Sommer am Ende

Schwächelnd, ja ermüdet von den immergleichen strukturellen Schieflagen, alten Fragen und miserablen Zuständen habe ich ein wenig so getan, als ließe sich die Sommerpause ins Private strecken: Olympia gucken, Romane und das Feuilleton lesen, den Job machen, mit den Kindern im Schwimmbad MauMau spielen.

Am Ende ist es aber so einfach: Es kommt darauf an, in welchen Verhältnissen wir leben wollen. Antje Schrupps Artikel „Kein Bock mehr mehr“ bringt es auf den Punkt und kam gerade zum richtigen Augenblick.
Den ein Satz am Morgen von Felicitas Hoppe, der Verführerin, zum Moment abrundete:

„Urlaub, im ritterlichen Sinn, heißt nicht mehr und nicht weniger, als sich nicht zu verliegen, sondern immer wieder aufzustehen und weiterzugehen auf der Suche nach neuen Abenteuern. Nur dass es am Strand keine Abenteuer gibt, sondern bloß Gestrandete.“ (Hoppe, S. 78, 2012)

Also starte ich also die Blog-Saison mit Nachrichten von Abenteurerinnen:
Die Gewerkschaftssekretärin Christina Frank arbeitet mit einer Gruppe von ehemaligen Schlecker-Mitarbeiterinnen an der Gründung einer Frauen-Genossenschaft. Die Gruppe hat das Ziel, in fünf geschlossenen Filialen neue Supermärkte zu eröffnen – im Sortiment angepasst an örtliche Bedürfnisse. Die Genossenschaft will nicht nur die Jobperpektive der Frauen verbessern und eigenintitiativ in die Hand nehmen, sondern auch die Lebensmittelnahversorgung in ländlichen Regionen stärken. Nach Bericht der taz finanzieren Ver.di in Baden-Württemberg, die Evangelische Betriebsseelsorge und die Partei Die Linke die Gründungsbestrebungen.

In Tunis will die Regierung die seit den fünfziger Jahren verfassungsrechtlich abgesicherte Gleichstellung von Frau und Mann ändern und den Frauen eine Rolle zuschreiben, die dem Manne „komplementär“ sein soll. Im Entwurf heißt es: „Der Staat sichert den Schutz der Rechte der Frau nach dem Grundsatz der Komplementrität in der Familie als Partnerin des Mannes.“
Tunesische Frauenorganisationen riefen am Montag zu einem Protestmarsch in Tunis auf. 6.000 Demonstrantinnen schlossen sich unter dem Motto „Touche pas à mes aquis!“ gegen diese Politik dem Aufruf an.
Vielleicht weiß jemand von Euch, wie man eine Online-Unterschriftenliste organisiert, die dazu beitragen könnte, die Frauenorganisationen in Tunesien zu unterstützen? Haben die Grünen ein Tool, die Piraten am Ende oder die feministischen Bloggerinnen?
Denn wehe, Westerwelle setzt seinen schmutzigen Gesinnungsfuß noch einmal nach Nordafrika, um der regierenden Ennahda-Partei mit Millionen zu bescheinigen, Tunesien sei „das Musterland des Wandels in der Region“, dann breche ich in den Sitz – ganz in Urlaubsmanier.

Wish you were here: Sommerloch Eins, Zwei und Drei

Sommerloch 1: Kinder
Conni ist eine ganz schlimme Kinderbuch-Serie, die der Carlsen Verlag verantwortet und die kleine Kinder mögen. Dauernd entdeckt Conni die Welt.
Ganz bezaubernd die Aktion auf Twitter, die Conni-geschädigte Eltern zu kreativer Aggressionsabfuhr einlädt.  Die Frage war: Welche Conni-Titel fehlen? Meine Lieblinge: ‚Conni geht in den offenen Strafvollzg‘ und ‚Conni lernt rauchen‘. Ich schlage vor: ‚Conni kommt ins Heim‘ und ‚Conni kriegt ihre Tage‘.
Der Mann ruft gerade: ‚Conni bei den Grünen‘.

Sommerloch 2: Politik
Das Meldegesetz, natürlich sehr hübsch. Aber ungleich interessanter als diese Bankrotterklärung auf offener Straße ist eine Personalie im Familienminsterium: Eva Maria Welskop-Deffaa, Leiterin der Abteilung Gleichstellung und Chancengleichheit im Familienministerium und engagiert aktiv für Gleichstellung und für die Quote, wird von Ministerin Schröder in den einstweiligen Ruhestand verabschiedet – mit 53 Jahren. Der Rauswurf, der wie eine normale Personallappalie verkauft wird, zeigt, dass da jemand sich im Juli still & leise die Welt nach seinem Bild und Maße formt. Und nun gibt Schröder auch noch eine Presseerklärung raus, dass sie die Stelle mit einer Frau besetzen will – wegen der Gleichstellung.
Noch 14 Monate bis zur Bundestagswahl.

Sommerloch 3: Feminismus
Die Affäre Slaughter.
Für alle, die es nicht verfolgt haben: Anne-Marie Slaughter, Chefin des Planungsstabs von Außenministerin Hillary Clinton, ist von ihrem Amt zurückgetreten, um mehr Zeit für ihre Familie zu haben. In ihrem Artikel „Why women still can’t have it all“ forderte sie dann, mit falschen feministischen Forderungen und den theoretischen Idealen der Vereinbarkeit endlich Schluss zu machen.
Anzufügen bleibt, dass Slaughter Professorin für Politik in Princeton bleibt und nicht Hausfrau wird.
Selbst wenn, der spitze Aufschrei der amerikanischen und anschließend die Empörung der deutschen Feministinnen ist Energieverschwendung, denn die Bruchkanten verlaufen nicht entlang individueller Lebensentscheidungen – schon gar nicht auf diesem allerhöchsten sozialen Level. Die Frage von Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist eine politische und gesellschaftliche Verantwortung, eine Frage der Bewertung von Arbeit.

Schweig still, Schwester

Zungen Strafen - Sprechen, Moral und Sanktionen in Mittelalter und Früher Neuzeit

Heute gehts mir um ein etwas abseitiges Thema: der Vatikan und die US-amerikanischen Ordensfrauen. Im Kern also um Machtgefälle und patriarchale Realpolitik.

2006 erschien das Buch der Ordensfrau und 2007 emeritierten Professorin für Katholische Theologie  Schwester Margaret Farley: Just Love: a Framework for Christian Sexual Ethics. Eine Publikation zur christlichen Sexualethik, mit deren Inhalten der Vatikan ganz und gar nicht einverstanden ist.
Am 6. Juni 2012 nun veröffentlicht die Vatikanische Glaubenskongregation unter der Präfektur von Kardinal Levada eine Notifikation zu diesem Buch.
Sie haben verdammt lange gebraucht, die Chefideologen der reinen Lehre, um zu einem Urteil zu gelangen, das wenig Überraschungen birgt.

Zu den vielen Irrtümern und Zweideutigkeiten dieses Buches gehören die darin enthaltenen Aussagen über Masturbation, homosexuelle Handlungen, homosexuelle Lebensgemeinschaften, die Unauflöslichkeit der Ehe und das Problem von Scheidung und Wiederverheiratung.

Es folgen viele schöne klare Sätze:

… diese Behauptung stimmt nicht mit der katholischen Lehre überein … diese Meinung ist nicht annehmbar … diese Position ist nicht mit den Aussagen des Lehramts vereinbar … diese Auffassung widerspricht der katholischen Lehre … diese Sicht widerspricht der katholischen Lehre … steht in direktem Widerspruch zur katholischen Lehre auf dem Gebiet der Sexualmoral …

Professor Farleys Argumentation geht von dem Gedanken aus, dass menschliche Beziehungen von Recht und Wahlfreiheit bestimmt sein sollten – auch von dem Recht sich selbst gegenüber. Ausgehend von dieser Position plädiert sie dafür, das Bedürfnis nach Selbstbefriedigung aus dem Bereich der tabuisierenden Moral herauszuholen. Viele Frauen hätten erst mit der Masturbation ihre Lust und körperlichen Möglichkeiten entdeckt – etwas, „das ihnen in den Beziehungen zu ihren Männern unbekannt geblieben war“.
Sie spricht sich zudem für die Möglichkeit der Scheidung und Wiederverheiratung nach einer Scheidung aus, für das Recht auf Homosexualität und gleichgeschlechtliche Beziehungen. Weiterlesen „Schweig still, Schwester“

Die Brüste von Femen

Eigentlich wollte ich schon gestern über die feministische Agitprop-Gruppe Femen schreiben. Die Aktivistinnen intervenieren international, medienwirksam und charakteristischerweise barbusig. Meine sparsamen Notizen sahen so aus und wurden auch während des Abends nicht besser:

Ukraine: höchste HIV-Infektionsrate Europas. 330.000 Menschen – 1,1,Prozent der Bevölkerung ist mit dem HI-Virus infiziert (Quelle: GIZ)
Odessa: 7,5% der Bevölkerung HIV-positiv
Land mit der europaweit höchsten Rate an HIV-Neuinfektionen
patriarchal, postkolonial, homophob
Oksana Sabuschko taz-Interview
Gesprächsnotizen mit Sabuschko Berlin 2011

Ich kam nicht ins Schreiben hinein, weil ich nicht herausfinden konnte, wo mein Problem liegt, bis ich dann das CI-Foto der Gruppe auf der Femen-Webseite sah.
Es vermittelt eine Idee vom Impetus: feminin, selbstbewusst, kämpferisch, lustvoll, spontan, jung, frei und nicht schwedisch, wie ich natürlich am Anfang wieder dachte, sondern ukrainisch. Die Kampagnen der Gruppe werden rund um Großereignisse entwickelt (Davos, EM, Strauss-Kahn, am internationalen Frauentag in Istanbul). Die Entblößungs-Aktionen vor laufenden Kameras richten sich gegen Sexismus und Ausbeutung. Weiterlesen „Die Brüste von Femen“

Sexismus zukünftig strafbar

Im Grunde nichts ungewöhnliches: Ein US-amerikanischer Journalist spricht gestern im Fernseh-Interview über Hillary Clinton und gibt sich erst gar nicht den Anschein politischer Berichterstattung. Nein, er äußert sich unverhohlen abfällig über Clintons Körpergewicht und ihr Äußeres.
So wie der geschätzte Ex-Präsident von Frankreich, der sich öffentlich über Angela Merkels Figur lustig machte, als sie bei einem protokollarischen Bankett eine zweite Portion nahm.

Es langt so dermaßen. Ich will nicht mehr darauf warten, dass jeder verstanden hat, wo das Problem liegt.
Wenn wir nicht auf Respekt setzen können, dann eben auf das Recht. Piraten, Grüne, vielleicht sogar die SPD: Wie wäre es ganz ohne Umstände mit einem Antrag auf Änderung des Strafgesetzbuches, wonach sexistische und herabsetzende Äußerungen nach Artikel 1 Absatz 3 des Grundgesetzes strafbar sind.
Ein Typ, der die promovierte Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland und führende Politikerin der Europäischen Union wegen ihrer äußeren Erscheinung lächerlich zu machen auch nur versucht, latzt 12.500 Euro und wird mit einer Sperre in der Berichterstattung von mindestens 10 Tagen belegt.

Taubenscheiße

Ich weiß nicht mehr, wann ich den Humor verloren habe, den mein alter Lateinlehrer Doktor W. für ein Zeichen von Bildung und erwachsener Gelassenheit ansah. Er hätte von mir erwartet, dass ich die Bildunterschrift als das nehme, als was sie sich ausgibt: ein ironisches, süffisantes, wohlmeinendes Aperçu.

(c) Frankfurter Allgemeine Zeitung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Bildunterschrift  lautet:

(…) Atemberaubend, wie blind sie (die Griechen) dafür sind, dass es nicht der Fall ist, der einen umbringt, sondern der plötzliche Stopp – und der kommt schneller, als diese herrlich lachende Griechin in Olympia denken mag. (..) Aber, liebe Europäer, darf ein Land, das solche zauberhaften Täubchen sein Eigen nennt, sterben?“

Das ist nicht lustig.
Ja, die herrlich lachende Griechin mit den vollen Titten. Das pralle Leben, antike Schönheit, jung, statuarisch, im Glanz der Tradition. Herrlich, wenn junge, fruchtbare und schöne Frauen so herrlich lachen. Zauberhäfte Täubchen, die wir uns braten in der kleinen Penthouse-Wohnung, die wir ihr zahlen. Täubchen, die wir unser Eigen nennen und vernaschen am Wochenende oder im Puff in der Mittagspause.
„Liebe Europäer“. Wer immer von den Millionen von europäischen Männern sich angesprochen fühlt, soll mir weg bleiben. Das sind die gleichen Leute, die den Menschen in einem freien Land drohen (>Berlin droht Athen mit Ende der Hilfszahlungen<), weil sie aus der Perspektive von Guido Westerwelle die falschen Parteien gewählt haben.

Ehe der Ruch der humorlosen Feministin an mir haften bleibt, erzähle ich noch eine großartige Story, die ich gestern auf Deutschlandradio Kultur gehört habe. Der Bericht beschäftigte sich mit der russischen Militärparade am 9. Mai. Alljährlich wird auf dem Roten Piatz der Sieg der Roten Armee über Nazi-Deutschland gefeiert.

Einer Umfrage des unabhängigen Levada-Institutes zufolge sahen sich letztes Jahr zwei Drittel der Russen die Parade an – und fanden sie mehrheitlich gut. Die Hochzeit von Prinz William und Kate Middleton dagegen verfolgten nur halb so viele – und den meisten gefiel sie nicht.

Frau Schramm

bezeichnet sich selbst als Politologin, Piratin, Publizistin, Pro-Aktivistin, Prokrastiniererin, Prä-Politikerin, Privilegienmuschi, Provokateurin und Feministin (die schöne P-Reihe kaputt, das tut mir Leid) und vertritt viele Meinungen (geistiges Eigentum sei ekelhaft zum Beispiel). Gleichzeitig publiziert sie das eigene Buch im Knaus Verlag, weil sie dadurch die „kapitalistische Logik kennen lernen“ kann).
Dem heutigen Artikel von Melanie Mühl in der FAZ entnehme ich die Information, dass Frau Schramm vor ihrem Eintritt in die Piratenpartei Mitglied der Jungen Liberalen war und für Gerhard Pape arbeitete. (Können junge Menschen in der Liberalen Partei keine Erfahrungen mehr mit kapitalistischer Logik machen? Kein Wunder, dass der Laden schließt.)
Meinungsstärke gibt es auch auf der Homepage der Kandidatin für den Bundesvorsitz der Partei (der Piraten jetzt): „Hier wird sich geduzt. Das Siezen ist im deutschen Internet ein Zeichen von absichtlicher Distanz. Es kann als unhöflich interpretiert werden“.
Verstehe ich Sie richtig, Frau Schramm: Absichtliche Distanz kann als unhöflich interpretiert werden? Dann ist es wohl unhöflich, wenn ich es erheiternd finde, dass Sie als ausgebildete Geisteswissenschaftlerin (was Sie ja mehrfach betonen) einen einzigen Wikipedia-Satz zitieren, um den Diskursbegriff Foucaults zu erhellen. (Das ist allerdings eine Anmerkung, die nur meine eigene Arroganz und allgemeine Engstirnigkeit verrät. Schwamm drüber.)

Nach der Publikation des Buches im Bertelsmann-Hardcover veranstaltet der Verlag als Promotionsmaßnahme im Literaturhaus Hamburg eine schöne Podiumsdiskussion mit Sascha Lobo und Kathrin Passig, moderiert von Ijoma Mangold. Herrlich, so eine eine rundum betreute Lernerfahrung, die Ihr Agent wahrscheinlich ausgehandelt hat. Wieviel haben Sie bekommen für das geistige Eigentum, dessen Konzept und Verwertung Sie politisch grundsätzlich verwerflich finden?

Ebenso interessant wie Ihre Lernerfahrung in der kapitalistischen Logik wäre unter Umständen auch eine semiotische Bildlektüre (www.wikipedia.de, Stichwort: Barthes) der beiden Fotos von Ihnen, die der Verlag verwendet.
Welches Autoren-Narrativ inszeniert eine selbstbewusste „Internet-Exhibitionistin“ und Piratin in der Medienlandschaft?
Das eine kess, naiv und sexy, ganz die frische Domina à la Roche. Das andere die kühle L’Oréal-Ikone, gestylte feine Unschuld mit wehendem Haar, fit für Hochglanz-Magazine.

Provokant scheint mir das nicht zu sein. Feministisch ebenso wenig. Rundum uninteressant trifft es eher.

Die politische Sprengkraft des Betreuungsgelds sehen

Das Betreuungsgeld. Interessantes Projekt der derzeitigen Bundesregierung, zu dem schon einiges gesagt wurde. Manche schließen ihren Kommentaren die Einschätzung an, der zuständigen Ministerin fehle es an politischer Vision.
Ich sage Nein! Man unternehme doch einmal den Versuch, das Konzept des Betreuungsgeldes vom Kopf auf die Füße zu stellen und den Freiheitsgehalt herauszuschütteln.

Das geplante Betreuungsgeld in Höhe von 150 Euro im Monat sollen diejenigen Familien vom Staat erhalten, die ihre Kleinkinder unter drei Jahren nicht in öffentlich finanzierte Betreuungseinrichtungen geben (siehe auch: Menschenrechtsverletzung), sondern selbst die Windeln wechseln. Eine staatliche Honorierung für private Nicht-Inanspruchnahme. Die Kanzlerin lässt heute Morgen verlauten, das Betreuungsgeld sei ein Beitrag zur Wahlfreiheit.

Ein Bekannter von mir hat freiwillig seit inzwischen über vierzig Jahren kein öffentliches Schwimmbad mehr genutzt. Über vierzig Jahre! Es ist an der Zeit, dass der Staat ihm diesen Verzicht angemessen kompensiert und auf die Rentensprüche anrechnet.
Und all die Bürgerinnen und Bürger, die ihr Lebtag nicht die deutsche Polizei strapaziert haben: keine Demo, kein Parkvergehen, keine halbwüchsigen Kinder, die mit der Minna nach Hause gebracht werden müssen. Das gehört honoriert!


Es gab mal die Idee der Grünen, politische Partizipation auf Wohnblockebene zu installieren. Auf dem schwarzen Brett im Treppenhaus stünde in diesem Modell zum Beispiel: Griechenlandhilfe, 2. Tranche. Abstimmung Vorderhaus und linkes Hinterhaus: Dienstag 18 Uhr im Durchgang. Da hatten ja tatsächlich einige Leute keine Lust zu.
Was die Überprüfung des Nutzungsverhaltens staatlicher Leistungen angeht, machen wir das ohne Lust. Es könnte pro Wohnblock einen tüchtigen „Nutzung-staatlicher-Dienstleistungs und -aufgaben-Prüfdienstmann“ geben (NSDAP), der täglich nachschaut, wer nicht in die Bibliothek geht (21 Euro pro unterlassenem Besuch), nicht Bus fährt (4 Euro die Kurzstrecke), nie ein Theater betritt (83 Euro im Rang), kein Krankenhaus frequentiert (215 Euro im Monat) und keine Beratungsstelle (61,27 Euro im Jahr). Der Bezug von Transferleistungen schlägt selbstredend mit dem fünffachen Buchstabenwert negativ zu Buche und wird lebenslänglich verrechnet.

Ich meine, man sollte über diese lustige Gedankenspielerei hinaus aber konsequent einen Schritt weiterdenken und diejenigen Frauen bezahlen, die nicht studieren und anschließend nicht erwerbstätig sind, denn sie beanspruchen nicht die kostenintensiven Studienplätze und nehmen Menschen nicht den Arbeitsplatz weg.
Ein kerngesundes Frauenleben mit viel Bewegung an der frischen Luft und zwei bis drei Kindern, die zuhause geboren und robust mit der Hand großgezogen werden, kann unter voller Ausschöpfung der Wahlfreiheit gut & gern – sagen wir – 970 Euro monatlich bringen.
Das ist dem Team um Merkel, Rösler und Schröder die wahre Freiheit locker wert. Tolle Leute mit tollen Ideen.

Nicht meine Ministerin

Ich erwarte im Grundsatz von einer CDU-Familienministerin gar nicht, dass sie meine Interessen vertritt.
Doch der Umstand, dass Frau Dr. Kristina Schröder Lohndifferenz und Diskriminierung für individuell verhandelbare, lebensweltlich zu regulierende Misslichkeiten hält und diese Position ohne Not publiziert, markiert womöglich einen guten Zeitpunkt, das Amt der Familienministerin einer Politikerin zu übergeben.

Offener Brief der Berliner Grünen vom 18.4.2012.
Ihre Unterschrift können Sie unter nichtmeineministerin.de leisten.

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Der Deutschen Krippenoffensive endlich zeigen, wo der harte, große Hammer hängt

Interessant, wenn jemand eine Meinung vertritt, und trefflich, wenn die FAZ eine ganze Seite dafür freischlägt. Die Zeitung veröffentlicht heute (FAZ vom 4. April 2012 auf Seite 7) einen Artikel des Kinder- und Jugendarztes Dr. Rainer Böhm aus Bielefeld mit der Überschrift „Die dunkle Seite der Kindheit“.
Böhm befindet, die chronische Stressbelastung, die bei Kleinkindern durch die Ganztagesbetreuung in einer Krippe entsteht, sei „die biologische Signatur der Misshandlung“.

Kleinkinder dauerhaftem Stress auszusetzen, ist unethisch, verstößt gegen Menschenrecht, macht akut und chronisch krank.

Ohne lange Umschweife  (und Platz hätte er gehabt) bringt der Kinderarzt die Befunde auf den Tisch: Außerfamiliäre Betreuung für Kinder unter drei Jahren ist selbst bei qualitativ sehr guter Betreuung Menschenrechtsverletzung. Die Folgen für die Kinder seien in unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten: deutlicher Rückgang an sozioemotionaler Kompetenz, verschlossenere, mürrischere, unglücklichere, ängstlichere, depressivere undsoweitere Kinder, erhebliche Risiken für das Bindungsmuster zwischen Mutter und Kind, dissoziales Verhalten im späteren Lebensalter, Ungehorsam (sic! Einfügung von mir), häufiges Schreien, Problemverhalten, das dem klinischen Risikobereich zuzuordnen ist, erhöhter Tabak- und Alkoholkonsum, Rauschgiftgebrauch, Vandalismus und Diebstahl.
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Parteinahme am Frauentag

Für gewöhnlich geht der Frauentag ruhig an mir vorbei – einen Artikel liest man oder zwei; in guten Jahren wird man von einem guten Mann mit einer Blume beschenkt.
Dieses Jahr ist etwas passiert, als der Tag schon fast vorbei war: Ich schaute Tagesschau, hörte zunächst das trompetete Over the rainbow als Abgesang auf die politische Kultur und anschließend in einer – naturgemäß geschwächten emotionalen Verfassung – die Familienministerin Schröder sprechen. Über den Erfolg der Flexiquote sprach sie im Bundestag.
(Die Flexiquote bezeichnet ein beliebiges beschäftigungspolitisches Ziel, das sich börsennotierte Unternehmen selbst setzen dürfen. Etwa: „Wir wollen acht Prozent Frauenanteil in den Führungsebenen unterhalb des Vorstands bis 2050.“) Nicht dass ich annähme, es gäbe eine Lösung. Aber diese Nummer der Familienministerin ist eindeutig ein Teil des Problems.
Dieses Mal war es zuviel.
Und nach Jahrzehnten der standhaften Weigerung, einer Partei beizutreten, bin ich seit zwei Wochen bei den Grünen. Man fühlt sich zunächst einmal wie bei Ikea: Haufenweise Infopost und das befremdliche Du in allen Texten.

Frohsinn stiftend hingegen eine Analyse des Auswärtigen Amtes, die uns die FAZ weitererzählt: Deutschen Unternehmen drohen Nachteile beim Export in Länder der Europäischen Union, in denen es eine gesetzliche Frauenquote gibt. „In Industriekreisen zeigt man sich besorgt über die Auswirkungen auf die Exportindustrie.“
Was für eine helle Freude steht uns ins Haus an dem Tag, an dem die Lobbyisten der deutschen Exportindustrie auf Knien ins Kanzleramt gerutscht kommen und um eine gesetzliche 40 Prozent-Quote betteln.

Geschlecht: Anderes

Wirklich große Dinge ereignen sich sehr leise. Am 23. Februar hat der deutsche Ethikrat in Berlin seine Stellungnahme zur Situation Intersexueller in Deutschland der Bundesregierung übergeben.

Unsere Gegenwart wird bestimmt von neuen Kommunikationstechnologien und kulturellen Verschmelzungs- und Auflösungserscheinungen.
Im Alltag aber und in Wahrheit leben wir in einer Welt, die zunehmend ängstlicher sich festhält an konservativen Orientierungsmustern. Verdammt, wie kleinmütig sind die meisten wieder auf Ordnung bedacht, auf Zuordnung und Anstand. Über Feinstaubbelastung und veganes Frühstück wird in jeder Kita verhandelt. Wer redet noch über die Spielarten kindlicher Sexualität? Tolerante Mittelschichtmütter von kleinen Jungs bekommen hektische Übersprungsflecken am Hals, wenn das Kind ein Kleid tragen möchte – und das nicht einmal und nur Zuhause, sondern oft und auf der Straße.
Wir leben in einer Welt, die nur Männer und Frauen zulässt und inzwischen schon wieder in einer Zeit, die nur richtige Männer und richtige Frauen will und keinen Platz einräumen mag für Schattierungen, Brechungen und Varianz.
Im Feuilleton wird ausgiebig über die mangelnde Virilität der neuen Männer sinniert. Wie traurig asexuell diese Zweifler seien – und wie langweilig! Der starke Prinz soll es bitte sein, männlich, herrlich, redegewandt und draufgängerisch im richtigen Moment. Ja, vor dem Krieg war das besser.

Nun gibt es Menschen, deren körperliche Geschlechtsmerkmale (wie Chromosomen, Hormone, Keimdrüsen und äußere Geschlechtsorgane) bei der Geburt nicht eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen sind. Sie leben zwischen den Geschlechtern oder tragen Merkmale beider, sind weder eine Frau noch ein Mann – in Deutschland sind dies etwa 100.000 Menschen. Jahrzehntelang – und bis in die Gegenwart hinein – war es ärztliche Praxis, solche intersexuellen Kinder durch geschlechtszuordnende Operationen und Hormonbehandlungen möglichst früh einem der beiden Geschlechter zuzuweisen. Der Ethikrat bezeichnet solche Operationen jetzt als „ein Eingriff in das Recht auf körperliche Unversehrtheit und auf Wahrung der geschlechtlichen und sexuellen Identität“. Desweiteren fordert das Gremium, intersexuelle Menschen als „Teil der gesellschaftlichen Vielfalt“ anzuerkennen und vor „medizinischen Fehlentwicklungen und Diskriminierung“ zu schützen. Auch dass Eltern sich gleich nach der Geburt für ein Geschlecht entscheiden sollen, hält der Ethikrat für „einen nicht zu rechtfertigenden Eingriff in das Persönlichkeitsrecht und das Recht auf Gleichbehandlung“.

Und dann kommt der revolutionäre Teil:
Der Ethikrat empfiehlt, ein drittes Geschlecht einzuführen. In Zukunft sollen Betroffene im Personenstandsregister als Geschlecht neben „männlich“ und „weiblich“ auch „anderes“ angeben können.
Das nenne ich mal, kurzerhand und brillant begründet eine Ordnung zertrümmern. Neu denken. Politische Forderungen adressieren.

Meine Bitte an den Ethikrat: eine Stellungnahme zum Erbrecht und wenn es geht, auch eine zu Spekulationsgeschäften mit Nahrungsmitteln. Danke.

Die Mitglieder des revolutionären deutschen Ethikrates:
Prof. Dr. iur. Edzard Schmidt-Jortzig, Prof. Dr. med. Christiane Woopen, Prof. Dr. theol. Eberhard Schockenhoff, Prof. Dr. med. Axel W. Bauer, Prof. Dr. phil. Alfons Bora, Wolf-Michael Catenhusen, Prof. Dr. rer. nat. Stefanie Dimmeler, Prof. Dr. med. Frank Emmrich, Prof. Dr. phil. Dr. h. c. Volker Gerhardt, Hildegund Holzheid, Prof. Dr. theol. Dr. h. c. Wolfgang Huber, Prof. Dr. theol. Christoph Kähler, Prof. Dr. rer. nat. Regine Kollek, Weihbischof Dr. theol. Dr. rer. pol. Anton Losinger, Prof. Dr. phil. Weyma Lübbe, Prof. Dr. med. habil. Dr. phil. Dr. theol. h. c. Eckhard Nagel, Dr. phil. Peter Radtke, Prof. Dr. med. Jens Reich, Ulrike Riedel, Dr. iur. Dr. h. c. Jürgen Schmude, Prof. Dr. iur. Dres. h. c. Spiros Simitis, Prof. Dr. iur. Jochen Taupitz,Dr. h. c. Erwin Teufel, Prof. Dr. rer. nat. Heike Walles, Kristiane Weber-Hassemer, Dipl.-Psych. Dr. phil. Michael Wunder