Ausfahrt in den Odenwald

Der Schwere und Wurstigkeit dieser Tage überdrüssig und erledigt von der Hässlichkeit der Dinge, wollen wir an diesem Wochenende eine Auszeit nehmen. Aber wir sind wählerisch. Eine bescheidene und doch aparte Gegend soll es sein, eine Region ohne Städtemarketing und ohne Instagram-Account. Das Unscheinbarste, was wir im Schulatlas in erreichbarem Radius finden, ist ein Dreiländereck. Graue Buchenstämme stehen in den Himmel, wo Hessen, Bayern und Baden-Württemberg aneinandergeraten. Nach seinen Legenden und Oden wurde dieser große, stille, hügelige Wald benannt, und natürlich sind wir neugierig, was uns bevorstehen, was uns unter die Füße und vor die Augen kommen mag. Dass der Legendenstrudel seltene Dinge und echte Demokraten anzieht, das haben wir nicht erwartet.

Ein nahezu endloser Spätsommer geht seinem Ende zu. Das Waldlicht hat einen warmen Ton angenommen, und die Luft zeichnet die Konturen schon etwas schärfer. Orange und Rot frischen erschöpftes Grün auf. Amorbach liegt hier, Walldürn mit dem Blutwunder, Mudau und Mosbach. Wanderer gehen zwischen Bäumen einher und zur Hauptwallfahrtszeit pilgern Katholiken über Lichtungen. Unser Ziel am Abend ist das Städtchen Buchen, welches wir nicht für seine angenehme Normalität ausgesucht haben, die uns gleichwohl auf sympathische Weise umfängt. Eigens für das Hotel Prinz Carl sind wir angereist. Gelb und ganz historisch-gediegen hockt es am Bürgersteig, benachbart von Fachwerkhäusern, dem Stadttor und einer munteren apokalyptischen Mariensäule. Der freundliche Empfang im Hotel wischt eine kleine Angespanntheit nicht weg, denn auch solch einnehmende Zuvorkommenheit war nicht unser ursprüngliches Motiv für die Hotelauswahl. Doch scheint alles in guter Ordnung, mit dem Schlüssel zu einem Egon Eiermann-Zimmer in der Hand biegen wir wenige Minuten später aus der trutzigen Landdiele ins lichte, heitere Treppenhaus des Anbaus.

Das Zimmer gibt mir unmittelbar ein Gefühl dafür, was in der richtigen Welt da draußen sonst fehlt: Vereinfachung, elegante Proportionen, Linienführung, funktionale Klarheit und Handwerkskunst. Mein Blick streift über filigrane Möbel aus Douglasienholz, transparente Jalousien, klug konzipierte Einbauten, im Detail präzise und dabei von warmer Helligkeit. Man spürt an diesen Klinken und Schranktüren die Verbundenheit des Gestaltenden mit der Idee des Werkbundes. Die Dinge schlagen unvermutet eine Brücke in die frühen zwanziger Jahre, nach Weimar. Ich sitze auf dem Bett und fühle mich in eine bessere Variante der Gegenwart katapultiert. Mitte der sechziger Jahre plante Eiermann diesen Anbau und entwarf auch die Möbel. Ihm ging es immer um Präzision und Logik. Das klingt nach abstrakten, ja unterkühlten Arbeiten, doch seine Möbel und Häuser strahlen eine Leichtigkeit und Transparenz aus, die im analytischen Denken wurzeln, und die Genauigkeit der großen Geste vorziehen. Kein Wunder, dass seine gestalterische Position aus internationaler Perspektive in Einklang gebracht wurde mit dem politischen Impetus der jungen Bundesrepublik. Aber mehr noch, als dass dieses Wissen mich bewegt, ist es ein Hochgefühl der Stimmigkeit, das mich erfasst. Was für ein hinreißende Erinnerung daran, was Kunst und Demokratie können, ist dieses Hotelzimmer. Und auf einmal erinnere ich mich auch daran, welcher Moment mich auf immer fürs Monumentale verdorben hat: Ich war ein Kind, Anfang der siebziger Jahre, als mein Vater im schmalen Anzug mich in sein neues Büro mitnahm. Im Renault 5 fuhren wir nach Frankfurt-Niederrad. Im Olivetti-Hochhaus, das auf einem weißen Bein stand, durfte ich mich im schwarzen geschwungenen Bürostuhl drehen und die Sonnensegel vor der Skelettfassade einstellen. Aus luftiger, schattiger Höhe sah ich auf die klotzige Bürostadt und wusste ab da, wie sich Denken und Arbeiten richtig anfühlt.

Die Geschichte des Hotels reicht ins 16. Jahrhundert zurück. Das lässt sich in der prächtigsten und ausführlichsten Chronik nachlesen, die je in einem Hotelzimmer auslag. Den Namen hat Prinz Karl II. August Pfalzgraf bei Rhein und Herzog von Pfalz-Zweibrücken gegeben, dessen K sich unterwegs in ein vornehmeres, womöglich französisches C verwandelte. Eine äußerst zwielichtige Figur, so viel ist gewiss. Ein despotischer, finsterer Verschwender, ein tyrannischer Zukurzgekommener. »Hundskarl« wurde er geschimpft, weil er teure Jagden veranstaltete, gründlich gehasst von seinen Zeitgenossen wie auch später von badischen Demokraten. Den filigranen Eiermann-Schreibtisch und eine seiner frühen Zeichnungen des Stadtturms im Blick, frage ich mich, warum das Hotel bloß diesen Namen trägt. Die Bilder könnten es gewesen sein, beschließe ich endlich und greife nach dem Strohhalm, den Wikipedia mir reicht, denn es ist gleich Zeit zum Abendessen: Im Prunkschloss des fiesen Carl/Karl baute der Maler Johann Christian Mannlich für ihn eine ausgezeichnete Gemäldesammlung auf, die später einen der Grundstöcke der Münchener Pinakothek bildete.

Wir finden uns im Restaurant des Prinzen Carl ein. Eine alte Gaststube mit schönen Proportionen. In gehörigem Abstand zueinander stehen wenige Tische im Raum und wir dürfen uns an einer handwerklich erstklassigen Küche erfreuen, die das herrliche Versprechen der wohlklingenden Worte auf der Speisekarte wie Kapaun, Bubenspitzle, Kohlrabi-Carpaccio und geselchte Schweinebäckle zu unserer Freude geschmacklich einlöst.

Während ich am nächsten Morgen vom Parkplatz aus die Gliederung der Fassade betrachte, die vorgehängte Struktur aus Holz, die die Außenwand in einen Zwischenraum verwandelt, fällt mir auf, dass das hölzerne Stangenwerk schon ein bisschen abgewatzt ausschaut. Bauhäusliche Musealisierung ist nicht das Problem des Prinzen Carl. Aber wie kam es eigentlich, dass der in den sechziger Jahren berühmte Architekt, der prestigeträchtige Bauaufträge bearbeitete, diese kleine Chose angenommen hat? Wie geht die Geschichte von Eiermann und Buchen? Zwei Kapitel hat diese Beziehung, eines, das Hotelkapitel, handelt von herzlicher Dankbarkeit, das andere von Not, von kreativer Energie und unbeirrbaren ästhetischen Positionen.

Egon Eiermann hatte 1942 sein Architekturbüro von Berlin nach Beelitz verlegt und dort nach den Bombardierungen Großberlins ein Ausweichkrankenhaus für die Beelitzer Heilstätten erbaut. Im April 1945 besetzte die sowjetische Armee Beelitz-Heilstätten, in den Kämpfen brannte das Büro aus. Ich stelle mir vor, wie der Architekt, der vor und auch während des Krieges Gewerbebauten entworfen hatte, ohne Dach und Arbeit im Brandenburgischen steht und sich etwas einfallen lassen muss. Er geht los, flieht zu Fuß nach Buchen im Odenwald, in die Geburtsstadt seines Vaters. Die alten Verbindungen halten: Er findet Unterschlupf in einem Zimmerchen unter dem Zwiebeldach des Stadtturms und beginnt wieder zu arbeiten. Die Hoteliers des Prinzen Carl beluden den Korb, den der Sohn der alteingesessenen Buchener Familie mittags an einem langen Seil hinunterließ, mit Essen aus dem Hotelrestaurant. So steht diese Rapunzel-Geschichte jedenfalls in der Hotelchronik geschrieben. Ich blicke an dem mittelalterlichen Turm mit der achteckigen Dachkonstruktion hoch und glaube sie nicht. Das ist zu hoch und zu wackelig, selbst für patente Architekten und zupackende Dienstmädchen.

Heinrich Magnani war seit 1935 Pfarrer in Hettingen, der kleinen Nachbargemeinde von Buchen. Auf alten Fotos sieht man einen kompakten Menschen mit einem klaren, freundlichen Gesicht. Der Verhaftung durch die Gestapo war er 1943 nur knapp entkommen. Sein Verständnis von Seelsorge umfasste soziale wie caritative Aspekte und war von zupackendem Pragmatismus. 1945 gründete er die Notgemeinschaft Hettingen, um die Ostflüchtlinge mit dem Nötigsten zu versorgen und die Bevölkerung zur Mitarbeit zu mobilisieren. Magnani bat Eiermann um einen Entwurf für die Siedlungshäuser. Um den Bau zu finanzieren, gründete der Pfarrer das genossenschaftlich organisierte Siedlungswerk Hettingen, für das man Anteilsscheine zeichnen konnte. Das taten Buchener Bürger, die katholische Kirche, Egon Eiermanns Schwester, die in die USA ausgewandert war und das Projekt ihres Bruders unterstützte, sowie die Flüchtlinge selbst, die den Betrag in Arbeitsstunden ableisten konnten.

Glücksfall, Zufall – aus der wirtschaftlichen und sozialen Notsituation entstand durch die Zusammenarbeit von Magnani und Eiermann ein Entwurf von großer kultureller Bedeutung. Man muss den Vergleich mit der tristen, sparsamen Einfalls- und Lieblosigkeit der Container-Unterkünfte heute gar nicht bemühen, um in Hettingen zu erkennen, was für eine grundlegend neue architektonische und soziale Lösung Eiermann in der krassen Mangelsituation von 1946 erdachte. Er arbeitete mit einer Programmatik, die der Moderne verpflichtet war, die soziale Integration und Mitverantwortung als ästhetische Aufgabe begriff, die auf nachhaltige Wertbeständigkeit und urbane architektonische Qualität setzte und sie an die Würde des Menschen band.

Es gab keine Baustoffe und die Quadratmeterzahl war extrem beschränkt, doch alles strahlt Großzügigkeit aus, nichts davon ist gestalterisch veraltet. Die Doppelhäuser wurden in einer besonderen Ziegelbauweise, dem Prüssverband, errichtet. Ihr eigenwilliges Muster ist von besonderem Reiz und erzeugt an den Ecken keine Bruchverluste. Im Inneren strukturieren offene Regale und begehbare Schränke die Räume, die Einbauschränke wurden in der Caritas-Tischlerei gebaut, und die Handwerker unter den Flüchtlingen fertigten Kohleöfen und Inneneinrichtung, ganz in der Tradition des Werkbunds. Auch auf der gestalterischen Ebene thematisierte Eiermann den Mangel in überzeugender Weise: Die Küchentische sind aus naturbelassenen Holzbohlen, der Fußboden in den offenen Wohn- und Küchenbereichen besteht aus bruchrauen Platten. Die »Hettinger Küche« verband die Arbeitsküche aus den zwanziger Jahren mit der traditionellen Wohnküche. Als Handlauf und Treppengeländer spannte Eiermann Kordeln. Auf dem Grundstück haben sogar ein Schuppen, ein Hasenstall und ein kleiner Gemüsegarten Platz.

»Der Bedarf ist so ungeheuer, dass kein neues Gebäude für Jahrzehnte frei sein wird. Darin liegt eine große Verantwortung der Menschheit gegenüber, die ein Heim, aber keine Baracke, keine Kaserne und keine Hundehütte haben soll, wenn der Wert demokratischer Staatsform, das Lebensrecht und die Erhaltung des Individuums neu geschaffen und bewahrt werden soll.« (Egon Eiermann: »Vortrag über die Planung von Wohnhäusern, gehalten bei der Caritas-Tagung der Diozöse Freiburg in Hettingen am 23.5.46« Abschrift aus dem Nachlass Eiermanns)

Schon ein Jahr später wurde Egon Eiermann als Professor an die Technische Hochschule Karlsruhe berufen, wo er bis zu seinem Tod 1970 lehrte und als freier Architekt arbeitete. Berühmt und emblematisch für die transparente Moderne der jungen Demokratie wurden die Firmenzentrale von Neckermann und die Olivetti-Hochhäuser in Frankfurt, das Kanzleigebäude der Deutschen Botschaft in Washington, das Abgeordneten-Hochhaus des Bundestages in Bonn, die Deutsche Pavillongruppe zur Weltausstellung in Brüssel, die IBM-Hauptverwaltung in Stuttgart sowie der Neubau der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin. Beigesetzt ist Egon Eiermann im Grab seiner Großeltern auf dem Buchener Friedhof, doch das haben wir ausgelassen.

Samstagvormittag im Städtchen, die Fassaden leuchten, als wären sie in Florenz aufgewacht. Ein dezentes Schild lädt zum Stadtmauerrundweg ein. Gepflegt und irgendwie sympathisch in seiner Solidität aus Fachwerk, Schmiedeeisen und Hoflinde ist das Anwesen der ehemaligen Amtskellerei, an der wir vorbeikommen. Amtskeller trieben im 18. Jahrhundert für die Kurmainzischen Fürsten Geld- und Naturalabgaben ein. Der Vater des Komponisten Joseph Martin Kraus, des »Odenwälder Mozart«, hatte diese Position in Buchen inne, ähnlich wohl einem Landrat. Bis auf wenige Monate stimmen die Lebensdaten von Kraus und Mozart tatsächlich überein, einen anderen guten Grund für diesen merkwürdigen Beinamen, der Kraus ein wenig kleinstutzt und provinziell macht, finde ich nicht. Oder ist es vielleicht einfach guter lokalpatriotischer Stolz, der da durchklingt, und ich höre nur den falschen Ton?
1777 hielt sich Mozart in Mannheim auf, gab den Kindern des Kurfürsten Karl Theodor von der Pfalz Musikunterricht, glänzte mit Konzerten und nörgelte in seinen Briefen nach Salzburg Ende November über die stimmliche Leistung der beiden alten, etwas gerupften Kastraten der Sängerriege. Insgesamt jedoch waren Monsieur erfreut über die Qualität der exzellenten Musiker. Da hatte der junge Kraus das Musikseminar der Stadt schon verlassen und war nach Göttingen gegangen.
Ein übler Verleumdungsprozess trieb die Familie Kraus von 1775 an fast in den finanziellen Ruin und definitiv ins soziale Abseits. Der Amtskeller wurde denunziert, vom Dienst suspendiert, man beschuldigte ihn der Bestechlichkeit und Untreue, der Sohn musste sein Jurastudium unterbrechen und für ein Jahr nach Buchen zurückkehren. Die Verfahren gegen seinen Vater wurden später eingestellt, aber da war es um Joseph Martin Krausens Obrigkeitstreue und seinen Glauben in die Rechtsprechung schon geschehen. Er verfasst einen »flammenden Protest gegen mißbrauchte Fürstenmacht«, will dem Mainzer Kurfürsten nicht mehr dienen. Ende November 1777 schreibt er an seine Eltern, ehe er einem Despoten die Füße lecken müsse, wolle er lieber darben. Er bricht das Jurastudium ab und widmet sich fürderhin in Schweden dem Komponieren.

Da heute weder Mittwoch noch Sonntag ist, bleiben Museum und schmiedeeisernes Tor vor dem kopfsteingepflasterten Hof, auf dem Joseph als junger Mensch hochbegabt herumlungerte, geschlossen. Dass Götz von Berlichingen auf eben diesem Hof 1525 die Führung des Hellen Lichten Haufens im Bauernkrieg übernahm, lerne ich vom Schild am Zaun. Der Helle Lichte Haufen, das waren fast 12.000 Bauern, die gegen die Bischöfe von Mainz und die Kurfürsten der Pfalz zogen und sich gegen Armut, Zölle, Zinsen, Steuern, Großzehnt, Leibeigenschaft und Frondienst erhoben.

Nach Göttingen war Joseph Martin Kraus gegangen. Der junge Mann war ja schon von Buchen nach Mannheim gegangen, um dort eine ordentliche Schulausbildung  und Musikunterricht zu bekommen. Zu Fuß? frage ich mich, als wir ins Auto steigen und über gewundene Straßen und durch schattige Kurven Richtung Neckartal fahren. Von Buchen nach Mannheim sind es 83 Kilometer. Herr Campe erfand in seinem famosen Wörterbuch für die französische »Chaussee« ein neues Wort: Kunststraße. Die Kunststraßen im Badischen zählten neben den hessischen und kurpfälzischen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu den besten des Landes. Die Fürsten von Leiningen ließen die Chaussee von Mosbach nach Buchen als Haupt-Commerzial- und Poststraße ausbauen, während Goethe noch den riesigen Erfolg seines Götz von Berlichingen genoss und den lamentablen Zustand der Straßen rund um Weimar beklagte, die kein Fortkommen erlaubten und die Beförderung der Post nahezu unerträglich verzögerten. Tief gefurchte, schlammige Wege statt befestigter Schotterstraßen. Seit 1776 im Staatsdienst und Direktor des Wegebaus, kümmerte sich der Geheime Legationsrat Goethe nun um die Infrastruktur im Sächsischen. Der junge Kraus wurde wohl ordentlich durchgerüttelt in der Postkutsche der Thurn und Taxis, schaffte die Strecke auf anständiger Kunststraße aber in zwei Tagen.

Wir sind in einer Stunde im hellen Mannheim und parken am Friedrichsplatz vor der neuen Kunsthalle. Metallgewebe umschließt ein quaderförmiges Ensemble von Kuben und Baukörpern. Wir wundern uns nicht, als Erstes Eduard Manets »Die Erschießung Kaiser Maximilians von Mexiko« zu sehen, die malerische Auslöschung des Pathos schlechthin. Doch da die Rheinebene zu einer ganz anderen Legendenabteilung gehört, endet die Ausfahrt in den Odenwald im Museumsfoyer, wo Alicja Kwades Stein-Uhr-Pendel seinen eigenen geheimnisvollen Rhythmus erschafft.

Hotel Prinz Carl, Buchen
http://www.prinz-carl.de | T. 06281 52690 | DZ ab 90 Euro

 

Bildnachweis:
Die Aufnahmen des Magnani-Eiermann-Siedlungshauses hat mir mit großzügiger Freundlichkeit der Architekturfotograf Moritz Bernoully zur Verwendung überlassen.
(c) Moritz Bernoulli http://www.moritzbernoully.com

Noch nicht lang her: Mai 1997

Zur Erinnerung: Im Mai 1997 gab es Deutschland Farbkopierer, die Klimakonferenz beschloss das Kyoto-Protokoll, die Telekom war an der Börse, Cathérie David Chefin der Dokumenta und die EU-Konvention zur Biomedizin wurde verabschiedet.

Der Körper der deutschen Ehefrau jedoch hatte ihrem Mann uneingeschränkt zur Verfügung zu stehen.  In Deutschland galten bis vor 15 Jahren Ehefrauen als „nicht vergewaltigbar“. Eheliche Vergewaltigung und eheliche sexuelle Nötigung waren nicht nach den Strafgesetzbuch-Paragraphen 177 und 178 strafbar, sondern Privatsache. Die sexuelle Selbstbestimmung der Frau galt dem Gesetzgeber weniger als die Unantastbarkeit der Familie.

Bundestag und der Bundesrat brauchten 25 Jahre, die Vergewaltigung innerhalb und außerhalb der Ehe strafrechtlich gleichzustellen.
Im Jahr 1972 brachten die Sozialdemokraten erstmals einen Reformvorschlag ein und scheiterten an den Eheschützern. Ende der achtziger Jahre versuchten es die Grünen-Frauen erneut und kapitulierten vor der Lebensschützerlobby, die befürchtete, daß Frauen ihre Ehemänner einer Vergewaltigung bezichtigen könnten, um mit Hilfe der kriminologischen Indikation ganz legal abtreiben zu können.
Im Sommer 1994 begann eine neue Initiative, getragen von verschiedenen Parlamentarierinnen und Frauenorganisationen. Eine dreijährige Vernetzungs- und Lobbyarbeit führte schließlich zum Erfolg.
Ein Gruppenantrag der Frauen von SPD, FDP und Bündnisgrünen entsprach genau dem Wortlaut des Regierungsentwurfs. Als sich dann auch noch Frauen aus der CDU für diesen Antrag aussprachen, gab die Koalition ihren Widerstand auf und hob den Fraktionszwang auf.
Am 15. Mai 1997 stimmten von den anwesenden 644 Abgeordneten 471 für den Gruppenantrag und 138 dagegen, 35 enthielten sich der Stimme.

Sexismus vor, nach und in Köln

Die Kanzlerin sagt in der FAZ, der Frauenverachtung, die sich in Köln gezeigt habe, müsse man entschieden entgegentreten, „es sei gut, dass es sehr viele Anzeigen gebe, und die Polizei müsse all diesen Dingen nachgehen.“

All diesen Dingen soll die Polizei nachgehen. Der Bericht des NRW-Innenministerium zur Silvesternacht in Köln listet die Strafanzeigen aus den Aufnahmeprotokollen einzeln auf: „mehrfach begrabscht … in den Schritt gefasst …. Griff an Po und Scheide … in den Intimbereich oberhalb ihrer Kleidung gefasst …. Finger in Scheide eingeführt, misslang wegen Strumpfhose … Hintern und Schritt angefasst … an das Gesäß gefasst (unterhalb des Rockes und oberhalb der Strumpfhose) … zwischen die Beine gefasst und geküsst … mehrfach anstößig berührt … wurde von mehreren Personen angefasst … zwischen den Beinen gepackt“.

All diese Dinge werden im Wortlaut bestürzend konkret, widerwärtig, gewalttätig, albtraumhaft, frauenverachtend – nur kriminell werden sie nicht. Polizei und Staatsanwaltschaft haben nicht viel Arbeit damit, denn sexuelle Übergriffe werden nur dann strafrechtlich verfolgt, wenn sie die laut Strafgesetzbuch erforderliche „Erheblichkeit“ aufweisen. Bei Berührungen von Brust, Hintern und Genitalbereich kommt es für die gerichtliche Einschätzung darauf an, ob über oder unter der Kleidung begrabscht wird, deswegen auch die detaillierte Beschreibung im Protokoll.

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Frau Ministerin Nahles redet über Luxus und Armut. Da machen wir mit.

(cc)_RossPollack_flickrEnde Februar legte der Paritätische Wohlfahrtsverband seinen neuen Armutsbericht vor. Letzte Woche hat dann Arbeitsministerin Nahles einen eigenen Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung angekündigt und im Interview mit der Süddeutschen Zeitung ihr gesellschaftspolitisches Interesse akzentuiert:

Man hört oft Zahlen, wer wie viel besitzt und dass die Kluft zwischen Arm und Reich größer wird. Mir geht es aber um die Frage: Wie wirkt sich Reichtum in unserem Land im Alltag aus? Nehmen Vermögende und die Eliten Einfluss auf politische Entscheidungen und gesellschaftliche Diskurse – welchen und in welcher Form?

Das halte ich ebenfalls für einen hochinteressanten Aspekt. Ich freue mich schon auf den Bericht der Bundesregierung, der die Fragen nach Elitenbildung, Lobbyismus, Stifterfamilien, Vermögensverhältnissen, Einflusssphären und generationellem Vermögenstransfer in Deutschland offenlegen und zur Diskussion bereitstellen wird. Bis das Papier aber vorliegt, können wir uns noch einmal dieser „Kluft“ zuwenden.

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Keine Raketenphysik. Zum Equal Pay Day

(c) Lisa Blum-MInkel
RED HANDBAG (c) Lisa Blum-Minkel, Hamburg

Er kommt in die Jahre, der Equal Pay Day.
1988 riefen die amerikanischen Business and Professional Women zum ersten Mal den Aktionstag aus und initiierten die Red Purse Campaign, um auf die Unterbezahlung von Frauen hinzuweisen.
Bei der siebenundzwanzigsten Party sind nun alle dabei: Familienministerinnen, SPD-Vorsitzende, Wirtschaftsredakteure – tout Paris lässt sich blicken und spricht Grußworte, denn das Geburtstagskind ist erwachsen und salonfähig geworden. Es schickt sich, bei dem Event gesehen zu werden.
Unterdessen bewegt sich die Lohndifferenz in Deutschland mit leichten Schwankungen seit Jahren zwischen 22 und 23 Prozent.

Dass der Equal Pay Day zu kurz greift und tiefer liegende Gründe der Ungleichheit vernachlässigt, hat zum Beispiel Antje Schrupp schon 2011 in zehn Thesen klar vorgetragen. Auch die statistische Aussagekraft wurde schon an vielen Stellen zurecht kritisiert. Seit einigen Jahren unterscheidet man deshalb zwischen unbereinigter und bereinigter Lohndifferenz.
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Schule, the Monster under your Bed

(cc) Marc Palm
Monster (cc) Marc Palm

Neulich las ich auf faz.net einen Artikel zum Thema Schulwahl. Die Autorin Julia Bähr berichtet von den Schauläufen, die weiterführende Schulen neuerdings veranstalten müssen, damit sie angewählt werden, und die man als Eltern besuchen muss, um nur ja den optimalen Bildungsort für den Nachwuchs zu ergattern.
Bähr schlingt noch einen Faden in den Text hinein: Ekliger Turnhallengeruch löst Erinnerungen an ihre eigene Schulzeit aus.
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Politische Botschaften. Nachlese zur Hamburgwahl

(cc) P. Figueiredo
(cc) P. Figueiredo

Vier Hamburger Kinder spielen in der Küche Wahlkampf.

Kind 1 steigt auf den Stuhl, wirft sich in die Brust, hebelt mit den Armen wie einst Charles de Gaulle und tönt: „Ich bin OLAF SCHOLZ! Ich bin euer Bürgermeister und heiße Olaf Scholz. Wählt Olaf Scholz zum Bürgermeister!“
Kind 2 steigt auf den Stuhl. Hände zur Raute: „Ihr kennt ja Angela Merkel. Wir sind die gleiche Partei nur in Hamburg – ja, nun, das wars.“
Kind 3 greift sich eine Tulpe aus der Vase, klettert auf den Stuhl und flötet: „Die armen Eisbären brechen im Eis ein. Die Grünen sind für Klimaschutz und haben süße Hunde lieb.“
Kind 4 macht dann dort oben ein sehr ernstes Gesicht: „Die Flüchtlinge brauchen Wohnungen. Es soll alles viel gerechter werden. Wählt die Hinken.“

Sehen wir einmal davon ab, dass die kindliche Perspektive das Bild leicht verzerrt, so bringen doch die Performances auf der wackeligen Speakers’s corner die Wahlbotschaften ganz gut auf den Punkt: der präsidiale Ton der Sozialdemokraten neben der Unkenntlichkeit der Christdemokraten, die weichgespülte Rückbesinnung auf grüne Umweltthemen neben dem sozialen Schlagwortgewitter der Linken.

Sitzung_der_Ersten_Kammer_des_Preussischen_Landtags
Lupenreines Dreiklassenwahlrecht: Preussischer Landtag

Ob dieser Wahlkampf nun ungewöhnlich ideenlos war, will ich gar nicht kommentieren. Die Plakatflut erreicht jedenfalls mühelos elfjährige Mittelschichtkinder. Die Parteien umwerben ihre Zielgruppe nach den Mechanismen der kommerziellen Werbung. Sie kommunizieren die Marke an Konsumenten, die routiniert Bildsprache und Slogans zitieren können wie Jingles für Handys oder Süßigkeiten.

Nun ist die augenfälligste Besonderheit dieser Hamburger Wahl die unterschiedliche Beteiligung in den Bezirken. Insgesamt lag sie mit 56,9 Prozent niedriger als bei der letzten Bürgerschaftswahl. Im sozial schwachen Stadtteil Billbrook aber gingen nur 26,3 Prozent zur Wahl, im armen Neuallermöhe 39 Prozent. In den wohlhabenden westlichen Vierteln Nienstedten, Othmarschen und Groß Flottbek machten 75 Prozent (!) der Bürger_Innen von ihrem Wahlrecht Gebrauch.

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Hundts Furcht

images-1Wahlversprechen sind im politischen Geschäft Wechselbriefe mit der Besonderheit, dass diese Papiere ohne Fälligkeitsdatum ausgestellt sind und keine Durchsetzbarkeit besteht. Gewissermaßen symbolische Symbole in der politischen Kommunikation.

Betrachten wir Angela Merkels Wahlversprechen, den Steuerfreibetrag für Familien und das Kindergeld zu erhöhen. Im Wahlprogramm der CDU ist dafür ein Volumen von 7,6 Milliarden Euro ausgewiesen (im Wahlprogramm, nicht im Haushalt). Die Message ist nicht schwierig zu lesen: Die Kanzlerin begegnet der Kritik an ihrer Familienministerin und am Betreuungsgeld, Frau Schröder wird im neuen Kabinett keinen Ministerposten mehr zu erwarten haben  und die Union braucht die Stimmen der weiblichen Wähler und der städtischen Klientel. Ob man die Idee nun für innovativ halten mag oder falsch: Viel hilft viel, ich scheiß dich zu meinem Geld. Klare Botschaft.

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Fwd: Strukturelle Ursachen verlangen strukturelle Lösungsansätze

form follows functionJa, natürlich interessiert es mich brennend, welches Kleid Michelle Obama heute trägt.
Aber solange sie sich im Ritz Carlton frisch macht, bleibt Zeit, auf das Papier des Verbands alleinerziehender Mütter und Väter zu schauen, das schon vor einer Woche in Berlin veröffentlicht wurde und das, wie ich finde, echolos ins Wahlkampfgesums schallt. Dabei sind die Forderungen eine starke und umissverständliche Ansage, die jedem einzelnen Wahlkampfstrategen gleißende Kopfschmerzen und Schweißflecken unter den Armen bereiten möge: 1,7 Mio Wählerinnen laufen da draußen frei rum.

Armut von Alleinerziehenden und ihren Kindern ist kein privates Schicksal, sondern Ausdruck ihrer gesellschaftlichen Benachteiligung.

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Kein Waagnis

(c)lookis.infoDie alte Frage nach dem Schönheitsideal und Körpernormierungen flammt in den netzfeministischen Texten aktuell auf. Unter dem Hashtag #waagnis versteckt sich der revolutionäre Aufruf, die Waage aus dem Badezimmer in den Müll zu befördern und künftig auf die individuelle Gewichtskontrolle zu verzichten.
Es gibt kluge Interventionen dazu, besonders gefällt mir die gelassene Betrachtung von Antje Schrupp und die energische von Mango Riot zu der Aktion.
Ich bin in diesen theoretischen Debatten nicht zuhause, bewege mich da eher als Zuschauerin am Rande. Aber ich bin befremdet von dieser Aufregung, die nach meinem Dafürhalten das Pferd doch irgendwie vom falschen Ende her aufzäumt.
Dieser Akt, der in den frühen Siebzigern beheimatet sein könnte, soll auf einmal auf symbolischer Ebene zur Befreiung beitragen? Für einzelne Frauen mag das gewiss ein stärkender Schritt sein, aber als öffentliche, politische Geste und Beitrag zur feministischen Körpersoziologie ist sie einfach zu niedrig angesetzt. Da waren wir doch schon mal weiter.
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Die anderen: Kinder in gleichgeschlechtlichen Beziehungen

Ich bin berechtigt.Man weiß also wenig darüber, wie es den Kindern geht, die in gleichgeschlechtlichen Beziehungen aufwachsen und in der Schule gehänselt werden. Susanne Kusicke befasst sich heute in der FAZ mit dieser ungeklärten Frage. Der Artikel ist gründlich recherchiert, sie hat mit Psychotherapeuten gesprochen, deren Beratungsschwerpunkt auf Regenbogenfamilien liegt, und beleuchtet verschiedene Aspekte: anonyme Samenspender, Trennungen, sexuelle Entwicklung im jugendlichen Alter.
16.000 bis 19.000 Kinder lebten aktuell in Deutschland in dieser gesellschaftlich neuen Konstellation.

Und es schüttelt einen trotzdem beim Lesen. Nicht nur die soziale Realität der vielfältigen Familienmodelle lässt die Fragestellung altbacken aussehen.
Der Betrachtung liegt ein Begriff von Normativität und positiver Normalität zugrunde, der von ganz anderen Seiten, Kräften und ökonomischem Druck als ausgerechnet von gleichgeschlechtlichen Paaren mit Kinderwunsch zersplittert wurde.
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Promenade durch parzellierte Landschaften

In meinem Leben passiert gerade nicht viel. Was gut und schlecht ist. Ich nehme mir Zeit zu beobachten, lasse mich in meinen Meinungen verunsichern, wandere in Debatten umher und schaue darauf, wie sie geführt werden.

Wo wir gerade über Sprache reden: Die Böll-Stiftung hat eine Studie  in Auftrag gegeben. Die Nautilus Politikberatung legte dieser Tage das Ergebnis vor: eine sprachbasierte Lageanalyse „Diskurs mit den Piraten„, die den Wort- und Sprachgebrauch in der internen und programmatischen Kommunikation der Piratenpartei auswertet und Empfehlungen für eine grüne Diskursstrategie gibt. Ich erlaube mir, hier nur die bunte Tagcloud der meist verwendeten Begriffe auf Seite 10 der Zusammenfassung anzuschauen: Konzept, Idee, System, Pirat natürlich, Euro und Meinung sind prominent repräsentiert. Das Schlagwort Frau taucht einmal verschwindend klein auf, nirgendwo Emanzipation, Gleichstellung, Geschlechtergerechtigkeit oder Teilhabe. Auch Genderpolitik – nichts, gar nichts. Da staunst du nicht, um mit dem Brenner zu sprechen, sprich Neo-Liberalismus.
Dabei haben einige Piratinnen letzte Woche eine politisch wie medial außerordentlich gelungene Aktion initiiert und durchgezogen. tits4humanrights hat es nicht nur erreicht, mediale Aufmerksamkeit für den Protest der geflüchteten Menschen am Brandenburger Tor zu erzeugen, sondern zugleich die sexistische Haltung und Sensationsgier der Presse in einer lässigen Volte vorzuführen.
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