Des Kaisers neue Kleider revisited

News from a goofed life: Private Nachrichten aus einem vermasselten Leben

In meiner Familie wird viel geredet. In anderen auch, ich weiß. Das Phänomen ist bekannt und manche Leute machen einen Riesenreibach mit der wortreichen Lebendigkeit und stets heiteren Originalität ihrer Familienmitglieder (der herzensgute Brigitte-Familienvater-Kolumnist fällt mir ein).
Was den Rede-Koeffizienten bei uns in die Höhe treibt, sind nicht die niedlichen Aperçus der Jüngsten, sondern die permanente Vertonung des Alltags.
Kind 2 schreibt auf dem Computer und redet währenddessen laut: So, jezz scanne ich mal das Internet in mein Bildschirm, Mama, wie geht das Erwachsenenpasswort, ich brauch Internet. Mist, Giraffe nicht mit K. Ich hab morgen Schwimmen.
Hinein in den Endlostext spricht Kind 1: Wieso darf sie jezz Firefox und ich nicht. Mama, schau mal, was ich gemacht habe. Was schreibst du da? Nie schaust du, was ich mache. Wer hat meinen Lieblingsstift unter die Heizung geschmissen.
Soweit alles normal. Hinzu nun aber treten notorisch polyphone, kontroverse Kommentare zu jeder Lebensäußerung und die grenzenlose Liebe zu Erklärungen. Kind 1 erklärt ausführlich, wieso die Erde keine vollkommen runde Form hat. Kind 2 erklärt umständlich, warum ihr Stofftier von Gott geboren sein muss. Gemeinsam erklären sie, dass sie unbedingt Comics kaufen gehen müssen. Der Nachbarin erklären sie über den Balkon, warum ich wenig Geld verdiene. Ich erkläre zum millionsten Mal, warum man Hände waschen muss. Und der Mann (allmählich komme ich zum Punkt) erklärt die wichtigen Sachen und schwierigen Wörter. Gern beim Essen. Kapitalismus etwa. Finanzkrise. Militanter Rechtsextremismus. Ideologie.
Zur Not fiele mir dazu auch etwas ein, aber ich bin froh, bis auf das Notwendigste (sitz gerade, benutz das Besteck) nicht sprechen zu müssen, speise und genieße das Spektakel. Auf Hauptseminarniveau, mit eingeschobenen Nebensätzen und soziologischer Ernsthaftigkeit setzt die Erklärung ein, was bei Kind 2 augenblicklich zu einem Zustand führt, den sonst nur sehr teure Rauschmittel erzeugen: selige Schläfrigkeit, verdrehte Augen, abgrundtiefe Langeweile. Kind 1 kommentiert simultan und erklärt sich die Erklärung. Bis neulich Kind 2 den Kopf hebt und die Frage stellt: Wieso, Mama, weiß er eigentlich so viel mehr als du?
Als aufgeklärter Mann beeilt sich der Mann zu erklären, was Geschlechterstereotype seien, Rollenzuschreibungen, Gebaren und Gestus.
Kind 1 erkärt: Weiß er gar nicht. er ist nur ein Mann. Deshalb. Ich erkläre, dass Männer wirklich so sind, und seitdem lässt sich die Welt einfacher erklären: Die Deutschlehrerin wollte heute eben auch mal ein Mann sein, der Mathelehrer: Du weißt schon (vieldeutiges Augenbrauen heben) und Elke Heidenreich (ich kann „Nero Corleone“ gelesen von der Autorin auswendig) schreibt eben nicht wie ein Mann. Deshalb.

Gender Gap in den Medien

Manchmal meint man ja glauben zu können, Frauen und Männer seien gleichberechtigt. Oder die Medienlandschaft böte kritische Nischen. Oder Bewusstsein habe sich verändert.

Diese schwachen Momente fegt die Infografik hinweg, die das amerikanische Medialab 4th Estate veröffentlicht. Untersucht wurde, wie häufig in verschiedenen Medien innerhalb der Medienberichterstattung zum Wahlkampf Frauen und Männer zu welchen Themen zitiert wurden.
Männer beziehen sich auf Männer. Selbst wenn sie vermeintlich Frauenthemen bearbeiten, reproduzieren sie die politische, mediale und gesellschaftliche Unsichtbarkeit und Unhörbarkeit der Frauen.
Ein renommierter Gynäkologe wird zum Thema Geburtenkontrolle mehr Gehör und Glaubwürdigkeit einfahren als eine unbekannte Sozialarbeiterin – auch bei den meisten Leserinnen und Zuschauerinnen.
Abtreibung und Reproduktionsmedizin sind so komplizierte Themen, dass ein versierter Chefarzt, der sich verständlich, seriös und erfahren artikuliert, eindeutig mehr Gehör finden wird als eine freie Journalistin – was für eine Frisur die schon hat.

www.4thEstate.net

In der Gesamtschau sieht die Verteilung so aus:

Frauen im Film. Der Bechdel-Test

In Cannes läuft der Wettbewerb und allen, die nicht dabei sein dürfen, sei ein Vergnügen empfohlen, das in jedem Kino funktioniert.
Erhöht ebenfalls den Unterhaltungswert stinklangweiliger Fernsehabende oder den Spaß bei Paar-DVD-Abenden, die sonst stumm abliefen.

Der Bechdel-Test misst die aktive Präsenz von weiblichen Charakteren in Hollywood-Filmen. Die Idee stammt ursprünglich aus einem Comic Dykes to Watch Out For (1985) von Allison Bechdel, in dem eine Figur, nämlich Mo, erklärt, dass sie nur solche Filme schaue, die alle drei folgenden Kriterien erfüllen:

1. Kommen in dem Film zwei oder mehr Frauen vor, die Namen haben?
2.
Sprechen diese Frauen miteinander?
3.
Sprechen sie über etwas anderes als einen Mann?

Wissenschaftlich oder filmästhetisch gänzlich irrelevant. Ein Test aber, der nicht belanglos ist. Erstaunlich, wieviele Filme diese unglaublich schlichten Fragen nach weiblicher Präsenz nicht oder nur teilweise erfüllen. Genrefilme, die ohnehin in reinen und strahlenden Männerwelten spielen (Kriegsfilme, Gangsterfilme, Western, Mafia-Filme, Abenteuerfilme, Spionagefilme oder Katastrophenfilme zum Beispiel) nehmen wir gar nicht ins Visier.
Auf der langen Liste der normalen Filme, die den Test nicht bestehen,  finden sich viele schöne und bekannte Filme, darunter:

Der Drachenläufer
Midnight in Paris
Ratatouille
Casino Royale
Das Leben der Anderen
Memento
König, Dame, Ass, Spion
The Tree of Life
Sonnenallee
The American
The Big Lebowski
L.A. Confidential
Die Abenteuer von Tim und Struppi
Tage des Verrats

Hausfrauenleitbild: große Gefühle

Es ist schon 10 Tage her, dass Martin Halter das neue Buch von Andrea Maria Schenkel besprochen hat. Aber erst heute dachte ich wieder an den Artikel und an die hässliche Verachtung, die den Text beflaggte.

Am frühen Morgen radeln meine Kinder vor mir her auf dem Bürgersteig. Aus einer tiefer gelegenen Garageneinfahrt schießt ein schwarzer SUV über den Gehsteig hinweg auf die Fahrbahn. Übertourig angefahren, mühsam kontrolliert. Das eine Kind auf seinem Rädchen nur um Weniges verfehlend.
Die Sorge um die Brut lässt auch besonnene Menschen ventilieren, also gehe ich rasch an die Fahrerseite, trete so fest es eben geht gegen das Auto und schreie ohne eine einzige Reflexionsschleife: „verdammte unfähige Hausfrau“.

Martin Halter hat am 10.4.2012 eine Rezension geschrieben, in der es nur am Rande um einen mittelmäßigen Krimi geht, im Kern aber um die obszöne Anmaßung einer Hausfrau, die mit ihrem Erstling enorm erfolgreich in die Manege des Literaturzirkus‘ eingestiegen ist. Immerhin wiesen die folgenden Bücher dann in eine absteigende Richtung, die der neue Krimi nun zementiert. Über den Erfolg sei ihre Ehe zu Bruch gegangen. Auch die „Unschuld des Anfangs“ sei zerrissen, leider.
Und am Ende der Besprechung dann vollends die Demaskierung: „Finstere bayrische Hinterwäldler (…): Das kann Josef Bierbichler in seinem Mittelreich dann doch besser als die Hausfrau in ihrem Zwischenreich zwischen Regensburg und New York.“
Der Autor Bierbichler erhält einen Vor- und Nachnamen, einen Hinweis auf seine Profession braucht der Leser auf Augenhöhe nicht. Die schreibende Hausfrau bleibt Hausfrau, ohne Zuschreibung, der Mühe nicht wert. Mag sie mit einem Bein noch so vorwitzig im Mekka der Literaturszene stehen, der andere Fuß klebt im provinziellen, ungebildeten, klar begrenzten und letztlich nicht Ernst zu nehmenden Hausfrauendasein.
Warum ist die Autorin Schenkel so schwer erträglich für den etablierten Kulturmenschen? Es wäre doch ein Leichtes, ihre Bücher einfach zu ignorieren. Doch die erfolgreiche Grenzüberschreitung einer Hausfrau kränkt den berufstätigen Kulturteilnehmer. Also wartet der Rezensent geduldig, bis das Leben sie straft, und zeigt dann auf das Weibsbild, auf die dumme Hausfrau, die den ihr angemessenen Platz verlassen hat.

Meine Tirade vor der abgedunkelten Scheibe speist sich zum größten Teil aus genau diesem Sumpf der Voreinstellungen. Auch in mir sitzt ganz tief  versteckt die Verachtung für die Wert erhaltende, unbezahlte Familienarbeit. Ich spüre noch den Nachklang des Hasses der Töchter auf die Mütter allein für all das, was diese Generation nicht gewagt hat.
Weiterlesen „Hausfrauenleitbild: große Gefühle“

Parteinahme am Frauentag

Für gewöhnlich geht der Frauentag ruhig an mir vorbei – einen Artikel liest man oder zwei; in guten Jahren wird man von einem guten Mann mit einer Blume beschenkt.
Dieses Jahr ist etwas passiert, als der Tag schon fast vorbei war: Ich schaute Tagesschau, hörte zunächst das trompetete Over the rainbow als Abgesang auf die politische Kultur und anschließend in einer – naturgemäß geschwächten emotionalen Verfassung – die Familienministerin Schröder sprechen. Über den Erfolg der Flexiquote sprach sie im Bundestag.
(Die Flexiquote bezeichnet ein beliebiges beschäftigungspolitisches Ziel, das sich börsennotierte Unternehmen selbst setzen dürfen. Etwa: „Wir wollen acht Prozent Frauenanteil in den Führungsebenen unterhalb des Vorstands bis 2050.“) Nicht dass ich annähme, es gäbe eine Lösung. Aber diese Nummer der Familienministerin ist eindeutig ein Teil des Problems.
Dieses Mal war es zuviel.
Und nach Jahrzehnten der standhaften Weigerung, einer Partei beizutreten, bin ich seit zwei Wochen bei den Grünen. Man fühlt sich zunächst einmal wie bei Ikea: Haufenweise Infopost und das befremdliche Du in allen Texten.

Frohsinn stiftend hingegen eine Analyse des Auswärtigen Amtes, die uns die FAZ weitererzählt: Deutschen Unternehmen drohen Nachteile beim Export in Länder der Europäischen Union, in denen es eine gesetzliche Frauenquote gibt. „In Industriekreisen zeigt man sich besorgt über die Auswirkungen auf die Exportindustrie.“
Was für eine helle Freude steht uns ins Haus an dem Tag, an dem die Lobbyisten der deutschen Exportindustrie auf Knien ins Kanzleramt gerutscht kommen und um eine gesetzliche 40 Prozent-Quote betteln.

Pro Quote – jetzt.

In einem offenen Brief an Verleger, Chefredakteure und Intendanten fordern mehr als 350 Journalistinnen aus allen Medienbereichen die Einführung einer Frauenquote von 30 Prozent auf allen Führungsetagen.

Tatsächlich sind nur zwei Prozent aller Chefredakteure der rund 360 deutschen Tages- und Wochenzeitungen Frauen, von den 12 Intendanten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sind lediglich drei weiblich. Und auch in den Redaktionen der Nachrichtenmagazine stehen fast ausschließlich Männer an der Spitze.
Es ist Zeit, etwas zu ändern.
Wir fordern, dass mindestens 30 Prozent der Führungspositionen in den Redaktionen im Laufe der nächsten fünf Jahre mit Frauen besetzt werden – und zwar auf allen Hierarchiestufen.

Diese Forderung unterstützt CLEAN RECORD sehr gern. Mit Ihrer Unterschrift auf Pro Quote können Sie dem Aufruf noch mehr Gewicht verleihen!

Geschlecht: Anderes

Wirklich große Dinge ereignen sich sehr leise. Am 23. Februar hat der deutsche Ethikrat in Berlin seine Stellungnahme zur Situation Intersexueller in Deutschland der Bundesregierung übergeben.

Unsere Gegenwart wird bestimmt von neuen Kommunikationstechnologien und kulturellen Verschmelzungs- und Auflösungserscheinungen.
Im Alltag aber und in Wahrheit leben wir in einer Welt, die zunehmend ängstlicher sich festhält an konservativen Orientierungsmustern. Verdammt, wie kleinmütig sind die meisten wieder auf Ordnung bedacht, auf Zuordnung und Anstand. Über Feinstaubbelastung und veganes Frühstück wird in jeder Kita verhandelt. Wer redet noch über die Spielarten kindlicher Sexualität? Tolerante Mittelschichtmütter von kleinen Jungs bekommen hektische Übersprungsflecken am Hals, wenn das Kind ein Kleid tragen möchte – und das nicht einmal und nur Zuhause, sondern oft und auf der Straße.
Wir leben in einer Welt, die nur Männer und Frauen zulässt und inzwischen schon wieder in einer Zeit, die nur richtige Männer und richtige Frauen will und keinen Platz einräumen mag für Schattierungen, Brechungen und Varianz.
Im Feuilleton wird ausgiebig über die mangelnde Virilität der neuen Männer sinniert. Wie traurig asexuell diese Zweifler seien – und wie langweilig! Der starke Prinz soll es bitte sein, männlich, herrlich, redegewandt und draufgängerisch im richtigen Moment. Ja, vor dem Krieg war das besser.

Nun gibt es Menschen, deren körperliche Geschlechtsmerkmale (wie Chromosomen, Hormone, Keimdrüsen und äußere Geschlechtsorgane) bei der Geburt nicht eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen sind. Sie leben zwischen den Geschlechtern oder tragen Merkmale beider, sind weder eine Frau noch ein Mann – in Deutschland sind dies etwa 100.000 Menschen. Jahrzehntelang – und bis in die Gegenwart hinein – war es ärztliche Praxis, solche intersexuellen Kinder durch geschlechtszuordnende Operationen und Hormonbehandlungen möglichst früh einem der beiden Geschlechter zuzuweisen. Der Ethikrat bezeichnet solche Operationen jetzt als „ein Eingriff in das Recht auf körperliche Unversehrtheit und auf Wahrung der geschlechtlichen und sexuellen Identität“. Desweiteren fordert das Gremium, intersexuelle Menschen als „Teil der gesellschaftlichen Vielfalt“ anzuerkennen und vor „medizinischen Fehlentwicklungen und Diskriminierung“ zu schützen. Auch dass Eltern sich gleich nach der Geburt für ein Geschlecht entscheiden sollen, hält der Ethikrat für „einen nicht zu rechtfertigenden Eingriff in das Persönlichkeitsrecht und das Recht auf Gleichbehandlung“.

Und dann kommt der revolutionäre Teil:
Der Ethikrat empfiehlt, ein drittes Geschlecht einzuführen. In Zukunft sollen Betroffene im Personenstandsregister als Geschlecht neben „männlich“ und „weiblich“ auch „anderes“ angeben können.
Das nenne ich mal, kurzerhand und brillant begründet eine Ordnung zertrümmern. Neu denken. Politische Forderungen adressieren.

Meine Bitte an den Ethikrat: eine Stellungnahme zum Erbrecht und wenn es geht, auch eine zu Spekulationsgeschäften mit Nahrungsmitteln. Danke.

Die Mitglieder des revolutionären deutschen Ethikrates:
Prof. Dr. iur. Edzard Schmidt-Jortzig, Prof. Dr. med. Christiane Woopen, Prof. Dr. theol. Eberhard Schockenhoff, Prof. Dr. med. Axel W. Bauer, Prof. Dr. phil. Alfons Bora, Wolf-Michael Catenhusen, Prof. Dr. rer. nat. Stefanie Dimmeler, Prof. Dr. med. Frank Emmrich, Prof. Dr. phil. Dr. h. c. Volker Gerhardt, Hildegund Holzheid, Prof. Dr. theol. Dr. h. c. Wolfgang Huber, Prof. Dr. theol. Christoph Kähler, Prof. Dr. rer. nat. Regine Kollek, Weihbischof Dr. theol. Dr. rer. pol. Anton Losinger, Prof. Dr. phil. Weyma Lübbe, Prof. Dr. med. habil. Dr. phil. Dr. theol. h. c. Eckhard Nagel, Dr. phil. Peter Radtke, Prof. Dr. med. Jens Reich, Ulrike Riedel, Dr. iur. Dr. h. c. Jürgen Schmude, Prof. Dr. iur. Dres. h. c. Spiros Simitis, Prof. Dr. iur. Jochen Taupitz,Dr. h. c. Erwin Teufel, Prof. Dr. rer. nat. Heike Walles, Kristiane Weber-Hassemer, Dipl.-Psych. Dr. phil. Michael Wunder


Spätfolgen der Aufklärung

No fuck in the factory, das haben wir schon von unserem Müttern gelernt. Am Ende zahlen immer, immer die Frauen drauf und meistens verlieren sie dabei ihren Job. Der betörende Glaube, der Chef liebe seine Ehefrau tatsächlich nicht mehr, die aus dem Beruf gewonnene Verbundenheit sei das wahre Glück und so weiter hat nichts mit dem gern geäußerten Generalverdacht des sich Hochschlafens zu tun. Das eine ist Dummheit, das andere Arbeit.
Sich hochzuschlafen ist hohe Kunst und harte Arbeit, die mit sexueller Anziehung oder Spaß rein gar nichts zu tun hat. Kein Geschäft für Anfängerinnen.
Fakt bleibt, dass sich Männer und Frauen sehr häufig am Arbeitsplatz kennen lernen und anbandeln. EIn Kompromiss: nur ausnahmsweise und mit verheirateten Männern auf gleicher Hierarchiestufe. Das aber nur am Rande.
Reden wir hingegen von sexueller Belästigung,  liegt die Sache ganz anders.
Die Anerkennung als Tatbestand, Strafbarkeit, arbeitsrechtliche Konsequenzen und vor allem Aufklärung waren harte gesellschaftliche und politische Kärnerarbeit.
Als Selbständige hat man keine Kollegen. Mich küsst keiner am Kopierer, dafür nicht die Spur einer Belästigung. Das Thema ist ohnehin längst durchbuchstabiert, ein Jeder gewarnt und alle Bewusstseine geschärft. Im Grunde könnte mir sexuelle Belästigung so als Fragestellung betrachtet kaum gleichgültiger sein.
In seiner irrsten Form tritt nun sexual harassment durch die Hintertür in mein Leben: Ich bezahle gefühlte 800 Euro jeden Monat dafür, dass meine Kinder Instrumentalunterricht bekommen und ordentliche Menschen werden.
Um über diesem Projekt nicht meinen Arbeitstag vollständig zu ruinieren (zwei Kinder an zwei verschiedenen Nachmittagen zu irgendwelchen Schulen kutschieren und Zeit neben wartenden Müttern zu verwarten – HA!), bezahle ich Menschen dafür, dass sie ins Haus kommen.
Der Geigenlehrer ist ein älterer, beleibter, kleiner und sehr distinguierter Herr. Um jeden Verdacht der möglichen sexuellen Belästigung im Vorfeld auszuschließen, unterrichtet er nur, wenn eine andere erwachsene Person sich in der Wohnung aufhält. Sicher sinnvoll, ja, verstehe ich doch, na klar.
Also bezahle ich parallel noch eine Frau – sehr jung übrigens und sehr hübsch (einen jungen Mann habe ich nicht gefunden), die aufpasst auf den Geigenlehrer.

Trotzdem weiß ich noch, dass sexuelle Belästigung von Frauen ein echtes politisches Thema ist. Die junge Ägypterin Eman Hashim führt einen award-winning Blog dazu. Wer kein Arabisch liest, hat die Chance auf  TRANSIT einige ihrer Texte zu finden oder ihr auf Twitter zu folgen: @EnamHashim.

ER SUCHT SIE

KennenlernenEs gibt sie, die großen Momente in einer Familie. Wir hatten heute beim Abendessen einen und verdanken ihn dem Mann aus Köln, der im ZEIT Magazin in der Rubrik KENNENLERNEN eine Anzeige veröffentlicht hat.
Die Fotostrecke von Josefsohn vorne im Magazin war, Hummus-Brote und Oliven futternd, bereits ein unterhaltsames Vergnügen: Mir vollkommen unbegreiflich, dass die MTV-Kampagne schon zwanzig Jahre alt sein soll, für Kind 1 & 2 sehr überraschend, dass es damals schon Farbfotografie gab. Danach eine geniale Modestrecke, die den Beifall aller fand. Und während wir noch über Looks plaudern und die extrem geniale blaue Hose auf dem letzten Bild, blättert Kind 2 weiter, bis ihr Blick an der Zeichnung eines einsamen Mannes auf einem Tandem hängen bleibt: die Kontaktanzeigen.
Parshippen in der Zeit, Mama.
Weiterlesen „ER SUCHT SIE“