Spaziergänge in Beirut

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In einer geschwungenen Linie zieht die Wagen-
kolonne an den Straßenrand. Aus den abgedunkelten SUVs springen Bodyguards, sichern weiträumig die Rue Allenby. Ein Mann in weißem Kaftan steigt aus, in gemessenem Abstand folgt eine Frau in Burka, dann drei Kinder. Es sind Mädchen in bodenlangen schwarzen Gewändern, das älteste vielleicht dreizehn Jahre alt, das jüngste ungefähr neun. Huschende Bewegungen, verschwollene kleine Gesichter, Verbände über Kinn, Nasen und Augenbrauen.

»Die Araber lassen die Beauty Jobs in der Regel früh machen, um ihre Töchter gut auf dem Heiratsmarkt zu positionieren«, kommentiert Berenike die Szene. Auch für sie, die akademisch gebildete junge Libanesin, sind Schönheitsoperationen selbstverständlich. Berenike arbeitet im Marketing und hat, wie die meisten ihrer Freundinnen aus dem christlichen Viertel Achrafieh, Kinn und Hintern machen lassen. Ihr Ziel: ein westeuropäischer Pass, und auch dieser Heiratsmarkt ist hart umkämpft.
Die arabische Familie verschwindet in den Beirut Souks, einer Shopping Mall der Superlative, ein gleißendes Raumschiff mit wassergekühlter Granitfassade. In den angrenzenden Straßen Luxuswohntürme, gewässerte Grünflächen, Housemaids von den Philippinen oder aus Äthiopien führen Hunde spazieren, deren Fell von der erfrischenden Dusche noch feucht ist.

Bis zur Corniche ist es von den Souks nur ein Spaziergang. Auf der Uferpromenade flaniert in den Abendstunden ganz Beirut. Eine Brise vom Meer nimmt die Hitze mit, Kaffee- und Kardamonduft weht aus den Cafés herüber. Am westlichen Ende der Palmen bestandenen Uferpromenade liegt der Sporting Club Beirut. Wer die 25 US-Dollar Eintritt bezahlt, darf den Tempel einer Weltreligion betreten, die heiligste Stätte des Körperkultes. Selbst im herrlich kühlen Wasser des Pools, mit weitem Blick auf die Levante-Bucht, trägt die Dame High Heels zum Bikini. Ein Schild in den Umkleiden weist darauf hin, dass Burkinis im Club nicht als angemessene Kleidung wahrgenommen werden.
Auf der anderen Seite des Zauns, der das Gelände abschirmt, kauern auf dem groben Kies muslimische Frauen, die Fingernägel neonfarben lackiert. In Plastiktüten haben sie Essen mitgebracht, und während sie zwischen den Steinen anrichten, springen ihre Jungs vergnügt von den Felsen ins Meer.

Das Viertel Mar Mikhael, fünf Minuten mit dem Taxi entfernt, liegt für diese Frauen aimg_2633uf einem anderen Stern. In den Cafés, Nachtclubs und Rooftop-Bars rund um die Rue Pasteur trifft sich, wer lebenshungrig ist, gut verdienend oder wenigstens jung. An der Tür des Baffa Cafés nimmt, wie überall in Beirut, zuvorkommend ein Kellner die Smartphones der Gäste entgegen, gibt das WLAN-Passwort ein und bringt die Telefone dann zurück an den Tisch. Hier hängt das sepiafarbene Foto einer Miss Lebanon an der Wand. Blumen-Bikini, große Sophia Loren-Pose. Iphone, klick, search: Es ist Sonja Fares, Schönheitskönigin 1967, heute eine Pariser Modedesignerin.
»Wir hatten so viel Spaß und Sex damals, Sie glauben das nicht,“ erinnert sich die amerikanische Dame am Nebentisch, die seit über vierzig Jahren in Beirut lebt.

24. April 1915 - Stempelgraffiti

Die Rue Pasteur führt nach Borj Hammoud, dem Viertel der Armenier. In der Hitze, die auch nachts noch schwer und feucht in den Straßen steht, stinkt es nach Unrat. Modegeschäfte heißen hier »Chic Parisien«, und im Schaufenster sind hautfarbene Mieder, Kittelschürzen und riesige Büstenhalter dekoriert.
Das armenische Restaurant liegt im ersten Stock, direkt unter dem Yerevan Expressway, img_2720eine Betonbrutalität aus den Sechzigern. Sehr wahrscheinlich stammt der Kittel, den die Chefin trägt, aus dem Sortiment von »Chic Parisien«. Ihre Dauerwellen scheinen unbeeindruckt von der stinkenden Luftfeuchtigkeit – ebenso wie ihr Strahlen, das bei jeder Köstlichkeit, die aus der Küche kommt, breiter wird. »So leckere Lammwürstchen bekommen Sie im Centre nicht, greifen Sie zu, davon werden Sie schön dick«.

In Burj Al-Barajneh kleben Fotos von Selbstmordattentätern der Hisbollah in Schwarzweißkopien an den Mauern. Die Baulücken von 2006, als die Israelis das palästinensische Viertel bombardierten, sind noch nicht geschlossen. Frauen schleppen Einkäufe. Vier Stufen führen hinunter in das schmale Ladenlokal. Die Stimme verrät, dass die Frau unter der Burka jung ist. Auf den zaghaft vorgebrachten Einwortwunsch: Shampoo? kommt in glasklarem britischen Englisch und in einem Ton, der man nur in englischen Privatinternaten lernt, zurück: »Bevorzugen Sie Ihr Haarwaschmittel mit zugesetztem Conditioner?«
Gern, danke, unbedingt.

Aus der Serie: »Everything you see I owe to my eyes«

Sexismus ist wirklich kinderleicht

CC-BY-SA 4.0,

Poyraz 72 Table salt with salt shaker. CC-BY-SA 4.0,

Restaurantkritik im Feuilleton ist eine eigene Kunstform. Feinnervige Kenner, präzise Connaisseure, Ästheten und Adjektivliebhaber sind hier unterwegs.
Man muss diese Kritiken nicht lesen, man kann sie auch als überflüssig erachten angesichts des Elends in der Welt. Ich jedoch finde mein unschuldiges Vergnügen an diesen Elaboraten der Genauigkeit. Für die Dauer weniger Minuten treten Asylpakete, Rechtspopulismus und Politikerphrasen zurück und machen Platz für intensiv schmeckende Tannenspitzencreme, für eine prächtig tiefe und ausgewogene Ingwermarinade oder in Apfelsaft zart karamellisierte Schwarzwurzeln.
Ende Januar übernahm Jakob Strobel y Serra die Geschmackssache in der FAZ von Jürgen Dollase und hat keine drei Wochen später die Latte gerissen. Ein epic failure, das Portrait zweier junger Winzerinnen, Schwestern, die das elterliche Weingut mit avancierten Methoden zu großer Qualität führen.
Hochgewachsen, rank, fruchtbar, jung, gesund – ein Schelm, der bei diesen Adjektiven an Reben denkt. Nein, nein, man schaue sich zunächst die Winzerinnen an, erst dann weiß man, wie es um das Potenzial der Pflanzen bestellt ist. Augenzwinkernd lädt der Autor zu dieser Betrachtung ein, er kann einfach nicht anders, wenn er sich diese Prachtexemplare von Winzerinnen anschaut. Selbstverständlich meint er es nicht wirklich ernst, er schreibt es nur so.

Ganz groß. Dürfen wir das auch mal probieren?

Seine konturlosen, massigen Gesichtszüge stehen für einen Populismus, der dröhnend das sein Machterstreben kaschiert.
Die nationalistische Denkweise des Autors hat in der zerknitterten Kinnpartie ihre Spuren eingeschrieben.
Dass rassistische Ressentiments mit der Angst vor Homosexualität verknüpft sind, belegt der effiminierte Lippenschwung.
So erfolgreich wie in seiner biologischen Reproduktionstätigkeit erweist sich laut dem Quartalsbericht der Vorstandsvorsitzende zum Bedauern der Aktionäre nicht.

Geht wirklich kinderleicht.
Besser, Sie schicken mir kein Foto, denn wer könnte schon einem kleinen, unheimlich lustigen sexistischen Spaß widerstehen.

Sexismus vor, nach und in Köln

Die Kanzlerin sagt in der FAZ, der Frauenverachtung, die sich in Köln gezeigt habe, müsse man entschieden entgegentreten, „es sei gut, dass es sehr viele Anzeigen gebe, und die Polizei müsse all diesen Dingen nachgehen.“

All diesen Dingen soll die Polizei nachgehen. Der Bericht des NRW-Innenministerium zur Silvesternacht in Köln listet die Strafanzeigen aus den Aufnahmeprotokollen einzeln auf: „mehrfach begrabscht … in den Schritt gefasst …. Griff an Po und Scheide … in den Intimbereich oberhalb ihrer Kleidung gefasst …. Finger in Scheide eingeführt, misslang wegen Strumpfhose … Hintern und Schritt angefasst … an das Gesäß gefasst (unterhalb des Rockes und oberhalb der Strumpfhose) … zwischen die Beine gefasst und geküsst … mehrfach anstößig berührt … wurde von mehreren Personen angefasst … zwischen den Beinen gepackt“.

All diese Dinge werden im Wortlaut bestürzend konkret, widerwärtig, gewalttätig, albtraumhaft, frauenverachtend – nur kriminell werden sie nicht. Polizei und Staatsanwaltschaft haben nicht viel Arbeit damit, denn sexuelle Übergriffe werden nur dann strafrechtlich verfolgt, wenn sie die laut Strafgesetzbuch erforderliche „Erheblichkeit“ aufweisen. Bei Berührungen von Brust, Hintern und Genitalbereich kommt es für die gerichtliche Einschätzung darauf an, ob über oder unter der Kleidung begrabscht wird, deswegen auch die detaillierte Beschreibung im Protokoll.

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ER SUCHT SIE

KennenlernenEs gibt sie, die großen Momente in einer Familie. Wir hatten heute beim Abendessen einen und verdanken ihn dem Mann aus Köln, der im aktuellen ZEIT Magazin in der Rubrik KENNENLERNEN eine Anzeige veröffentlicht hat.
Die Fotostrecke von Josefsohn vorne im Magazin war, Hummus-Brote und Oliven futternd, bereits ein unterhaltsames Vergnügen: Mir vollkommen unbegreiflich, dass die MTV-Kampagne schon zwanzig Jahre alt sein soll, für Kind 1 & 2 sehr überraschend, dass es damals schon Farbfotografie gab. Danach eine geniale Modestrecke, die den Beifall aller fand. Und während wir noch über Looks plaudern und die extrem geniale blaue Hose auf dem letzten Bild, blättert Kind 2 weiter, bis ihr Blick an der Zeichnung eines einsamen Mannes auf einem Tandem hängen bleibt: die Kontaktanzeigen.
Parshippen in der Zeit, Mama.
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Keine Raketenphysik. Zum Equal Pay Day

(c) Lisa Blum-MInkel

RED HANDBAG (c) Lisa Blum-Minkel, Hamburg

Er kommt in die Jahre, der Equal Pay Day.
1988 riefen die amerikanischen Business and Professional Women zum ersten Mal den Aktionstag aus und initiierten die Red Purse Campaign, um auf die Unterbezahlung von Frauen hinzuweisen.
Bei der siebenundzwanzigsten Party sind nun alle dabei: Familienministerinnen, SPD-Vorsitzende, Wirtschaftsredakteure – tout Paris lässt sich blicken und spricht Grußworte, denn das Geburtstagskind ist erwachsen und salonfähig geworden. Es schickt sich, bei dem Event gesehen zu werden.
Unterdessen bewegt sich die Lohndifferenz in Deutschland mit leichten Schwankungen seit Jahren zwischen 22 und 23 Prozent.

Dass der Equal Pay Day zu kurz greift und tiefer liegende Gründe der Ungleichheit vernachlässigt, hat zum Beispiel Antje Schrupp schon 2011 in zehn Thesen klar vorgetragen. Auch die statistische Aussagekraft wurde schon an vielen Stellen zurecht kritisiert. Seit einigen Jahren unterscheidet man deshalb zwischen unbereinigter und bereinigter Lohndifferenz.
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Feministische Avantgarde in Hamburg: radikal, international und aktuell

Annegret Soltau Selbst, 1975 S/W-Photographie auf Barytpapier © Annegret Soltau / VG Bild-Kunst, Bonn 2015 / SAMMLUNG VERBUND, Wien Photo: Heide Kratz

Annegret Soltau
Selbst, 1975
S/W-Photographie auf Barytpapier
© Annegret Soltau / VG Bild-Kunst,
Bonn 2015 / SAMMLUNG VERBUND, Wien
Photo: Heide Kratz

Eine umwerfend gute, intelligente und berührende Ausstellung ist seit gestern in Hamburg zu sehen: Feministische Avantgarde. Kunst der 1970er Jahre aus der Sammlung Verbund, Wien, kuratiert von Dr. Gabriele Schor.

Die Ausstellung zeigt Arbeiten von mehr als 30 Künstlerinnen, eine Retrospektive über die Anfänge der internationalen feministischen Kunstbewegung.
Was präsentiert wird, ist in vielen Hinsichten bemerkenswert:
Wenn man diese Arbeiten beieinander sieht, ist das Spektrum dessen, was die europäischen (und einige amerikanische) Künstlerinnen schon in den 1970er Jahren gezeigt und erarbeitet haben, nahezu unglaublich und von einer ästhetischen Bildkraft, die wenig eingebüßt hat über 40 Jahre. Die Verschnürung des eigenen Gesichts von Annegret Soltau als Akt, als Zeichen, als Widerstand und als Bild zitiert Madonna auf ihrem neuen Plattencover.

Ich bin Laie, aber mir scheint doch, dass die kuratorische Leistung stupend ist. Über zehn Jahre hat das Team aus Wien in Archiven und Nachlässen gesucht, Material auf Dachböden gefunden und recherchiert, bis sie auch Flugblätter und Ankündigungszettel für Performances und die lustigen Frauenspaziergänge in die Pornoläden einer Stadt zusammen getragen haben. Der reguläre Kunstbetrieb und -markt hat kein Archiv aufgebaut und keinen Wert für diese Kunst erzeugt.

Die Hängung hätte in die Hose gehen können, ist aber stattdessen einnehmend und überzeugend gelungen, bildet formale, manchmal thematische Klammern und gibt der einzelnen Künstlerin Raum.

Die Künstlerinnen haben kein Kollektiv gebildet, keine Gruppe gegründet, und doch in diesem Jahrzehnt zeitgleich und zum ersten Mal in der Kunstgeschichte ein neues Bild der Frau(en) geschaffen. Sie haben nicht nur ähnliche Themen aufgegriffen, sondern auch ähnliche Strategien benutzt. Bestimmt nicht verwunderlich, dass viele der Künstlerinnen Performance, Film, Fotografie und Video einsetzten: Neue Medien und Techniken, die unbelastet von Traditionen in der Kunstgeschichte zur Verfügung standen.
Sie wurden laut und sichtbar, haben die herrschende Ikonographie des Weiblichen zerlegt, den Kunstbetreib frontal angegriffen, eine männliche Wirklichkeit aufgebrochen, Identität und Rollenzuweisung neu geschrieben, weibliche Sexualität thematisiert und den eigenen Körper zum Material der Kunst gemacht.

Ana Mendieta, Untitled (Glass on Body Imprints), 1972/1997 C-Print © The Estate Ana Mendieta / Courtesy of Galerie Lelong, New York / SAMMLUNG VERBUND, Wien

Ana Mendieta, Untitled (Glass on Body Imprints), 1972/1997
C-Print © The Estate Ana Mendieta / Courtesy of
Galerie Lelong, New York / SAMMLUNG
VERBUND, Wien

Den schweren Katalog habe ich aufs Sofa fallen lassen neben eine aufgeschlagene Frauenzeitschrift (warum die da lag, ist eine andere Geschichte). Die erfolgreiche Schauspielerin Jasmin Gerat wird darin als selbstbewusste, moderne Frau portraitiert. Sie berichtet, der Kurzhaarschnitt, den sie neuerdings trägt, zöge zwar die Aufmerksamkeit von weniger Männern an als vor dem Friseurbesuch, dafür aber ernte sie die Blicke intelligenterer Männer. Ein Foto zeigt sie mit nach innen gedrehten Fußspitzen, wackelig und schier unfähig, sich auf eigenen Füßen zu halten, in der  Pose einer kokettierenden Vierzehnjährigen. Auf dem zweiten Bild beißt sie sich in klischierter Anzüglichkeit auf die Unterlippe, als hätte sie komplett den Verstand verloren und warte nur darauf, vom Ersten, der vorbeikommt, abgeschleppt und ins nächste Reihenhaus gestellt zu werden.
In dieser Welt der Frauenbilder leben wir, einer lückenlos wirksamen Bilderwelt der Imagekampagnen, Rollenzuschreibungen und Körpernormierung. Die Maschinerie reicht in jeden Winkel. Das Persönliche ist dabei zum vermeintlichen Schonraum geworden. Im privaten Raum soll die Konstruktion der Weiblichkeit nicht gelten, hier ist das Hola der Marktsemiotik: hübsch gestaltet, mit kuscheliger Partnerschaft und veganen Kochbüchern. Die Klamotten, die App zum Appnehmen, Teilzeitjob, Fitnessstudio, Steuerklasse, Spaß am Einkochen und Fastenurlaub – alles hochindividuelle, private Lebens- und Kaufentscheidungen.
Die Arbeiten der Künsterinnen aus den 1970er Jahren wirken in unsere Gegenwart hinein wie ein elektrisierender Schlag: Es geht auch anders. Es ging schon mal anders. Das Persönliche ist politisch.
Ich setze nicht die avantgardistische Kunstpraxis mit dem Bilderwahnsinn des Marktes gleich, aber ich habe das Gefühl, dass ich die Energie und befreiende Kraft, die von diesen Künstlerinnen und ihren Arbeiten ausgehen, in meiner Gegenwart nicht mehr leicht wiederfinde.
Selbstbewusstsein, Ironie, Aggression, politische und künstlerische Handlungsfähigkeit, Zartheit, Hartnäckigkeit und Witz, Freiheit und Autonomie begegnen mir in diesen Arbeiten. Einige wenige wie Cindy Sherman, Valie Export oder Orlan sind erfolgreich geworden, die große Zahl aber der Künstlerinnen ist in Hamburg zum ersten Mal zu entdecken. Die Radikalität, die sie eint, und die je eigene Qualität der Kunstwerke sind wunderbar.

Dass die Kunst von Pionierinnen der Frauenbewegung so aufrüttelnd und impulsgebend in die Gegenwart einschlägt und wie ein Gruß in die Zukunft uns erreicht, ist schon ein großer Moment.
Hauptbahnhof aussteigen, rüber schlappen – ganz leicht.

Frauen im Freien

Ehegattinnensplitting, eigenständige Existenzsicherung – drängende Themen sind ausreichend vorhanden, doch ich habe heute einfach nur meine kleine Tochter mitten am Nachmittag aus dem Hort abgeholt und bin mit ihr in den Park gegangen. Da sitze ich nun im Schatten (!), esse Karamelleis und genieße diese goldene Stunde – wunderbares Privileg des Freiberuflerinnentums: mit den Kindern sich ab und an eine Stunde Auszeit zu nehmen.
Mein Blick schweift über die große Wiese, über Spielplatz, Baumgruppen und Bänke. Lauter Freiberuflerinnen! (Ein ausgezeichneter Moment, um meinen All-time-Lieblingswitz zu erzählen: Ein Dichter wird als Zeuge vor Gericht geladen. Der Termin ist auf acht Uhr am Morgen anberaumt und der Dichter ist ob der frühen Stunde angemessen beunruhigt. Er ruft ein Taxi, nimmt im Fond Platz und lässt sich durch die Stadt chauffieren. Beim Blick aus dem Fenster sagt er: „Oh, so viele Zeugen!“)
Kein einziger Mann im Park und ich habe genau geschaut bei einer 200 Grad-Panoramaperspektive von meiner perfekten Bank aus. Nicht ein Opi, kein tüchtiger Parkwächter und nicht ein Elternzeit-Vater. Dabei sagt die aktuelle Statistik, dass so großartig viele Väter sich die zwei bezahlten Monate gönnen. Rein rechnerisch müssten in diesem Park bei einer Stadtteilbevölkerungszahl von 360.000 mindestens vier Väter sein (habe beim ZEIT-Mathetest exzellent abgeschnitten).
Die Atmosphäre ist keineswegs unangenehm, im Gegenteil: heiter und entspannt. Aber doch bemerkenswert, dass sich mitten in einer Großstadt eine Szenerie entfaltet, die an ein Sittengemälde des späten 19. Jahrhunderts erinnert. Dass in Linienbussen etwa 85 Prozent der Fahrgäste weiblich und/oder lebensälter sind, verwundert nicht. Eine klare Korrelation zu Einkommen, Besitzverhältnissen und Lebensradius. Aber  wo sind die Väter, die männlichen Arbeitslosen, Freiberufler, Rentner und Angestellten am späten Nachmittag?
Eben nahm ein Freiberuflerin neben mir auf der Bank Platz, ignorierte mein Tun und erzählte ungefragt, sie sei Freiberuflerin. Als ob ich das nicht gewusst hätte.