Unapologetically feminine: Frauenbild für den Sommer 2016

Balenciaga-Kampagne Sommer 2016 via WGSN

(c) Balenciaga, SS 16, via WGSN

Das Reizvolle, immer wieder Anziehende an Modeschöpfungen und ihrer fotografischen Inszenierung ist Saison für Saison das freie künstlerische Spiel, weit hinausgreifend über jede Notwendigkeit von Bekleidung. Ästhetische Vision und Verlockung, großes Handwerk und lässige Verschwendung, Können, Schönheit und Stil in einer Geste der Verführung vereint.
Auf ihrem schönen Fuß tanzt die Mode im Ballsaal des Kunstpalastes, auf dem anderen balanciert sie auf dem unebenen Kontorboden des Marktes. Diese Dehnübung gehört zur Prêt-à-porter-Mode, eine Anstrengung, der sich auch Galeristen oder Verleger mit jeder Ausstellung, mit jedem Programm unterziehen müssen. Anders jedoch als ihre Schwestern übt die Mode eine Schwindel erregende Bildmacht aus.
Mode zielt aufs Äußere und trifft ins Innerste: Sie entwirft Selbstbilder, schneidert Akzeptanz, kleidet Sehnsüchte ein. Die großen Modemarken schicken ihre Botschaft weltweit durch die Verwertungsketten, lancieren ihre Bilder, mit üppigen Werbebudgets ausgestattet, in allen Medien und öffentlichen Räumen, inszenieren in Perfektion ihre Objekte, deren Abglanz selbst noch in billigen Kopien auf den Schulhöfen den Wert der Trägerin steigern. Eine Millionen Menschen folgen Balenciaga auf Instagram, mehr als eine Millionen auf Facebook, eine halbe auf Twitter.
Man muss der Mode keinen allzu großen Wert beimessen, doch ernst nehmen darf man sie und genau hinschauen auch.

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Sexismus vor, nach und in Köln

Die Kanzlerin sagt in der FAZ, der Frauenverachtung, die sich in Köln gezeigt habe, müsse man entschieden entgegentreten, „es sei gut, dass es sehr viele Anzeigen gebe, und die Polizei müsse all diesen Dingen nachgehen.“

All diesen Dingen soll die Polizei nachgehen. Der Bericht des NRW-Innenministerium zur Silvesternacht in Köln listet die Strafanzeigen aus den Aufnahmeprotokollen einzeln auf: „mehrfach begrabscht … in den Schritt gefasst …. Griff an Po und Scheide … in den Intimbereich oberhalb ihrer Kleidung gefasst …. Finger in Scheide eingeführt, misslang wegen Strumpfhose … Hintern und Schritt angefasst … an das Gesäß gefasst (unterhalb des Rockes und oberhalb der Strumpfhose) … zwischen die Beine gefasst und geküsst … mehrfach anstößig berührt … wurde von mehreren Personen angefasst … zwischen den Beinen gepackt“.

All diese Dinge werden im Wortlaut bestürzend konkret, widerwärtig, gewalttätig, albtraumhaft, frauenverachtend – nur kriminell werden sie nicht. Polizei und Staatsanwaltschaft haben nicht viel Arbeit damit, denn sexuelle Übergriffe werden nur dann strafrechtlich verfolgt, wenn sie die laut Strafgesetzbuch erforderliche „Erheblichkeit“ aufweisen. Bei Berührungen von Brust, Hintern und Genitalbereich kommt es für die gerichtliche Einschätzung darauf an, ob über oder unter der Kleidung begrabscht wird, deswegen auch die detaillierte Beschreibung im Protokoll.

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Feministische Avantgarde in Hamburg: radikal, international und aktuell

Annegret Soltau Selbst, 1975 S/W-Photographie auf Barytpapier © Annegret Soltau / VG Bild-Kunst, Bonn 2015 / SAMMLUNG VERBUND, Wien Photo: Heide Kratz

Annegret Soltau
Selbst, 1975
S/W-Photographie auf Barytpapier
© Annegret Soltau / VG Bild-Kunst,
Bonn 2015 / SAMMLUNG VERBUND, Wien
Photo: Heide Kratz

Eine umwerfend gute, intelligente und berührende Ausstellung ist seit gestern in Hamburg zu sehen: Feministische Avantgarde. Kunst der 1970er Jahre aus der Sammlung Verbund, Wien, kuratiert von Dr. Gabriele Schor.

Die Ausstellung zeigt Arbeiten von mehr als 30 Künstlerinnen, eine Retrospektive über die Anfänge der internationalen feministischen Kunstbewegung.
Was präsentiert wird, ist in vielen Hinsichten bemerkenswert:
Wenn man diese Arbeiten beieinander sieht, ist das Spektrum dessen, was die europäischen (und einige amerikanische) Künstlerinnen schon in den 1970er Jahren gezeigt und erarbeitet haben, nahezu unglaublich und von einer ästhetischen Bildkraft, die wenig eingebüßt hat über 40 Jahre. Die Verschnürung des eigenen Gesichts von Annegret Soltau als Akt, als Zeichen, als Widerstand und als Bild zitiert Madonna auf ihrem neuen Plattencover.

Ich bin Laie, aber mir scheint doch, dass die kuratorische Leistung stupend ist. Über zehn Jahre hat das Team aus Wien in Archiven und Nachlässen gesucht, Material auf Dachböden gefunden und recherchiert, bis sie auch Flugblätter und Ankündigungszettel für Performances und die lustigen Frauenspaziergänge in die Pornoläden einer Stadt zusammen getragen haben. Der reguläre Kunstbetrieb und -markt hat kein Archiv aufgebaut und keinen Wert für diese Kunst erzeugt.

Die Hängung hätte in die Hose gehen können, ist aber stattdessen einnehmend und überzeugend gelungen, bildet formale, manchmal thematische Klammern und gibt der einzelnen Künstlerin Raum.

Die Künstlerinnen haben kein Kollektiv gebildet, keine Gruppe gegründet, und doch in diesem Jahrzehnt zeitgleich und zum ersten Mal in der Kunstgeschichte ein neues Bild der Frau(en) geschaffen. Sie haben nicht nur ähnliche Themen aufgegriffen, sondern auch ähnliche Strategien benutzt. Bestimmt nicht verwunderlich, dass viele der Künstlerinnen Performance, Film, Fotografie und Video einsetzten: Neue Medien und Techniken, die unbelastet von Traditionen in der Kunstgeschichte zur Verfügung standen.
Sie wurden laut und sichtbar, haben die herrschende Ikonographie des Weiblichen zerlegt, den Kunstbetreib frontal angegriffen, eine männliche Wirklichkeit aufgebrochen, Identität und Rollenzuweisung neu geschrieben, weibliche Sexualität thematisiert und den eigenen Körper zum Material der Kunst gemacht.

Ana Mendieta, Untitled (Glass on Body Imprints), 1972/1997 C-Print © The Estate Ana Mendieta / Courtesy of Galerie Lelong, New York / SAMMLUNG VERBUND, Wien

Ana Mendieta, Untitled (Glass on Body Imprints), 1972/1997
C-Print © The Estate Ana Mendieta / Courtesy of
Galerie Lelong, New York / SAMMLUNG
VERBUND, Wien

Den schweren Katalog habe ich aufs Sofa fallen lassen neben eine aufgeschlagene Frauenzeitschrift (warum die da lag, ist eine andere Geschichte). Die erfolgreiche Schauspielerin Jasmin Gerat wird darin als selbstbewusste, moderne Frau portraitiert. Sie berichtet, der Kurzhaarschnitt, den sie neuerdings trägt, zöge zwar die Aufmerksamkeit von weniger Männern an als vor dem Friseurbesuch, dafür aber ernte sie die Blicke intelligenterer Männer. Ein Foto zeigt sie mit nach innen gedrehten Fußspitzen, wackelig und schier unfähig, sich auf eigenen Füßen zu halten, in der  Pose einer kokettierenden Vierzehnjährigen. Auf dem zweiten Bild beißt sie sich in klischierter Anzüglichkeit auf die Unterlippe, als hätte sie komplett den Verstand verloren und warte nur darauf, vom Ersten, der vorbeikommt, abgeschleppt und ins nächste Reihenhaus gestellt zu werden.
In dieser Welt der Frauenbilder leben wir, einer lückenlos wirksamen Bilderwelt der Imagekampagnen, Rollenzuschreibungen und Körpernormierung. Die Maschinerie reicht in jeden Winkel. Das Persönliche ist dabei zum vermeintlichen Schonraum geworden. Im privaten Raum soll die Konstruktion der Weiblichkeit nicht gelten, hier ist das Hola der Marktsemiotik: hübsch gestaltet, mit kuscheliger Partnerschaft und veganen Kochbüchern. Die Klamotten, die App zum Appnehmen, Teilzeitjob, Fitnessstudio, Steuerklasse, Spaß am Einkochen und Fastenurlaub – alles hochindividuelle, private Lebens- und Kaufentscheidungen.
Die Arbeiten der Künsterinnen aus den 1970er Jahren wirken in unsere Gegenwart hinein wie ein elektrisierender Schlag: Es geht auch anders. Es ging schon mal anders. Das Persönliche ist politisch.
Ich setze nicht die avantgardistische Kunstpraxis mit dem Bilderwahnsinn des Marktes gleich, aber ich habe das Gefühl, dass ich die Energie und befreiende Kraft, die von diesen Künstlerinnen und ihren Arbeiten ausgehen, in meiner Gegenwart nicht mehr leicht wiederfinde.
Selbstbewusstsein, Ironie, Aggression, politische und künstlerische Handlungsfähigkeit, Zartheit, Hartnäckigkeit und Witz, Freiheit und Autonomie begegnen mir in diesen Arbeiten. Einige wenige wie Cindy Sherman, Valie Export oder Orlan sind erfolgreich geworden, die große Zahl aber der Künstlerinnen ist in Hamburg zum ersten Mal zu entdecken. Die Radikalität, die sie eint, und die je eigene Qualität der Kunstwerke sind wunderbar.

Dass die Kunst von Pionierinnen der Frauenbewegung so aufrüttelnd und impulsgebend in die Gegenwart einschlägt und wie ein Gruß in die Zukunft uns erreicht, ist schon ein großer Moment.
Hauptbahnhof aussteigen, rüber schlappen – ganz leicht.

Löwe, Löwin und ein Moment des Glücks

News from a goofed life: Nachrichten aus einem vermasselten Leben

Gestern war ich mit meiner kleinen Tochter bei Hagenbeck. Aus meiner Warte ein zwiespältiges Unternehmen. Ich mag schon keine Hunde. Der Eintritt für uns beide kostet 35 Euro. Und wenn ich am Buchmessenmittwoch in der Zookassenschlange in Hamburg stehe anstatt in Frankfurt in der Messeschlange, weil ich keinen finde, der zwei Kinder für zwei Tage nimmt, dann muss mir niemand mehr sagen, dass  in meinem Leben etwas gründlich schiefgelaufen ist.
Sprühregen bei den Elefanten, Sprühregen bei den Tigern, Schauer bei den Alpakas. Ich erhöhe das Tempo. Das Kind sinniert vor den hospitalismuskranken Eisbären über das Gleichgewicht zwischen dem berechtigten Studieninteresse an Tieren und Tierquälerei. Wir plädieren für Einzelfallentscheidung: Pinguine okay, Eisbären zurück in die Arktis. Ich erwähne die Polkappenschmelze nicht.
Und glaube schon es geschafft zu haben, als wir vor dem Löwengehege ankommen. Die Wolkendecke reißt auf, eine milde Oktobersonne wärmt uns Rücken und Füße, wir lehnen am Zaun, essen Schokolade und schauen dem Löwenrudel beim Faulenzen zu. Da beginnt der Löwe zu kacken. Der Tier setzt langsam eine graue, faserige Liane ab, gut zwei Meter lang, unabschließbar. Stumme Ekelfaszination auf der Menschenseite. Unerhörter Gestank in der Luft. Löwinnen beschnüffeln die aus dem Löwen hängende Liane. Menschen erschauern, der Löwe erschauert. Brüllt einmal, zweimal. Die Sonne scheint und unter dem Schwanz und noch unter der Liane schiebt sich ein dritter Stab heraus.
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Schweig still, Schwester

Zungen Strafen - Sprechen, Moral und Sanktionen in Mittelalter und Früher Neuzeit

Heute gehts mir um ein etwas abseitiges Thema: der Vatikan und die US-amerikanischen Ordensfrauen. Im Kern also um Machtgefälle und patriarchale Realpolitik.

2006 erschien das Buch der Ordensfrau und 2007 emeritierten Professorin für Katholische Theologie  Schwester Margaret Farley: Just Love: a Framework for Christian Sexual Ethics. Eine Publikation zur christlichen Sexualethik, mit deren Inhalten der Vatikan ganz und gar nicht einverstanden ist.
Am 6. Juni 2012 nun veröffentlicht die Vatikanische Glaubenskongregation unter der Präfektur von Kardinal Levada eine Notifikation zu diesem Buch.
Sie haben verdammt lange gebraucht, die Chefideologen der reinen Lehre, um zu einem Urteil zu gelangen, das wenig Überraschungen birgt.

Zu den vielen Irrtümern und Zweideutigkeiten dieses Buches gehören die darin enthaltenen Aussagen über Masturbation, homosexuelle Handlungen, homosexuelle Lebensgemeinschaften, die Unauflöslichkeit der Ehe und das Problem von Scheidung und Wiederverheiratung.

Es folgen viele schöne klare Sätze:

… diese Behauptung stimmt nicht mit der katholischen Lehre überein … diese Meinung ist nicht annehmbar … diese Position ist nicht mit den Aussagen des Lehramts vereinbar … diese Auffassung widerspricht der katholischen Lehre … diese Sicht widerspricht der katholischen Lehre … steht in direktem Widerspruch zur katholischen Lehre auf dem Gebiet der Sexualmoral …

Professor Farleys Argumentation geht von dem Gedanken aus, dass menschliche Beziehungen von Recht und Wahlfreiheit bestimmt sein sollten – auch von dem Recht sich selbst gegenüber. Ausgehend von dieser Position plädiert sie dafür, das Bedürfnis nach Selbstbefriedigung aus dem Bereich der tabuisierenden Moral herauszuholen. Viele Frauen hätten erst mit der Masturbation ihre Lust und körperlichen Möglichkeiten entdeckt – etwas, „das ihnen in den Beziehungen zu ihren Männern unbekannt geblieben war“.
Sie spricht sich zudem für die Möglichkeit der Scheidung und Wiederverheiratung nach einer Scheidung aus, für das Recht auf Homosexualität und gleichgeschlechtliche Beziehungen. Weiterlesen