Promenade durch parzellierte Landschaften

In meinem Leben passiert gerade nicht viel. Was gut und schlecht ist. Ich nehme mir Zeit zu beobachten, lasse mich in meinen Meinungen verunsichern, wandere in Debatten umher und schaue darauf, wie sie geführt werden.

Wo wir gerade über Sprache reden: Die Böll-Stiftung hat eine Studie  in Auftrag gegeben. Die Nautilus Politikberatung legte dieser Tage das Ergebnis vor: eine sprachbasierte Lageanalyse „Diskurs mit den Piraten„, die den Wort- und Sprachgebrauch in der internen und programmatischen Kommunikation der Piratenpartei auswertet und Empfehlungen für eine grüne Diskursstrategie gibt. Ich erlaube mir, hier nur die bunte Tagcloud der meist verwendeten Begriffe auf Seite 10 der Zusammenfassung anzuschauen: Konzept, Idee, System, Pirat natürlich, Euro und Meinung sind prominent repräsentiert. Das Schlagwort Frau taucht einmal verschwindend klein auf, nirgendwo Emanzipation, Gleichstellung, Geschlechtergerechtigkeit oder Teilhabe. Auch Genderpolitik – nichts, gar nichts. Da staunst du nicht, um mit dem Brenner zu sprechen, sprich Neo-Liberalismus.
Dabei haben einige Piratinnen letzte Woche eine politisch wie medial außerordentlich gelungene Aktion initiiert und durchgezogen. tits4humanrights hat es nicht nur erreicht, mediale Aufmerksamkeit für den Protest der geflüchteten Menschen am Brandenburger Tor zu erzeugen, sondern zugleich die sexistische Haltung und Sensationsgier der Presse in einer lässigen Volte vorzuführen.
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Doku zum GenderCamp 2012

Das GenderCamp ist ein BarCamp rund um Feminismus in der digitalen Gesellschaft, um Queer, Gender und Netzkultur, das vom 17. bis zum 20. Mai in Hüll stattfand.
Protokolle zu den einzelnen Sessions findet man im Sammelblog GenderCamp Doku.

Richtig nützlich: In der Schmökerecke gibt es eine Empfehlungsliste mit Links und Dokumenten zu Fragen gesellschaftlicher Machtverhältnisse und zu einigen Begriffen der feministischen Theorie.

Richtig lustig
:

Festival von Cannes: Ein Mann ist ein Mann!

Frauen zeigen in Cannes ihr Gesicht, Männer ihre Filme.

In der Le Monde vom 11. Mai 2012 erschien ein Aufruf, den die Filmemacherin Coline Serreau, die Schriftstellerin Virginie Despentes und die Schauspielerin Fanny Cottençon verfasst haben.
Initiiert von der Gruppe La Barbe – feministische Aktionsgruppe.
Gegen Sexismus in Cannes, gegen fortwährende positive Diskriminierung.

Der Aufruf in deutscher Übersetzung:

Was hat sich am Kino verändert? Alles!“, rief Gilles Jacob, Präsident des Festivals von Cannes, bei der Vorstellung der ausgewählten Filme für die 65. Festspiele. Alles?!
Für einen Augenblick spürten wir ein Erzittern. Zu Unrecht, denn die zweiundzwanzig Filme im Wettbewerb sind – durch einen glücklichen Zufall – von zweiundzwanzig Männern gedreht worden. Auch dieses Jahr wird also, wie 63 Mal zuvor, einer von ihnen mit der Goldenen Palme ausgezeichnet werden. Auch dieses Jahr werden wieder ausnahmslos die männlichen Werte, die die Größe der Siebten Kunst ausmachen, verteidigt.

Nur ein einziges Mal, 1993, erhielt eine Regisseurin die Auszeichnung: Jane Champion. 2011 hatten sich vier Frauen unter die zwanzig Nominierten des Wettbewerbs geschlichen. Zweifellos hatte da jemand nicht aufgepasst. Thierry Frémeaux, der Festivalleiter, beeilte sich damals auch zu bemerken: „Das ist das erste Mal, dass so viele Frauen dabei sind.“ Schuld beladene Schwäche! Umso unentschuldbarer, als bei der Verleihung der Césars im gleichen Jahr weder in der Kategorie „Bester Film“ noch in der Kategorie „ Beste Regie“ auch nur eine einzige Frau nominiert worden war. Weiterlesen „Festival von Cannes: Ein Mann ist ein Mann!“

Taubenscheiße

Ich weiß nicht mehr, wann ich den Humor verloren habe, den mein alter Lateinlehrer Doktor W. für ein Zeichen von Bildung und erwachsener Gelassenheit ansah. Er hätte von mir erwartet, dass ich die Bildunterschrift als das nehme, als was sie sich ausgibt: ein ironisches, süffisantes, wohlmeinendes Aperçu.

(c) Frankfurter Allgemeine Zeitung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Bildunterschrift  lautet:

(…) Atemberaubend, wie blind sie (die Griechen) dafür sind, dass es nicht der Fall ist, der einen umbringt, sondern der plötzliche Stopp – und der kommt schneller, als diese herrlich lachende Griechin in Olympia denken mag. (..) Aber, liebe Europäer, darf ein Land, das solche zauberhaften Täubchen sein Eigen nennt, sterben?“

Das ist nicht lustig.
Ja, die herrlich lachende Griechin mit den vollen Titten. Das pralle Leben, antike Schönheit, jung, statuarisch, im Glanz der Tradition. Herrlich, wenn junge, fruchtbare und schöne Frauen so herrlich lachen. Zauberhäfte Täubchen, die wir uns braten in der kleinen Penthouse-Wohnung, die wir ihr zahlen. Täubchen, die wir unser Eigen nennen und vernaschen am Wochenende oder im Puff in der Mittagspause.
„Liebe Europäer“. Wer immer von den Millionen von europäischen Männern sich angesprochen fühlt, soll mir weg bleiben. Das sind die gleichen Leute, die den Menschen in einem freien Land drohen (>Berlin droht Athen mit Ende der Hilfszahlungen<), weil sie aus der Perspektive von Guido Westerwelle die falschen Parteien gewählt haben.

Ehe der Ruch der humorlosen Feministin an mir haften bleibt, erzähle ich noch eine großartige Story, die ich gestern auf Deutschlandradio Kultur gehört habe. Der Bericht beschäftigte sich mit der russischen Militärparade am 9. Mai. Alljährlich wird auf dem Roten Piatz der Sieg der Roten Armee über Nazi-Deutschland gefeiert.

Einer Umfrage des unabhängigen Levada-Institutes zufolge sahen sich letztes Jahr zwei Drittel der Russen die Parade an – und fanden sie mehrheitlich gut. Die Hochzeit von Prinz William und Kate Middleton dagegen verfolgten nur halb so viele – und den meisten gefiel sie nicht.

Die politische Sprengkraft des Betreuungsgelds sehen

Das Betreuungsgeld. Interessantes Projekt der derzeitigen Bundesregierung, zu dem schon einiges gesagt wurde. Manche schließen ihren Kommentaren die Einschätzung an, der zuständigen Ministerin fehle es an politischer Vision.
Ich sage Nein! Man unternehme doch einmal den Versuch, das Konzept des Betreuungsgeldes vom Kopf auf die Füße zu stellen und den Freiheitsgehalt herauszuschütteln.

Das geplante Betreuungsgeld in Höhe von 150 Euro im Monat sollen diejenigen Familien vom Staat erhalten, die ihre Kleinkinder unter drei Jahren nicht in öffentlich finanzierte Betreuungseinrichtungen geben (siehe auch: Menschenrechtsverletzung), sondern selbst die Windeln wechseln. Eine staatliche Honorierung für private Nicht-Inanspruchnahme. Die Kanzlerin lässt heute Morgen verlauten, das Betreuungsgeld sei ein Beitrag zur Wahlfreiheit.

Ein Bekannter von mir hat freiwillig seit inzwischen über vierzig Jahren kein öffentliches Schwimmbad mehr genutzt. Über vierzig Jahre! Es ist an der Zeit, dass der Staat ihm diesen Verzicht angemessen kompensiert und auf die Rentensprüche anrechnet.
Und all die Bürgerinnen und Bürger, die ihr Lebtag nicht die deutsche Polizei strapaziert haben: keine Demo, kein Parkvergehen, keine halbwüchsigen Kinder, die mit der Minna nach Hause gebracht werden müssen. Das gehört honoriert!


Es gab mal die Idee der Grünen, politische Partizipation auf Wohnblockebene zu installieren. Auf dem schwarzen Brett im Treppenhaus stünde in diesem Modell zum Beispiel: Griechenlandhilfe, 2. Tranche. Abstimmung Vorderhaus und linkes Hinterhaus: Dienstag 18 Uhr im Durchgang. Da hatten ja tatsächlich einige Leute keine Lust zu.
Was die Überprüfung des Nutzungsverhaltens staatlicher Leistungen angeht, machen wir das ohne Lust. Es könnte pro Wohnblock einen tüchtigen „Nutzung-staatlicher-Dienstleistungs und -aufgaben-Prüfdienstmann“ geben (NSDAP), der täglich nachschaut, wer nicht in die Bibliothek geht (21 Euro pro unterlassenem Besuch), nicht Bus fährt (4 Euro die Kurzstrecke), nie ein Theater betritt (83 Euro im Rang), kein Krankenhaus frequentiert (215 Euro im Monat) und keine Beratungsstelle (61,27 Euro im Jahr). Der Bezug von Transferleistungen schlägt selbstredend mit dem fünffachen Buchstabenwert negativ zu Buche und wird lebenslänglich verrechnet.

Ich meine, man sollte über diese lustige Gedankenspielerei hinaus aber konsequent einen Schritt weiterdenken und diejenigen Frauen bezahlen, die nicht studieren und anschließend nicht erwerbstätig sind, denn sie beanspruchen nicht die kostenintensiven Studienplätze und nehmen Menschen nicht den Arbeitsplatz weg.
Ein kerngesundes Frauenleben mit viel Bewegung an der frischen Luft und zwei bis drei Kindern, die zuhause geboren und robust mit der Hand großgezogen werden, kann unter voller Ausschöpfung der Wahlfreiheit gut & gern – sagen wir – 970 Euro monatlich bringen.
Das ist dem Team um Merkel, Rösler und Schröder die wahre Freiheit locker wert. Tolle Leute mit tollen Ideen.

Geschlecht: Anderes

Wirklich große Dinge ereignen sich sehr leise. Am 23. Februar hat der deutsche Ethikrat in Berlin seine Stellungnahme zur Situation Intersexueller in Deutschland der Bundesregierung übergeben.

Unsere Gegenwart wird bestimmt von neuen Kommunikationstechnologien und kulturellen Verschmelzungs- und Auflösungserscheinungen.
Im Alltag aber und in Wahrheit leben wir in einer Welt, die zunehmend ängstlicher sich festhält an konservativen Orientierungsmustern. Verdammt, wie kleinmütig sind die meisten wieder auf Ordnung bedacht, auf Zuordnung und Anstand. Über Feinstaubbelastung und veganes Frühstück wird in jeder Kita verhandelt. Wer redet noch über die Spielarten kindlicher Sexualität? Tolerante Mittelschichtmütter von kleinen Jungs bekommen hektische Übersprungsflecken am Hals, wenn das Kind ein Kleid tragen möchte – und das nicht einmal und nur Zuhause, sondern oft und auf der Straße.
Wir leben in einer Welt, die nur Männer und Frauen zulässt und inzwischen schon wieder in einer Zeit, die nur richtige Männer und richtige Frauen will und keinen Platz einräumen mag für Schattierungen, Brechungen und Varianz.
Im Feuilleton wird ausgiebig über die mangelnde Virilität der neuen Männer sinniert. Wie traurig asexuell diese Zweifler seien – und wie langweilig! Der starke Prinz soll es bitte sein, männlich, herrlich, redegewandt und draufgängerisch im richtigen Moment. Ja, vor dem Krieg war das besser.

Nun gibt es Menschen, deren körperliche Geschlechtsmerkmale (wie Chromosomen, Hormone, Keimdrüsen und äußere Geschlechtsorgane) bei der Geburt nicht eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen sind. Sie leben zwischen den Geschlechtern oder tragen Merkmale beider, sind weder eine Frau noch ein Mann – in Deutschland sind dies etwa 100.000 Menschen. Jahrzehntelang – und bis in die Gegenwart hinein – war es ärztliche Praxis, solche intersexuellen Kinder durch geschlechtszuordnende Operationen und Hormonbehandlungen möglichst früh einem der beiden Geschlechter zuzuweisen. Der Ethikrat bezeichnet solche Operationen jetzt als „ein Eingriff in das Recht auf körperliche Unversehrtheit und auf Wahrung der geschlechtlichen und sexuellen Identität“. Desweiteren fordert das Gremium, intersexuelle Menschen als „Teil der gesellschaftlichen Vielfalt“ anzuerkennen und vor „medizinischen Fehlentwicklungen und Diskriminierung“ zu schützen. Auch dass Eltern sich gleich nach der Geburt für ein Geschlecht entscheiden sollen, hält der Ethikrat für „einen nicht zu rechtfertigenden Eingriff in das Persönlichkeitsrecht und das Recht auf Gleichbehandlung“.

Und dann kommt der revolutionäre Teil:
Der Ethikrat empfiehlt, ein drittes Geschlecht einzuführen. In Zukunft sollen Betroffene im Personenstandsregister als Geschlecht neben „männlich“ und „weiblich“ auch „anderes“ angeben können.
Das nenne ich mal, kurzerhand und brillant begründet eine Ordnung zertrümmern. Neu denken. Politische Forderungen adressieren.

Meine Bitte an den Ethikrat: eine Stellungnahme zum Erbrecht und wenn es geht, auch eine zu Spekulationsgeschäften mit Nahrungsmitteln. Danke.

Die Mitglieder des revolutionären deutschen Ethikrates:
Prof. Dr. iur. Edzard Schmidt-Jortzig, Prof. Dr. med. Christiane Woopen, Prof. Dr. theol. Eberhard Schockenhoff, Prof. Dr. med. Axel W. Bauer, Prof. Dr. phil. Alfons Bora, Wolf-Michael Catenhusen, Prof. Dr. rer. nat. Stefanie Dimmeler, Prof. Dr. med. Frank Emmrich, Prof. Dr. phil. Dr. h. c. Volker Gerhardt, Hildegund Holzheid, Prof. Dr. theol. Dr. h. c. Wolfgang Huber, Prof. Dr. theol. Christoph Kähler, Prof. Dr. rer. nat. Regine Kollek, Weihbischof Dr. theol. Dr. rer. pol. Anton Losinger, Prof. Dr. phil. Weyma Lübbe, Prof. Dr. med. habil. Dr. phil. Dr. theol. h. c. Eckhard Nagel, Dr. phil. Peter Radtke, Prof. Dr. med. Jens Reich, Ulrike Riedel, Dr. iur. Dr. h. c. Jürgen Schmude, Prof. Dr. iur. Dres. h. c. Spiros Simitis, Prof. Dr. iur. Jochen Taupitz,Dr. h. c. Erwin Teufel, Prof. Dr. rer. nat. Heike Walles, Kristiane Weber-Hassemer, Dipl.-Psych. Dr. phil. Michael Wunder