Keine Raketenphysik. Zum Equal Pay Day

(c) Lisa Blum-MInkel

RED HANDBAG (c) Lisa Blum-Minkel, Hamburg

Er kommt in die Jahre, der Equal Pay Day.
1988 riefen die amerikanischen Business and Professional Women zum ersten Mal den Aktionstag aus und initiierten die Red Purse Campaign, um auf die Unterbezahlung von Frauen hinzuweisen.
Bei der siebenundzwanzigsten Party sind nun alle dabei: Familienministerinnen, SPD-Vorsitzende, Wirtschaftsredakteure – tout Paris lässt sich blicken und spricht Grußworte, denn das Geburtstagskind ist erwachsen und salonfähig geworden. Es schickt sich, bei dem Event gesehen zu werden.
Unterdessen bewegt sich die Lohndifferenz in Deutschland mit leichten Schwankungen seit Jahren zwischen 22 und 23 Prozent.

Dass der Equal Pay Day zu kurz greift und tiefer liegende Gründe der Ungleichheit vernachlässigt, hat zum Beispiel Antje Schrupp schon 2011 in zehn Thesen klar vorgetragen. Auch die statistische Aussagekraft wurde schon an vielen Stellen zurecht kritisiert. Seit einigen Jahren unterscheidet man deshalb zwischen unbereinigter und bereinigter Lohndifferenz.
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Feministische Avantgarde in Hamburg: radikal, international und aktuell

Annegret Soltau Selbst, 1975 S/W-Photographie auf Barytpapier © Annegret Soltau / VG Bild-Kunst, Bonn 2015 / SAMMLUNG VERBUND, Wien Photo: Heide Kratz

Annegret Soltau
Selbst, 1975
S/W-Photographie auf Barytpapier
© Annegret Soltau / VG Bild-Kunst,
Bonn 2015 / SAMMLUNG VERBUND, Wien
Photo: Heide Kratz

Eine umwerfend gute, intelligente und berührende Ausstellung ist seit gestern in Hamburg zu sehen: Feministische Avantgarde. Kunst der 1970er Jahre aus der Sammlung Verbund, Wien, kuratiert von Dr. Gabriele Schor.

Die Ausstellung zeigt Arbeiten von mehr als 30 Künstlerinnen, eine Retrospektive über die Anfänge der internationalen feministischen Kunstbewegung.
Was präsentiert wird, ist in vielen Hinsichten bemerkenswert:
Wenn man diese Arbeiten beieinander sieht, ist das Spektrum dessen, was die europäischen (und einige amerikanische) Künstlerinnen schon in den 1970er Jahren gezeigt und erarbeitet haben, nahezu unglaublich und von einer ästhetischen Bildkraft, die wenig eingebüßt hat über 40 Jahre. Die Verschnürung des eigenen Gesichts von Annegret Soltau als Akt, als Zeichen, als Widerstand und als Bild zitiert Madonna auf ihrem neuen Plattencover.

Ich bin Laie, aber mir scheint doch, dass die kuratorische Leistung stupend ist. Über zehn Jahre hat das Team aus Wien in Archiven und Nachlässen gesucht, Material auf Dachböden gefunden und recherchiert, bis sie auch Flugblätter und Ankündigungszettel für Performances und die lustigen Frauenspaziergänge in die Pornoläden einer Stadt zusammen getragen haben. Der reguläre Kunstbetrieb und -markt hat kein Archiv aufgebaut und keinen Wert für diese Kunst erzeugt.

Die Hängung hätte in die Hose gehen können, ist aber stattdessen einnehmend und überzeugend gelungen, bildet formale, manchmal thematische Klammern und gibt der einzelnen Künstlerin Raum.

Die Künstlerinnen haben kein Kollektiv gebildet, keine Gruppe gegründet, und doch in diesem Jahrzehnt zeitgleich und zum ersten Mal in der Kunstgeschichte ein neues Bild der Frau(en) geschaffen. Sie haben nicht nur ähnliche Themen aufgegriffen, sondern auch ähnliche Strategien benutzt. Bestimmt nicht verwunderlich, dass viele der Künstlerinnen Performance, Film, Fotografie und Video einsetzten: Neue Medien und Techniken, die unbelastet von Traditionen in der Kunstgeschichte zur Verfügung standen.
Sie wurden laut und sichtbar, haben die herrschende Ikonographie des Weiblichen zerlegt, den Kunstbetreib frontal angegriffen, eine männliche Wirklichkeit aufgebrochen, Identität und Rollenzuweisung neu geschrieben, weibliche Sexualität thematisiert und den eigenen Körper zum Material der Kunst gemacht.

Ana Mendieta, Untitled (Glass on Body Imprints), 1972/1997 C-Print © The Estate Ana Mendieta / Courtesy of Galerie Lelong, New York / SAMMLUNG VERBUND, Wien

Ana Mendieta, Untitled (Glass on Body Imprints), 1972/1997
C-Print © The Estate Ana Mendieta / Courtesy of
Galerie Lelong, New York / SAMMLUNG
VERBUND, Wien

Den schweren Katalog habe ich aufs Sofa fallen lassen neben eine aufgeschlagene Frauenzeitschrift (warum die da lag, ist eine andere Geschichte). Die erfolgreiche Schauspielerin Jasmin Gerat wird darin als selbstbewusste, moderne Frau portraitiert. Sie berichtet, der Kurzhaarschnitt, den sie neuerdings trägt, zöge zwar die Aufmerksamkeit von weniger Männern an als vor dem Friseurbesuch, dafür aber ernte sie die Blicke intelligenterer Männer. Ein Foto zeigt sie mit nach innen gedrehten Fußspitzen, wackelig und schier unfähig, sich auf eigenen Füßen zu halten, in der  Pose einer kokettierenden Vierzehnjährigen. Auf dem zweiten Bild beißt sie sich in klischierter Anzüglichkeit auf die Unterlippe, als hätte sie komplett den Verstand verloren und warte nur darauf, vom Ersten, der vorbeikommt, abgeschleppt und ins nächste Reihenhaus gestellt zu werden.
In dieser Welt der Frauenbilder leben wir, einer lückenlos wirksamen Bilderwelt der Imagekampagnen, Rollenzuschreibungen und Körpernormierung. Die Maschinerie reicht in jeden Winkel. Das Persönliche ist dabei zum vermeintlichen Schonraum geworden. Im privaten Raum soll die Konstruktion der Weiblichkeit nicht gelten, hier ist das Hola der Marktsemiotik: hübsch gestaltet, mit kuscheliger Partnerschaft und veganen Kochbüchern. Die Klamotten, die App zum Appnehmen, Teilzeitjob, Fitnessstudio, Steuerklasse, Spaß am Einkochen und Fastenurlaub – alles hochindividuelle, private Lebens- und Kaufentscheidungen.
Die Arbeiten der Künsterinnen aus den 1970er Jahren wirken in unsere Gegenwart hinein wie ein elektrisierender Schlag: Es geht auch anders. Es ging schon mal anders. Das Persönliche ist politisch.
Ich setze nicht die avantgardistische Kunstpraxis mit dem Bilderwahnsinn des Marktes gleich, aber ich habe das Gefühl, dass ich die Energie und befreiende Kraft, die von diesen Künstlerinnen und ihren Arbeiten ausgehen, in meiner Gegenwart nicht mehr leicht wiederfinde.
Selbstbewusstsein, Ironie, Aggression, politische und künstlerische Handlungsfähigkeit, Zartheit, Hartnäckigkeit und Witz, Freiheit und Autonomie begegnen mir in diesen Arbeiten. Einige wenige wie Cindy Sherman, Valie Export oder Orlan sind erfolgreich geworden, die große Zahl aber der Künstlerinnen ist in Hamburg zum ersten Mal zu entdecken. Die Radikalität, die sie eint, und die je eigene Qualität der Kunstwerke sind wunderbar.

Dass die Kunst von Pionierinnen der Frauenbewegung so aufrüttelnd und impulsgebend in die Gegenwart einschlägt und wie ein Gruß in die Zukunft uns erreicht, ist schon ein großer Moment.
Hauptbahnhof aussteigen, rüber schlappen – ganz leicht.

So war mein Frauentag 2015

Der Baumarkt an sich ist ja eine großartige Sache.
Füllhorn der Einsichten für Stadtethnografinnen, Gendertheoretiker, Kapitalismuskritikerinnen, Linguisten (Hochdruckeinspritzdüsenautomatikeinrichter), Paartherapeuten und Semiotikerinnen, die dort an jedem beliebigen Samstag aasen können wie der Leopard in der Lämmerherde.

Für mich persönlich ist der Baumarkt kein natürliches Habitat.
Ich bin handwerklich nicht geschickt. Ich kann nicht schwer tragen, und meine Arme tun schnell weh. Ich bin mir völlig im Klaren darüber, dass meine Fähigkeiten auf dem Gebiet des handwerklichen Tuns sehr beschränkt sind, was mich im Grunde nicht beunruhigt, aber nervös macht, wenn ich mich auf dem Hoheitsgebiet der Zupackenden und Hobbybegeisterten bewege.
Ich beziehe weder Selbstbestätigung aus der Tatsache, dass ein Nagel in der Wand ist, wo vorher kein Nagel war, noch bringt es mir Freude, mit einem Hammer auf einen Nagel zu schlagen. Und ich bin nicht monotonieresistent. Wer einmal eine Wohnung renoviert hat, weiß, was ich meine. Es gibt kaum etwas Öderes.
Manche Frauen erzählen zum Beispiel auch, dass sie putzen, wenn sie traurig sind. Quasi Therapie. Auf die Idee bin ich in meinem Leben noch nicht gekommen. Wenn ich auf andere Gedanken kommen will, lese ich den Wirtschaftsteil der FAZ.
Ich schätze eine saubere Umgebung, aber noch mehr würde ich es schätzen, wenn jemand (gut bezahlt) das machen könnte. Putzen ist die tristeste Betätigung, die ich mir vorstellen kann. Ich tue es, aber mit dem massiven Gefühl der Zeitvergeudung.
Wenn ich etwas renovieren, anschrauben oder reparieren muss, geht mir wie ein Drehbohrer nur ein Gedanke durch den Kopf: Ich lebe in einer arbeitsteiligen Gesellschaft, in der nicht jeder Einzelne Kühe jagen, Weizen anbauen, das Feuer unterhalten, Feinde anbrüllen und die Kinder hüten muss. Aus guten Gründen: Spezialisierung ist sinnvoll, historisch bewährt und hat uns alle weit gebracht. Wenn ich einen Schraubenzieher in der Hand halte, mag es aussehen wie eine Kleinigkeit, ist aber in Wahrheit ein großer Rückschritt für die Menschheit.

Wieso also muss ich Dübel in die Wand ballern oder Steckdosen anschrauben? Zwei Antworten:
1. Ich habe es finanziell definitiv nicht weit gebracht. Als Alleinerziehende mit zwei Kindern erfülle ich alle statistischen Wahrscheinlichkeiten in Sachen Armutsgefährdung.
Zwei Handwerker, die, gut ausgebildet und mit professionellem Werkszeug versehen, die Renovierung von Flur und Bad  angehen und schön ausführen, kann ich nicht bezahlen. Diese Einsicht genügt an manchen Tagen, um mein Selbstwertgefühl anzunagen.
2. Ich lebe allein. Partnerschaftliche Arbeitsteilung fällt also aus.
Schatz, holst du Kind 1 vom Chor ab und gehst danach einkaufen? Dann hänge ich die Wäsche auf und bringe Kind 2 zum Sport. Liebling, ich muss heute länger arbeiten, machst du das Abendessen? Ich kümmere mich dann später um die Buchhaltung. Ach und übrigens, magst du dich mit der Renovierung befassen und vorher noch den Wochenendeinkauf machen, ich bringe das Altpapier weg und arbeite im Garten. Du kannst das einfach besser als ich.

Als ich Samstagmorgen mit den öffentlichen Verkehrsmitteln am Baumarkt ankam, war meine Verfassung im Wissen um das, was da auf mich zukommen würde, bereits labil. Dann erst kamen die Ehepaare, die auf dem Parkplatz aus dunkelblauen Kombis aussteigen, dann die Typen, die sich gern Wörter wie Fliesenkreuz, Kartuschenpresse, Langhalswinkelschleifer oder Wasserpumpenzange sagen hören (okay, da wusste ich immerhin, dass ich in der falschen Abteilung war). Welches Leben führt man, um solche Sachen besitzen und in seinem Privatleben verwenden zu wollen?

Als ich endlich beim Malerbedarf stand, war mir dieses ganzes Land fremd. Was dann aber folgte, war das netteste Verkaufsgespräch, was mir je untergekommen ist.
Wie kann ich Ihnen helfen? Ich zuppele mein zerknittertes, kleines Post-it aus der Hosentasche, wo beidseitig in Miniformat Grundriss und Quadratmeterberechnung minus Türblätter Platz gefunden hatten, berechneter Lackbedarf für zwei Türen, Heizungsrohre und Lamperien, angemischte Farbe für einzelne Flächen und die Liste für das Material drumherum: Kreppband, Anlauger, runde Pinsel, Rollen, Teleskopstange und so. Er nimmt den Zettel ganz vorsichtig, streicht ihn glatt, guckt konzentriert, tippt und notiert, während ich noch anfüge: Es muss mit einem kleinen Farbeimer gehen, denn den großen kann ich nicht zum Bus tragen, ich habe insgesamt zehn Stunden Zeit, brauche also hochdeckende Farbe, will keinen Handwerkerpreis gewinnen, und es muss nicht teuer werden.
Und dieser Mann sagt: Alles auf Ihrem Zettel stimmt, und Sie haben nichts vergessen, warten Sie bitte einen Moment, ich stelle Ihnen die Waren zusammen. Ich empfehle eine kleinere Rolle, dann tun Ihnen die Arme nicht so schnell weh bei den hohen Decken. Aber Sie brauchen leider einen großen Farbeimer. Ich hab sowieso gleich Pause, ich trag ihn eben rasch für Sie zur Bushalte.
Das hat der Mann getan und zum Abschied gesagt: Ich wünsch Ihnen gutes Gelingen. Sie machen das sicher ganz prima.

Den Frauentag habe ich handwerkelnd verbracht. Es ist fertig geworden und das Ossobuco zum Abendessen verdammt gut. Ich habe die Renovierung mit der ausnehmend freundlichen Unterstützung des Baumarkt-Angestellten nicht lieber getan, aber leichter. Und habe beim Streichen die Gelegenheit genutzt, auf brülllaut ungestört alle meine alten Zappa-Platten zu hören.

Transmissionseffekt. Mit diesem Begriff bezeichnet man in der Familiensoziologie eine der Ursachen für die zunehmende Partnerlosigkeit in Deutschland: Alleinerziehende Frauen geben durch ihre Verhaltensmuster und Bewältigungsstrategien ihren Kindern ein Beispiel, übertragen somit die Lebensführung ohne Partner auf die nächste Generation.
Zapperlot! Und wie lautet der Begriff für Leben in Kleinfamilien? Wertevermittlung?
Auf meinen Übertragungsriemen waren heute jedenfalls zwei Botschaften gespannt:
1. Jeder braucht Unterstützung und Ermutigung, und manchmal kommen sie von unerwarteter Seite.
2. Mama mag Zappa.

Endlich dreißig: Qualitätsjournalismus auf Cicero

Ver|blẹn|dungs|zu|sam|men|hang, der (Sozialphilos.): Zusammenhang zwischen gesellschaftlichem Sein u. daraus sich bildenden falschen Vorstellungen vom Wesen der bürgerlichen Gesellschaft.

Privilegierte Frauen – Schluss mit dem Quotengejammer!, das ist die Überschrift eines Artikels, der heute auf Cicero online veröffentlicht wurde. Der Autor hält sich nicht mit Überlegungen auf, sondern schreibt sich in lässigem Jargon von der Seele, was er so über Männer und Frauen und deren konkurrente Situation auf dem gesellschaftlichen Markt zu berichten weiß.
Frauen liefen bis zum 30. Lebensjahr außer Konkurrenz, da ihre natürlichen körperlichen Vorzüge sie gegenüber den Männern privilegierten: in der Schule und beim Abitur, im Studium, auf dem sozialen Parkett, beim beruflichen Einstieg. Im Alter von etwa dreißig Jahren hingegen habe der Mann seine gesellschaftliche Identität und Stärke erlangt und käme – souverän im Kampf gestärkt, seiner selbst gewiss und wohlverdient – endlich an die Macht, wo er sich für den Rest seines Lebens hielte.
Den vielen, insbesondere gutbürgerlichen Frauen aber, die nun verständlicherweise um ihr verlorenes natürliches Privileg weinen und es durch ein normatives, politisches ersetzen wollen, kann man nur ehrlich und verständnisvoll zurufen: Ihr habt es lange genug leicht gehabt – jetzt sind wir an der Reihe!

Einen kurzen Moment lang mag der Leser oder die Leserin glauben, es handele sich um Satire. Der alltagssprachliche Gestus und die jugendlich-streitlustige Manier verleiten zu dieser Annahme. Doch kein Hinweis im Textverlauf, keine Genauigkeit stützen die vage Hoffnung.

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Wer sonst würde das freiwillig und unentgeltlich tun?

Rebellin gegen die Zwänge des Marktes, Entschleunigungsfigur von einer fast philosophischen DimensionSabine Rückert spart nicht am großen Wurf, wenn sie sich für die Hausfrau als Gegenentwurf zu einer wachtumsorientierten, auf Effizienz bedachten Arbeitsgesellschaft stark macht.
Bravo.
Und genau die Frage, die sie rhetorisch an einen Absatz hängt: Wer sonst würde das freiwillig und unentgeltlich tun?, entlarvt das Hohelied. Denn die Antwort darf nicht nur lauten: Kein Mann würde das freiwillig und enentgeltlich tun.
Wenn eine Gesellschaft die Fürsorgearbeit tatsächlich wertschätzt und die Atmosphäre so liebt,  in die man heimkehren kann, dann bitte mit angemessener Altervorsorge und einer Entlohnung, die die altruistische Gesprächspartnerin der guten Jahre hinterher nicht mit einem Teilzeitjob an der Armutsgrenze abspeist. Egal ob Mann oder Frau.
Wenn die Hausfrauen in aller Stille an der Zukunft der Gesellschaft arbeiten, dann ist es doch das Mindeste, dass die Gesellschaft diese Arbeit anerkennt und die meinungsbildenden Multiplikatorinnen mit klaren journalistischen Interventionen und politischer Kraft die Gegenwart und Zukunft der Fürsorgearbeit verändern.
Eine apolitische, von Pathos getragene Rückbesinnung auf ein herzergreifendes Mittelschicht-Mutter-Imago ist auf diesem Weg kein Schritt vorwärts.

Happy Ada Loveslace Day! Frauen in MINT-Berufen

Heute ist der 16. Oktober – Ada Lovelace Day!
Dieser Tag wurde von britischen Feministinnen begründet.  Die Intitiative stärkt aktiv weibliche Rollenvorbilder in Naturwissenschaft, Ingenieurswesen, Technologie, Forschung und Mathematik. Auf der Website gibt es eine Datenbank, die junge Wissenschaftlerinnen mit ihren Themen und Schwerpunkten vorstellt – Einladungen zu Vorträgen und Konferenzen willkommen.
Heute finden weltweit Veranstaltungen, Performances und Vorträge statt. Das Ziel besteht darin, auf diesen immer noch männlich dominierten Arbeitsfeldern neue Vorbilder für Mädchen und junge Frauen zugänglich zu machen und die Profile von MINT-Frauen zu stärken.

Und vor allem: Auf der Website kann Jede und Jeder eine eigene Geschichte – egal in welcher Sprache – hochladen, so dass eine erzählte Weltkarte der Biografien und Arbeitsfelder von Frauen in der Naturwissenschaft und Mathematik entsteht.
Schreibt über eine Frau, die Euch inspiriert oder gefördert hat, die tolle Sachen macht oder Euch beeindruckt.
Dann Eure Geschichte der Sammlung hinzufügen.

Wer war Ada Lovelace?
Augusta Ada Byron wurde 1815 geboren, Tochter des Dichters Lord Byron und von Annabella Milbanke, glühende Mathematikerin, die Geometrie und Astronomie studiert hatte. Sie war es, die Ada erzog und Logik, Wissenschaft und Mathematk in den Mittelpunkt ihrer Ausbildung stellte. Schon von Kind an war Ada fasziniert von Maschinen und Erfindungen und las Wissenschaftszeitschriften. Mit 19 Jahren wurde sie verheiratet und bekam zusammen mit dem Earl of Lovelace drei Kinder. In ihrer Korrespondenz klagte sie häufig darüber, dass ihre familiären Pflichten und die Kindererziehung ihr zu wenig Zeit für die Mathematik ließen.
1833 lernte sie den Mathematikprofessor Charles Babbage kennen, ein zu der Zeit berühmter Mathematiker, der sich vor allem mit dem visionären Konzept von Rechenmaschinen befasste. In den frühen vierziger Jahren publizierte Ada Lovelace einen bahnbrechenden Artikel über „Analytische Maschinen“, in dem sie die ersten veritablen Computerprogramme schrieb. Der Algorithmus diente zur Berechnung der Bernoulli-Zahlen.
Das Potenzial dieser Pionierarbeit erkannte erst 100 Jahre später Alan Turning bei seiner Forschung zu modernen Computern. Ada Lovelace starb 1852 im Alter von 36 Jahren an Krebs. Die Programmiersprache Ada wurde nach ihr benannt.

Oder denkt ihr schon?

Die Möbelkette Ikea hat also für ihren saudi-arabischen Katalog eine Frau im Schlafanzug aus dem Foto wegretuschieren lassen.
Dafür gab es feminstische Empörung  (das unterstreiche nur die Ungleichheit zwischen Frauen und Männern in Saudi-Arabien) und eilige Entschuldigungen aus Schweden (o ja, wenn man es bedenke und recht bedenke, stünde diese werbliche Anpassung an die arabischen Gepflogenheiten irgendwie im Widerspruch zu den Firmenwerten).

Entdecken die Feministinnen, die sich darüber empören, gerade, dass die Welt rund ist? Echte Entdeckerinneneuphorie wäre immerhin eine plausible Erklärung für diese Intervention. Alle international ausgelegten Werbekampagnen werden auf die jeweiligen Kulturkreise zugeschnitten. Und man glaubt es kaum, in Indien tragen Barbie-Puppen Saris und haben einen Punkt auf der Stirn gemalt.

Ikea kolonialisiert mit seiner erstickenden Ästhetik, den billig produzierten Wegwerf-Waren, seiner beschissenen Duzerei und der Plastikideologie des privaten Glücks erfolgreich 43 Länder dieser Welt. Indien und Südkorea sind die nächsten auf der Liste.
Der Katalog hat weltweit eine Auflage von 208 Millionen Exemplaren. Der Konzern fuhr im Jahr 2012 satte 2,97 Milliarden Euro Gewinn ein, verzeichnete 2012 eine zehnprozentige Gewinnsteigerung in den kriselnden Euro-Ländern, vor allem in Griechenland. Sowas hätte man früher Profiteure genannt.

Welcher Begriff von Gleichberechtigung innerhalb einer Logik von Gewinnmaximierung und Globalisierung steht hinter der Empörung?
Wenn die Photoshop-Aktion dazu führen sollte, dass in Europa auch nur ein Smörebröt-Regal weniger verkauft würde, wäre immerhin etwas gewonnen.