Event gesehen zu werden.
Unterdessen bewegt sich die Lohndifferenz in Deutschland mit leichten Schwankungen seit Jahren zwischen 22 und 23 Prozent.

Dass der Equal Pay Day zu kurz greift und tiefer liegende Gründe der Ungleichheit vernachlässigt, hat zum Beispiel Antje Schrupp schon 2011 in zehn Thesen klar vorgetragen. Auch die statistische Aussagekraft wurde schon an vielen Stellen zurecht kritisiert. Seit einigen Jahren unterscheidet man deshalb zwischen unbereinigter und bereinigter Lohndifferenz.
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Feministische Avantgarde in Hamburg: radikal, international und aktuell

Annegret Soltau Selbst, 1975 S/W-Photographie auf Barytpapier © Annegret Soltau / VG Bild-Kunst, Bonn 2015 / SAMMLUNG VERBUND, Wien Photo: Heide Kratz
Annegret Soltau
Selbst, 1975
S/W-Photographie auf Barytpapier
© Annegret Soltau / VG Bild-Kunst,
Bonn 2015 / SAMMLUNG VERBUND, Wien
Photo: Heide Kratz

Eine umwerfend gute, intelligente und berührende Ausstellung ist seit gestern in Hamburg zu sehen: Feministische Avantgarde. Kunst der 1970er Jahre aus der Sammlung Verbund, Wien, kuratiert von Dr. Gabriele Schor.

Die Ausstellung zeigt Arbeiten von mehr als 30 Künstlerinnen, eine Retrospektive über die Anfänge der internationalen feministischen Kunstbewegung.
Was präsentiert wird, ist in vielen Hinsichten bemerkenswert:
Wenn man diese Arbeiten beieinander sieht, ist das Spektrum dessen, was die europäischen (und einige amerikanische) Künstlerinnen schon in den 1970er Jahren gezeigt und erarbeitet haben, nahezu unglaublich und von einer ästhetischen Bildkraft, die wenig eingebüßt hat über 40 Jahre. Die Verschnürung des eigenen Gesichts von Annegret Soltau als Akt, als Zeichen, als Widerstand und als Bild zitiert Madonna auf ihrem neuen Plattencover.

Ich bin Laie, aber mir scheint doch, dass die kuratorische Leistung stupend ist. Über zehn Jahre hat das Team aus Wien in Archiven und Nachlässen gesucht, Material auf Dachböden gefunden und recherchiert, bis sie auch Flugblätter und Ankündigungszettel für Performances und die lustigen Frauenspaziergänge in die Pornoläden einer Stadt zusammen getragen haben. Der reguläre Kunstbetrieb und -markt hat kein Archiv aufgebaut und keinen Wert für diese Kunst erzeugt.

Die Hängung hätte in die Hose gehen können, ist aber stattdessen einnehmend und überzeugend gelungen, bildet formale, manchmal thematische Klammern und gibt der einzelnen Künstlerin Raum.

Die Künstlerinnen haben kein Kollektiv gebildet, keine Gruppe gegründet, und doch in diesem Jahrzehnt zeitgleich und zum ersten Mal in der Kunstgeschichte ein neues Bild der Frau(en) geschaffen. Sie haben nicht nur ähnliche Themen aufgegriffen, sondern auch ähnliche Strategien benutzt. Bestimmt nicht verwunderlich, dass viele der Künstlerinnen Performance, Film, Fotografie und Video einsetzten: Neue Medien und Techniken, die unbelastet von Traditionen in der Kunstgeschichte zur Verfügung standen.
Sie wurden laut und sichtbar, haben die herrschende Ikonographie des Weiblichen zerlegt, den Kunstbetreib frontal angegriffen, eine männliche Wirklichkeit aufgebrochen, Identität und Rollenzuweisung neu geschrieben, weibliche Sexualität thematisiert und den eigenen Körper zum Material der Kunst gemacht.

Ana Mendieta, Untitled (Glass on Body Imprints), 1972/1997 C-Print © The Estate Ana Mendieta / Courtesy of Galerie Lelong, New York / SAMMLUNG VERBUND, Wien
Ana Mendieta, Untitled (Glass on Body Imprints), 1972/1997
C-Print © The Estate Ana Mendieta / Courtesy of
Galerie Lelong, New York / SAMMLUNG
VERBUND, Wien

Den schweren Katalog habe ich aufs Sofa fallen lassen neben eine aufgeschlagene Frauenzeitschrift (warum die da lag, ist eine andere Geschichte). Die erfolgreiche Schauspielerin Jasmin Gerat wird darin als selbstbewusste, moderne Frau portraitiert. Sie berichtet, der Kurzhaarschnitt, den sie neuerdings trägt, zöge zwar die Aufmerksamkeit von weniger Männern an als vor dem Friseurbesuch, dafür aber ernte sie die Blicke intelligenterer Männer. Ein Foto zeigt sie mit nach innen gedrehten Fußspitzen, wackelig und schier unfähig, sich auf eigenen Füßen zu halten, in der  Pose einer kokettierenden Vierzehnjährigen. Auf dem zweiten Bild beißt sie sich in klischierter Anzüglichkeit auf die Unterlippe, als hätte sie komplett den Verstand verloren und warte nur darauf, vom Ersten, der vorbeikommt, abgeschleppt und ins nächste Reihenhaus gestellt zu werden.
In dieser Welt der Frauenbilder leben wir, einer lückenlos wirksamen Bilderwelt der Imagekampagnen, Rollenzuschreibungen und Körpernormierung. Die Maschinerie reicht in jeden Winkel. Das Persönliche ist dabei zum vermeintlichen Schonraum geworden. Im privaten Raum soll die Konstruktion der Weiblichkeit nicht gelten, hier ist das Hola der Marktsemiotik: hübsch gestaltet, mit kuscheliger Partnerschaft und veganen Kochbüchern. Die Klamotten, die App zum Appnehmen, Teilzeitjob, Fitnessstudio, Steuerklasse, Spaß am Einkochen und Fastenurlaub – alles hochindividuelle, private Lebens- und Kaufentscheidungen.
Die Arbeiten der Künsterinnen aus den 1970er Jahren wirken in unsere Gegenwart hinein wie ein elektrisierender Schlag: Es geht auch anders. Es ging schon mal anders. Das Persönliche ist politisch.
Ich setze nicht die avantgardistische Kunstpraxis mit dem Bilderwahnsinn des Marktes gleich, aber ich habe das Gefühl, dass ich die Energie und befreiende Kraft, die von diesen Künstlerinnen und ihren Arbeiten ausgehen, in meiner Gegenwart nicht mehr leicht wiederfinde.
Selbstbewusstsein, Ironie, Aggression, politische und künstlerische Handlungsfähigkeit, Zartheit, Hartnäckigkeit und Witz, Freiheit und Autonomie begegnen mir in diesen Arbeiten. Einige wenige wie Cindy Sherman, Valie Export oder Orlan sind erfolgreich geworden, die große Zahl aber der Künstlerinnen ist in Hamburg zum ersten Mal zu entdecken. Die Radikalität, die sie eint, und die je eigene Qualität der Kunstwerke sind wunderbar.

Dass die Kunst von Pionierinnen der Frauenbewegung so aufrüttelnd und impulsgebend in die Gegenwart einschlägt und wie ein Gruß in die Zukunft uns erreicht, ist schon ein großer Moment.
Hauptbahnhof aussteigen, rüber schlappen – ganz leicht.

Schule, the Monster under your Bed

(cc) Marc Palm
Monster (cc) Marc Palm

Neulich las ich auf faz.net einen Artikel zum Thema Schulwahl. Die Autorin Julia Bähr berichtet von den Schauläufen, die weiterführende Schulen neuerdings veranstalten müssen, damit sie angewählt werden, und die man als Eltern besuchen muss, um nur ja den optimalen Bildungsort für den Nachwuchs zu ergattern.
Bähr schlingt noch einen Faden in den Text hinein: Ekliger Turnhallengeruch löst Erinnerungen an ihre eigene Schulzeit aus.
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Politische Botschaften. Nachlese zur Hamburgwahl

(cc) P. Figueiredo
(cc) P. Figueiredo

Vier Hamburger Kinder spielen in der Küche Wahlkampf.

Kind 1 steigt auf den Stuhl, wirft sich in die Brust, hebelt mit den Armen wie einst Charles de Gaulle und tönt: „Ich bin OLAF SCHOLZ! Ich bin euer Bürgermeister und heiße Olaf Scholz. Wählt Olaf Scholz zum Bürgermeister!“
Kind 2 steigt auf den Stuhl. Hände zur Raute: „Ihr kennt ja Angela Merkel. Wir sind die gleiche Partei nur in Hamburg – ja, nun, das wars.“
Kind 3 greift sich eine Tulpe aus der Vase, klettert auf den Stuhl und flötet: „Die armen Eisbären brechen im Eis ein. Die Grünen sind für Klimaschutz und haben süße Hunde lieb.“
Kind 4 macht dann dort oben ein sehr ernstes Gesicht: „Die Flüchtlinge brauchen Wohnungen. Es soll alles viel gerechter werden. Wählt die Hinken.“

Sehen wir einmal davon ab, dass die kindliche Perspektive das Bild leicht verzerrt, so bringen doch die Performances auf der wackeligen Speakers’s corner die Wahlbotschaften ganz gut auf den Punkt: der präsidiale Ton der Sozialdemokraten neben der Unkenntlichkeit der Christdemokraten, die weichgespülte Rückbesinnung auf grüne Umweltthemen neben dem sozialen Schlagwortgewitter der Linken.

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Lupenreines Dreiklassenwahlrecht: Preussischer Landtag

Ob dieser Wahlkampf nun ungewöhnlich ideenlos war, will ich gar nicht kommentieren. Die Plakatflut erreicht jedenfalls mühelos elfjährige Mittelschichtkinder. Die Parteien umwerben ihre Zielgruppe nach den Mechanismen der kommerziellen Werbung. Sie kommunizieren die Marke an Konsumenten, die routiniert Bildsprache und Slogans zitieren können wie Jingles für Handys oder Süßigkeiten.

Nun ist die augenfälligste Besonderheit dieser Hamburger Wahl die unterschiedliche Beteiligung in den Bezirken. Insgesamt lag sie mit 56,9 Prozent niedriger als bei der letzten Bürgerschaftswahl. Im sozial schwachen Stadtteil Billbrook aber gingen nur 26,3 Prozent zur Wahl, im armen Neuallermöhe 39 Prozent. In den wohlhabenden westlichen Vierteln Nienstedten, Othmarschen und Groß Flottbek machten 75 Prozent (!) der Bürger_Innen von ihrem Wahlrecht Gebrauch.

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Schauen statt funktionieren

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Grafik: Funktion (cc) publicdomainvector.org

Das neue Jahr beginnt mit kranken Kindern. Eine Woche Kind 1, die nächste Kind 2. Kochen, vorlesen, Kinderärzte, Wäsche waschen, entschuldigend Abgabetermine verschieben, nachts aufstehen, Wadenwickel – das ganze Programm. Zwei Wochen, in denen ich fast nicht gearbeitet (und kaum Geld verdient) und so gut wie niemanden gesehen habe. Kommt vor.
Zufällig kam mir in der Zeit wieder ein Text in die Hände, den ich vor einigen Jahren geschrieben habe: Es sterben gar keine Frauen.
Eine Überlegung darin dreht sich um Todesanzeigen in überregionalen Tageszeitungen. Schaut man auf einen normalen Wochentag, sterben so gut wie keine Frauen. Höchstens mal eine hoch betagte preussische Gräfin im Kreise der Familie. An diesem Phänomen hat sich wenig geändert. Das Thema der ungleichen Repräsentation schließt aber an ein anderes an, das mich gegenwärtig umtreibt: Unsichtbarkeit.

Ich bemühe einen Klassiker des Selbstmitleids, der hier als experimentelle Anordnung dienen soll: Wenn ich tot umfalle, wie viel Zeit verginge, bis jemand bemerkt, dass ich fehle?
Jeden Sommer fahren meine Kinder für zehn Tage in die Ferien. Für diesen Zeitraum kann ich die Frage ganz präsize beantworten. Elf Tage würde es dauern. Öffnete ich die Tür nicht, wenn der Vater sie zurückbringt, finge er abends an die Mailbox vollzutexten.
In diesen zehn Tagen klingelte bestimmt hin und wieder das Telefon: Freunde, Familie, Zahnarzt. Ein Auftraggeber wäre sauer und schriebe böse Mails. Mehr würde aber nicht passieren. Niemand wäre ernsthaft irritiert, wenn ich mich innerhalb von zehn Tagen nicht meldete. Für alle 355 übrigen Tagen kann ich die Frage ebenso präzise beantworten. 16.15 Uhr wäre der späteste Zeitpunkt für ein Auffinden. Wenn die Kinder aus der Schule kommen. Außerhalb dieser Routine fehle ich nicht.
Was ist in einem Leben passiert, in dem dieses Szenario völlig realistisch ist?
Da ich mich weder für außergewöhnlich griesgrämig noch soziophob halte, komme ich dahin anzunehmen, dass diese Erfahrung mit Strukturen einhergeht. Unsichtbarkeit passiert nicht nur in einem, nämlich in meinem Leben.

Freiberuflichkeit ist als Alleinerziehende – anfangs mit zwei Kleinkindern – die einzige Chance, den Lebensunterhalt für die Familie zu verdienen. Man arbeitet allein, liefert elektronisch ab, mal telefoniert man, meistens nicht. Anerkennung drückt sich im besten Fall in erneuter Auftragsvergabe aus. Es gibt keine Kollegen, wenig Austausch, keine gemeinsamen Projekte, an denen man kontinuierlich arbeitet.

Unsichtbarkeit vollzieht sich nicht von einem Tag auf den anderen, sie wächst in vielen kleinen Schritten: mit jeder Absage auf eine Einladung, weil man den Babysitter nicht bezahlen kann, mit jedem erschöpften Moment und mit jedem leeren Abend vor vollen Wäschewannen, wo allein der Gedanke an einen tollen Tangokursus so fern liegt wie Argentinien. Sie ernährt sich von Geldsorgen und mangelnder Teilhabe, sie wird dichter mit jedem Jahr, das vorübergeht.
Über einem auf Dauer gestellten, den einzelnen Menschen strukturell überfordernden Funktionieren, das keinen Raum übrig lässt, wird die Welt immer enger und man verschwindet – aus den Augen der Anderen wie auch aus dem eigenen Blick. Armut macht unsichtbar, das Alter auf ähnliche Weise. Die Gründe dafür sind so zahlreich wie offenkundig. Die Gutscheine für soziale Anerkennung, emotionale Bedeutung, eine Rolle, gar ökonomischen Erfolg werden in öffentlichen, in beruflichen und privat-intakten erwachsenen Kontexten ausgestellt.
Ich bin nicht allein in der Unsichtbarkeit. Dieses Wissen macht sie nicht erträglicher, lässt sie aber doch vom Schicksal zum Phänomen schrumpfen.

„Alleinerziehende verschwinden über Jahre, teilweise Jahrzehnte, aus Lebensanteilen, die jedem normalen Mensch selbstverständlich erscheinen“, schreibt Candy Bukowsky in ihrer Rezension zu Christine Finkes Buch ‚Allein, alleiner, alleinerziehend‘.

Den Großteil der Bedingungen kann ich akut nicht verändern, einiges Weniges vielleicht auf mittlere Sicht. Was ich aber kann und will, ist Sachen sehen. Es wird auf diesem Kanal also eine neue Serie geben:
Everything you see I owe to my eyes
Eine winzige Abwandlung des Sophia Loren-Zitates: „Everything you see I owe to spaghetti.“ Dort ging es um Kalorien und blendende Schönheit, hier geht es um Blicke: auf Frauen, Geschichten und Bilder, ums Hinschauen.
Gleich heute kommt Folge 1: „Jolie sous les bombes. Spaziergänge in Beirut“

 

 

 

 

Krisen-Filibuster

Private Nachrichten aus einem vermasselten Leben

(c) C.M.Schulz

Zum Geburtstag habe ich von Kind 1 das Buch »Mädchen in der Pubertät« geschenkt bekommen. Damit ich eine faire Chance habe.

Ich finde nicht, dass ich eine faire Chance habe.
Wenn ich an einem Meeting nicht teilnehmen kann, weil ich abends um sechs zuhause bin, Hausaufgaben betreue und Wäsche falte, wünscht sich irgend jemand mehr Engagement von mir. Denn wenn sich das fortsetzte, müsse man sich wohl jemand anderen für den Job suchen.

Wenn ich die Küche gestrichen habe, weist bestimmt irgend jemand wohlmeinend darauf hin, dass es sich durchaus bewährt hätte, die Decke zweimal zu streichen.

Wenn ich zum Klassenfest zwei Flaschen Orangensaft mitbringe, lächelt mich immer irgendeine Mutter verständnisinnig an, während sie ihre selbstgebackene Quiche aus Dinkelvollkornmehl auf den Tisch stellt.

Wenn ich im Garten die kniehohe Wiese mühsam mähe, gibt mir die Nachbarin den Tipp, dass es leichter und besser fürs Gras sei, öfter zu mähen, zudem sähe es gepflegter aus.

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Hundts Furcht

images-1Wahlversprechen sind im politischen Geschäft Wechselbriefe mit der Besonderheit, dass diese Papiere ohne Fälligkeitsdatum ausgestellt sind und keine Durchsetzbarkeit besteht. Gewissermaßen symbolische Symbole in der politischen Kommunikation.

Betrachten wir Angela Merkels Wahlversprechen, den Steuerfreibetrag für Familien und das Kindergeld zu erhöhen. Im Wahlprogramm der CDU ist dafür ein Volumen von 7,6 Milliarden Euro ausgewiesen (im Wahlprogramm, nicht im Haushalt). Die Message ist nicht schwierig zu lesen: Die Kanzlerin begegnet der Kritik an ihrer Familienministerin und am Betreuungsgeld, Frau Schröder wird im neuen Kabinett keinen Ministerposten mehr zu erwarten haben  und die Union braucht die Stimmen der weiblichen Wähler und der städtischen Klientel. Ob man die Idee nun für innovativ halten mag oder falsch: Viel hilft viel, ich scheiß dich zu meinem Geld. Klare Botschaft.

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Fwd: Strukturelle Ursachen verlangen strukturelle Lösungsansätze

form follows functionJa, natürlich interessiert es mich brennend, welches Kleid Michelle Obama heute trägt.
Aber solange sie sich im Ritz Carlton frisch macht, bleibt Zeit, auf das Papier des Verbands alleinerziehender Mütter und Väter zu schauen, das schon vor einer Woche in Berlin veröffentlicht wurde und das, wie ich finde, echolos ins Wahlkampfgesums schallt. Dabei sind die Forderungen eine starke und umissverständliche Ansage, die jedem einzelnen Wahlkampfstrategen gleißende Kopfschmerzen und Schweißflecken unter den Armen bereiten möge: 1,7 Mio Wählerinnen laufen da draußen frei rum.

Armut von Alleinerziehenden und ihren Kindern ist kein privates Schicksal, sondern Ausdruck ihrer gesellschaftlichen Benachteiligung.

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Kein Waagnis

(c)lookis.infoDie alte Frage nach dem Schönheitsideal und Körpernormierungen flammt in den netzfeministischen Texten aktuell auf. Unter dem Hashtag #waagnis versteckt sich der revolutionäre Aufruf, die Waage aus dem Badezimmer in den Müll zu befördern und künftig auf die individuelle Gewichtskontrolle zu verzichten.
Es gibt kluge Interventionen dazu, besonders gefällt mir die gelassene Betrachtung von Antje Schrupp und die energische von Mango Riot zu der Aktion.
Ich bin in diesen theoretischen Debatten nicht zuhause, bewege mich da eher als Zuschauerin am Rande. Aber ich bin befremdet von dieser Aufregung, die nach meinem Dafürhalten das Pferd doch irgendwie vom falschen Ende her aufzäumt.
Dieser Akt, der in den frühen Siebzigern beheimatet sein könnte, soll auf einmal auf symbolischer Ebene zur Befreiung beitragen? Für einzelne Frauen mag das gewiss ein stärkender Schritt sein, aber als öffentliche, politische Geste und Beitrag zur feministischen Körpersoziologie ist sie einfach zu niedrig angesetzt. Da waren wir doch schon mal weiter.
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Die anderen: Kinder in gleichgeschlechtlichen Beziehungen

Ich bin berechtigt.Man weiß also wenig darüber, wie es den Kindern geht, die in gleichgeschlechtlichen Beziehungen aufwachsen und in der Schule gehänselt werden. Susanne Kusicke befasst sich heute in der FAZ mit dieser ungeklärten Frage. Der Artikel ist gründlich recherchiert, sie hat mit Psychotherapeuten gesprochen, deren Beratungsschwerpunkt auf Regenbogenfamilien liegt, und beleuchtet verschiedene Aspekte: anonyme Samenspender, Trennungen, sexuelle Entwicklung im jugendlichen Alter.
16.000 bis 19.000 Kinder lebten aktuell in Deutschland in dieser gesellschaftlich neuen Konstellation.

Und es schüttelt einen trotzdem beim Lesen. Nicht nur die soziale Realität der vielfältigen Familienmodelle lässt die Fragestellung altbacken aussehen.
Der Betrachtung liegt ein Begriff von Normativität und positiver Normalität zugrunde, der von ganz anderen Seiten, Kräften und ökonomischem Druck als ausgerechnet von gleichgeschlechtlichen Paaren mit Kinderwunsch zersplittert wurde.
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