So war mein Frauentag

Der Baumarkt an sich ist ja eine großartige Sache.
Füllhorn der Einsichten für Stadtethnografinnen, Gendertheoretiker, Kapitalismuskritikerinnen, Linguisten (Hochdruckeinspritzdüsenautomatikeinrichter), Paartherapeuten und Semiotikerinnen, die dort an jedem beliebigen Samstag aasen können wie der Leopard in der Lämmerherde.

Für mich persönlich ist der Baumarkt kein natürliches Habitat.
Ich bin handwerklich nicht geschickt. Ich kann nicht schwer tragen, und meine Arme tun schnell weh. Ich bin mir völlig im Klaren darüber, dass meine Fähigkeiten auf dem Gebiet des handwerklichen Tuns sehr beschränkt sind, was mich im Grunde nicht beunruhigt, aber nervös macht, wenn ich mich auf dem Hoheitsgebiet der Zupackenden und Hobbybegeisterten bewege.
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Noch nicht lang her: Mai 1997

Zur Erinnerung: Im Mai 1997 gab es Deutschland Farbkopierer, die Klimakonferenz beschloss das Kyoto-Protokoll, die Telekom war an der Börse, Cathérie David Chefin der Dokumenta und die EU-Konvention zur Biomedizin wurde verabschiedet.

Der Körper der deutschen Ehefrau jedoch hatte ihrem Mann uneingeschränkt zur Verfügung zu stehen.  In Deutschland galten bis vor 15 Jahren Ehefrauen als „nicht vergewaltigbar“. Eheliche Vergewaltigung und eheliche sexuelle Nötigung waren nicht nach den Strafgesetzbuch-Paragraphen 177 und 178 strafbar, sondern Privatsache. Die sexuelle Selbstbestimmung der Frau galt dem Gesetzgeber weniger als die Unantastbarkeit der Familie.

Bundestag und der Bundesrat brauchten 25 Jahre, die Vergewaltigung innerhalb und außerhalb der Ehe strafrechtlich gleichzustellen.
Im Jahr 1972 brachten die Sozialdemokraten erstmals einen Reformvorschlag ein und scheiterten an den Eheschützern. Ende der achtziger Jahre versuchten es die Grünen-Frauen erneut und kapitulierten vor der Lebensschützerlobby, die befürchtete, daß Frauen ihre Ehemänner einer Vergewaltigung bezichtigen könnten, um mit Hilfe der kriminologischen Indikation ganz legal abtreiben zu können.
Im Sommer 1994 begann eine neue Initiative, getragen von verschiedenen Parlamentarierinnen und Frauenorganisationen. Eine dreijährige Vernetzungs- und Lobbyarbeit führte schließlich zum Erfolg.
Ein Gruppenantrag der Frauen von SPD, FDP und Bündnisgrünen entsprach genau dem Wortlaut des Regierungsentwurfs. Als sich dann auch noch Frauen aus der CDU für diesen Antrag aussprachen, gab die Koalition ihren Widerstand auf und hob den Fraktionszwang auf.
Am 15. Mai 1997 stimmten von den anwesenden 644 Abgeordneten 471 für den Gruppenantrag und 138 dagegen, 35 enthielten sich der Stimme.

Keine Raketenphysik. Zum Equal Pay Day

(c) Lisa Blum-MInkel
RED HANDBAG (c) Lisa Blum-Minkel, Hamburg

Er kommt in die Jahre, der Equal Pay Day.
1988 riefen die amerikanischen Business and Professional Women zum ersten Mal den Aktionstag aus und initiierten die Red Purse Campaign, um auf die Unterbezahlung von Frauen hinzuweisen.
Bei der siebenundzwanzigsten Party sind nun alle dabei: Familienministerinnen, SPD-Vorsitzende, Wirtschaftsredakteure – tout Paris lässt sich blicken und spricht Grußworte, denn das Geburtstagskind ist erwachsen und salonfähig geworden. Es schickt sich, bei dem Event gesehen zu werden.
Unterdessen bewegt sich die Lohndifferenz in Deutschland mit leichten Schwankungen seit Jahren zwischen 22 und 23 Prozent.

Dass der Equal Pay Day zu kurz greift und tiefer liegende Gründe der Ungleichheit vernachlässigt, hat zum Beispiel Antje Schrupp schon 2011 in zehn Thesen klar vorgetragen. Auch die statistische Aussagekraft wurde schon an vielen Stellen zurecht kritisiert. Seit einigen Jahren unterscheidet man deshalb zwischen unbereinigter und bereinigter Lohndifferenz.
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Feministische Avantgarde in Hamburg: radikal, international und aktuell

Annegret Soltau Selbst, 1975 S/W-Photographie auf Barytpapier © Annegret Soltau / VG Bild-Kunst, Bonn 2015 / SAMMLUNG VERBUND, Wien Photo: Heide Kratz
Annegret Soltau
Selbst, 1975
S/W-Photographie auf Barytpapier
© Annegret Soltau / VG Bild-Kunst,
Bonn 2015 / SAMMLUNG VERBUND, Wien
Photo: Heide Kratz

Eine umwerfend gute, intelligente und berührende Ausstellung ist seit gestern in Hamburg zu sehen: Feministische Avantgarde. Kunst der 1970er Jahre aus der Sammlung Verbund, Wien, kuratiert von Dr. Gabriele Schor.

Die Ausstellung zeigt Arbeiten von mehr als 30 Künstlerinnen, eine Retrospektive über die Anfänge der internationalen feministischen Kunstbewegung.
Was präsentiert wird, ist in vielen Hinsichten bemerkenswert:
Wenn man diese Arbeiten beieinander sieht, ist das Spektrum dessen, was die europäischen (und einige amerikanische) Künstlerinnen schon in den 1970er Jahren gezeigt und erarbeitet haben, nahezu unglaublich und von einer ästhetischen Bildkraft, die wenig eingebüßt hat über 40 Jahre. Die Verschnürung des eigenen Gesichts von Annegret Soltau als Akt, als Zeichen, als Widerstand und als Bild zitiert Madonna auf ihrem neuen Plattencover.

Ich bin Laie, aber mir scheint doch, dass die kuratorische Leistung stupend ist. Über zehn Jahre hat das Team aus Wien in Archiven und Nachlässen gesucht, Material auf Dachböden gefunden und recherchiert, bis sie auch Flugblätter und Ankündigungszettel für Performances und die lustigen Frauenspaziergänge in die Pornoläden einer Stadt zusammen getragen haben. Der reguläre Kunstbetrieb und -markt hat kein Archiv aufgebaut und keinen Wert für diese Kunst erzeugt.

Die Hängung hätte in die Hose gehen können, ist aber stattdessen einnehmend und überzeugend gelungen, bildet formale, manchmal thematische Klammern und gibt der einzelnen Künstlerin Raum.

Die Künstlerinnen haben kein Kollektiv gebildet, keine Gruppe gegründet, und doch in diesem Jahrzehnt zeitgleich und zum ersten Mal in der Kunstgeschichte ein neues Bild der Frau(en) geschaffen. Sie haben nicht nur ähnliche Themen aufgegriffen, sondern auch ähnliche Strategien benutzt. Bestimmt nicht verwunderlich, dass viele der Künstlerinnen Performance, Film, Fotografie und Video einsetzten: Neue Medien und Techniken, die unbelastet von Traditionen in der Kunstgeschichte zur Verfügung standen.
Sie wurden laut und sichtbar, haben die herrschende Ikonographie des Weiblichen zerlegt, den Kunstbetreib frontal angegriffen, eine männliche Wirklichkeit aufgebrochen, Identität und Rollenzuweisung neu geschrieben, weibliche Sexualität thematisiert und den eigenen Körper zum Material der Kunst gemacht.

Ana Mendieta, Untitled (Glass on Body Imprints), 1972/1997 C-Print © The Estate Ana Mendieta / Courtesy of Galerie Lelong, New York / SAMMLUNG VERBUND, Wien
Ana Mendieta, Untitled (Glass on Body Imprints), 1972/1997
C-Print © The Estate Ana Mendieta / Courtesy of
Galerie Lelong, New York / SAMMLUNG
VERBUND, Wien

Den schweren Katalog habe ich aufs Sofa fallen lassen neben eine aufgeschlagene Frauenzeitschrift (warum die da lag, ist eine andere Geschichte). Die erfolgreiche Schauspielerin Jasmin Gerat wird darin als selbstbewusste, moderne Frau portraitiert. Sie berichtet, der Kurzhaarschnitt, den sie neuerdings trägt, zöge zwar die Aufmerksamkeit von weniger Männern an als vor dem Friseurbesuch, dafür aber ernte sie die Blicke intelligenterer Männer. Ein Foto zeigt sie mit nach innen gedrehten Fußspitzen, wackelig und schier unfähig, sich auf eigenen Füßen zu halten, in der  Pose einer kokettierenden Vierzehnjährigen. Auf dem zweiten Bild beißt sie sich in klischierter Anzüglichkeit auf die Unterlippe, als hätte sie komplett den Verstand verloren und warte nur darauf, vom Ersten, der vorbeikommt, abgeschleppt und ins nächste Reihenhaus gestellt zu werden.
In dieser Welt der Frauenbilder leben wir, einer lückenlos wirksamen Bilderwelt der Imagekampagnen, Rollenzuschreibungen und Körpernormierung. Die Maschinerie reicht in jeden Winkel. Das Persönliche ist dabei zum vermeintlichen Schonraum geworden. Im privaten Raum soll die Konstruktion der Weiblichkeit nicht gelten, hier ist das Hola der Marktsemiotik: hübsch gestaltet, mit kuscheliger Partnerschaft und veganen Kochbüchern. Die Klamotten, die App zum Appnehmen, Teilzeitjob, Fitnessstudio, Steuerklasse, Spaß am Einkochen und Fastenurlaub – alles hochindividuelle, private Lebens- und Kaufentscheidungen.
Die Arbeiten der Künsterinnen aus den 1970er Jahren wirken in unsere Gegenwart hinein wie ein elektrisierender Schlag: Es geht auch anders. Es ging schon mal anders. Das Persönliche ist politisch.
Ich setze nicht die avantgardistische Kunstpraxis mit dem Bilderwahnsinn des Marktes gleich, aber ich habe das Gefühl, dass ich die Energie und befreiende Kraft, die von diesen Künstlerinnen und ihren Arbeiten ausgehen, in meiner Gegenwart nicht mehr leicht wiederfinde.
Selbstbewusstsein, Ironie, Aggression, politische und künstlerische Handlungsfähigkeit, Zartheit, Hartnäckigkeit und Witz, Freiheit und Autonomie begegnen mir in diesen Arbeiten. Einige wenige wie Cindy Sherman, Valie Export oder Orlan sind erfolgreich geworden, die große Zahl aber der Künstlerinnen ist in Hamburg zum ersten Mal zu entdecken. Die Radikalität, die sie eint, und die je eigene Qualität der Kunstwerke sind wunderbar.

Dass die Kunst von Pionierinnen der Frauenbewegung so aufrüttelnd und impulsgebend in die Gegenwart einschlägt und wie ein Gruß in die Zukunft uns erreicht, ist schon ein großer Moment.
Hauptbahnhof aussteigen, rüber schlappen – ganz leicht.

Endlich dreißig: Qualitätsjournalismus auf Cicero

Ver|blẹn|dungs|zu|sam|men|hang, der (Sozialphilos.): Zusammenhang zwischen gesellschaftlichem Sein u. daraus sich bildenden falschen Vorstellungen vom Wesen der bürgerlichen Gesellschaft.

Privilegierte Frauen – Schluss mit dem Quotengejammer!, das ist die Überschrift eines Artikels, der heute auf Cicero online veröffentlicht wurde. Der Autor hält sich nicht mit Überlegungen auf, sondern schreibt sich in lässigem Jargon von der Seele, was er so über Männer und Frauen und deren konkurrente Situation auf dem gesellschaftlichen Markt zu berichten weiß.
Frauen liefen bis zum 30. Lebensjahr außer Konkurrenz, da ihre natürlichen körperlichen Vorzüge sie gegenüber den Männern privilegierten: in der Schule und beim Abitur, im Studium, auf dem sozialen Parkett, beim beruflichen Einstieg. Im Alter von etwa dreißig Jahren hingegen habe der Mann seine gesellschaftliche Identität und Stärke erlangt und käme – souverän im Kampf gestärkt, seiner selbst gewiss und wohlverdient – endlich an die Macht, wo er sich für den Rest seines Lebens hielte.
Den vielen, insbesondere gutbürgerlichen Frauen aber, die nun verständlicherweise um ihr verlorenes natürliches Privileg weinen und es durch ein normatives, politisches ersetzen wollen, kann man nur ehrlich und verständnisvoll zurufen: Ihr habt es lange genug leicht gehabt – jetzt sind wir an der Reihe!

Einen kurzen Moment lang mag der Leser oder die Leserin glauben, es handele sich um Satire. Der alltagssprachliche Gestus und die jugendlich-streitlustige Manier verleiten zu dieser Annahme. Doch kein Hinweis im Textverlauf, keine Genauigkeit stützen die vage Hoffnung.

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Wer sonst würde das freiwillig und unentgeltlich tun?

Rebellin gegen die Zwänge des Marktes, Entschleunigungsfigur von einer fast philosophischen DimensionSabine Rückert spart nicht am großen Wurf, wenn sie sich für die Hausfrau als Gegenentwurf zu einer wachtumsorientierten, auf Effizienz bedachten Arbeitsgesellschaft stark macht.
Bravo.
Und genau die Frage, die sie rhetorisch an einen Absatz hängt: Wer sonst würde das freiwillig und unentgeltlich tun?, entlarvt das Hohelied. Denn die Antwort darf nicht nur lauten: Kein Mann würde das freiwillig und enentgeltlich tun.
Wenn eine Gesellschaft die Fürsorgearbeit tatsächlich wertschätzt und die Atmosphäre so liebt,  in die man heimkehren kann, dann bitte mit angemessener Altervorsorge und einer Entlohnung, die die altruistische Gesprächspartnerin der guten Jahre hinterher nicht mit einem Teilzeitjob an der Armutsgrenze abspeist. Egal ob Mann oder Frau.
Wenn die Hausfrauen in aller Stille an der Zukunft der Gesellschaft arbeiten, dann ist es doch das Mindeste, dass die Gesellschaft diese Arbeit anerkennt und die meinungsbildenden Multiplikatorinnen mit klaren journalistischen Interventionen und politischer Kraft die Gegenwart und Zukunft der Fürsorgearbeit verändern.
Eine apolitische, von Pathos getragene Rückbesinnung auf ein herzergreifendes Mittelschicht-Mutter-Imago ist auf diesem Weg kein Schritt vorwärts.

Happy Ada Loveslace Day! Frauen in MINT-Berufen

Heute ist der 16. Oktober – Ada Lovelace Day!
Dieser Tag wurde von britischen Feministinnen begründet.  Die Intitiative stärkt aktiv weibliche Rollenvorbilder in Naturwissenschaft, Ingenieurswesen, Technologie, Forschung und Mathematik. Auf der Website gibt es eine Datenbank, die junge Wissenschaftlerinnen mit ihren Themen und Schwerpunkten vorstellt – Einladungen zu Vorträgen und Konferenzen willkommen.
Heute finden weltweit Veranstaltungen, Performances und Vorträge statt. Das Ziel besteht darin, auf diesen immer noch männlich dominierten Arbeitsfeldern neue Vorbilder für Mädchen und junge Frauen zugänglich zu machen und die Profile von MINT-Frauen zu stärken.

Und vor allem: Auf der Website kann Jede und Jeder eine eigene Geschichte – egal in welcher Sprache – hochladen, so dass eine erzählte Weltkarte der Biografien und Arbeitsfelder von Frauen in der Naturwissenschaft und Mathematik entsteht.
Schreibt über eine Frau, die Euch inspiriert oder gefördert hat, die tolle Sachen macht oder Euch beeindruckt.
Dann Eure Geschichte der Sammlung hinzufügen.

Wer war Ada Lovelace?
Augusta Ada Byron wurde 1815 geboren, Tochter des Dichters Lord Byron und von Annabella Milbanke, glühende Mathematikerin, die Geometrie und Astronomie studiert hatte. Sie war es, die Ada erzog und Logik, Wissenschaft und Mathematk in den Mittelpunkt ihrer Ausbildung stellte. Schon von Kind an war Ada fasziniert von Maschinen und Erfindungen und las Wissenschaftszeitschriften. Mit 19 Jahren wurde sie verheiratet und bekam zusammen mit dem Earl of Lovelace drei Kinder. In ihrer Korrespondenz klagte sie häufig darüber, dass ihre familiären Pflichten und die Kindererziehung ihr zu wenig Zeit für die Mathematik ließen.
1833 lernte sie den Mathematikprofessor Charles Babbage kennen, ein zu der Zeit berühmter Mathematiker, der sich vor allem mit dem visionären Konzept von Rechenmaschinen befasste. In den frühen vierziger Jahren publizierte Ada Lovelace einen bahnbrechenden Artikel über „Analytische Maschinen“, in dem sie die ersten veritablen Computerprogramme schrieb. Der Algorithmus diente zur Berechnung der Bernoulli-Zahlen.
Das Potenzial dieser Pionierarbeit erkannte erst 100 Jahre später Alan Turning bei seiner Forschung zu modernen Computern. Ada Lovelace starb 1852 im Alter von 36 Jahren an Krebs. Die Programmiersprache Ada wurde nach ihr benannt.

Oder denkt ihr schon?

Die Möbelkette Ikea hat also für ihren saudi-arabischen Katalog eine Frau im Schlafanzug aus dem Foto wegretuschieren lassen.
Dafür gab es feminstische Empörung  (das unterstreiche nur die Ungleichheit zwischen Frauen und Männern in Saudi-Arabien) und eilige Entschuldigungen aus Schweden (o ja, wenn man es bedenke und recht bedenke, stünde diese werbliche Anpassung an die arabischen Gepflogenheiten irgendwie im Widerspruch zu den Firmenwerten).

Entdecken die Feministinnen, die sich darüber empören, gerade, dass die Welt rund ist? Echte Entdeckerinneneuphorie wäre immerhin eine plausible Erklärung für diese Intervention. Alle international ausgelegten Werbekampagnen werden auf die jeweiligen Kulturkreise zugeschnitten. Und man glaubt es kaum, in Indien tragen Barbie-Puppen Saris und haben einen Punkt auf der Stirn gemalt.

Ikea kolonialisiert mit seiner erstickenden Ästhetik, den billig produzierten Wegwerf-Waren, seiner beschissenen Duzerei und der Plastikideologie des privaten Glücks erfolgreich 43 Länder dieser Welt. Indien und Südkorea sind die nächsten auf der Liste.
Der Katalog hat weltweit eine Auflage von 208 Millionen Exemplaren. Der Konzern fuhr im Jahr 2012 satte 2,97 Milliarden Euro Gewinn ein, verzeichnete 2012 eine zehnprozentige Gewinnsteigerung in den kriselnden Euro-Ländern, vor allem in Griechenland. Sowas hätte man früher Profiteure genannt.

Welcher Begriff von Gleichberechtigung innerhalb einer Logik von Gewinnmaximierung und Globalisierung steht hinter der Empörung?
Wenn die Photoshop-Aktion dazu führen sollte, dass in Europa auch nur ein Smörebröt-Regal weniger verkauft würde, wäre immerhin etwas gewonnen.

Sommer am Ende

Schwächelnd, ja ermüdet von den immergleichen strukturellen Schieflagen, alten Fragen und miserablen Zuständen habe ich ein wenig so getan, als ließe sich die Sommerpause ins Private strecken: Olympia gucken, Romane und das Feuilleton lesen, den Job machen, mit den Kindern im Schwimmbad MauMau spielen.

Am Ende ist es aber so einfach: Es kommt darauf an, in welchen Verhältnissen wir leben wollen. Antje Schrupps Artikel „Kein Bock mehr mehr“ bringt es auf den Punkt und kam gerade zum richtigen Augenblick.
Den ein Satz am Morgen von Felicitas Hoppe, der Verführerin, zum Moment abrundete:

„Urlaub, im ritterlichen Sinn, heißt nicht mehr und nicht weniger, als sich nicht zu verliegen, sondern immer wieder aufzustehen und weiterzugehen auf der Suche nach neuen Abenteuern. Nur dass es am Strand keine Abenteuer gibt, sondern bloß Gestrandete.“ (Hoppe, S. 78, 2012)

Also starte ich also die Blog-Saison mit Nachrichten von Abenteurerinnen:
Die Gewerkschaftssekretärin Christina Frank arbeitet mit einer Gruppe von ehemaligen Schlecker-Mitarbeiterinnen an der Gründung einer Frauen-Genossenschaft. Die Gruppe hat das Ziel, in fünf geschlossenen Filialen neue Supermärkte zu eröffnen – im Sortiment angepasst an örtliche Bedürfnisse. Die Genossenschaft will nicht nur die Jobperpektive der Frauen verbessern und eigenintitiativ in die Hand nehmen, sondern auch die Lebensmittelnahversorgung in ländlichen Regionen stärken. Nach Bericht der taz finanzieren Ver.di in Baden-Württemberg, die Evangelische Betriebsseelsorge und die Partei Die Linke die Gründungsbestrebungen.

In Tunis will die Regierung die seit den fünfziger Jahren verfassungsrechtlich abgesicherte Gleichstellung von Frau und Mann ändern und den Frauen eine Rolle zuschreiben, die dem Manne „komplementär“ sein soll. Im Entwurf heißt es: „Der Staat sichert den Schutz der Rechte der Frau nach dem Grundsatz der Komplementrität in der Familie als Partnerin des Mannes.“
Tunesische Frauenorganisationen riefen am Montag zu einem Protestmarsch in Tunis auf. 6.000 Demonstrantinnen schlossen sich unter dem Motto „Touche pas à mes aquis!“ gegen diese Politik dem Aufruf an.
Vielleicht weiß jemand von Euch, wie man eine Online-Unterschriftenliste organisiert, die dazu beitragen könnte, die Frauenorganisationen in Tunesien zu unterstützen? Haben die Grünen ein Tool, die Piraten am Ende oder die feministischen Bloggerinnen?
Denn wehe, Westerwelle setzt seinen schmutzigen Gesinnungsfuß noch einmal nach Nordafrika, um der regierenden Ennahda-Partei mit Millionen zu bescheinigen, Tunesien sei „das Musterland des Wandels in der Region“, dann breche ich in den Sitz – ganz in Urlaubsmanier.

Wish you were here: Sommerloch Eins, Zwei und Drei

Sommerloch 1: Kinder
Conni ist eine ganz schlimme Kinderbuch-Serie, die der Carlsen Verlag verantwortet und die kleine Kinder mögen. Dauernd entdeckt Conni die Welt.
Ganz bezaubernd die Aktion auf Twitter, die Conni-geschädigte Eltern zu kreativer Aggressionsabfuhr einlädt.  Die Frage war: Welche Conni-Titel fehlen? Meine Lieblinge: ‚Conni geht in den offenen Strafvollzg‘ und ‚Conni lernt rauchen‘. Ich schlage vor: ‚Conni kommt ins Heim‘ und ‚Conni kriegt ihre Tage‘.
Der Mann ruft gerade: ‚Conni bei den Grünen‘.

Sommerloch 2: Politik
Das Meldegesetz, natürlich sehr hübsch. Aber ungleich interessanter als diese Bankrotterklärung auf offener Straße ist eine Personalie im Familienminsterium: Eva Maria Welskop-Deffaa, Leiterin der Abteilung Gleichstellung und Chancengleichheit im Familienministerium und engagiert aktiv für Gleichstellung und für die Quote, wird von Ministerin Schröder in den einstweiligen Ruhestand verabschiedet – mit 53 Jahren. Der Rauswurf, der wie eine normale Personallappalie verkauft wird, zeigt, dass da jemand sich im Juli still & leise die Welt nach seinem Bild und Maße formt. Und nun gibt Schröder auch noch eine Presseerklärung raus, dass sie die Stelle mit einer Frau besetzen will – wegen der Gleichstellung.
Noch 14 Monate bis zur Bundestagswahl.

Sommerloch 3: Feminismus
Die Affäre Slaughter.
Für alle, die es nicht verfolgt haben: Anne-Marie Slaughter, Chefin des Planungsstabs von Außenministerin Hillary Clinton, ist von ihrem Amt zurückgetreten, um mehr Zeit für ihre Familie zu haben. In ihrem Artikel „Why women still can’t have it all“ forderte sie dann, mit falschen feministischen Forderungen und den theoretischen Idealen der Vereinbarkeit endlich Schluss zu machen.
Anzufügen bleibt, dass Slaughter Professorin für Politik in Princeton bleibt und nicht Hausfrau wird.
Selbst wenn, der spitze Aufschrei der amerikanischen und anschließend die Empörung der deutschen Feministinnen ist Energieverschwendung, denn die Bruchkanten verlaufen nicht entlang individueller Lebensentscheidungen – schon gar nicht auf diesem allerhöchsten sozialen Level. Die Frage von Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist eine politische und gesellschaftliche Verantwortung, eine Frage der Bewertung von Arbeit.

Die Brüste von Femen

Eigentlich wollte ich schon gestern über die feministische Agitprop-Gruppe Femen schreiben. Die Aktivistinnen intervenieren international, medienwirksam und charakteristischerweise barbusig. Meine sparsamen Notizen sahen so aus und wurden auch während des Abends nicht besser:

Ukraine: höchste HIV-Infektionsrate Europas. 330.000 Menschen – 1,1,Prozent der Bevölkerung ist mit dem HI-Virus infiziert (Quelle: GIZ)
Odessa: 7,5% der Bevölkerung HIV-positiv
Land mit der europaweit höchsten Rate an HIV-Neuinfektionen
patriarchal, postkolonial, homophob
Oksana Sabuschko taz-Interview
Gesprächsnotizen mit Sabuschko Berlin 2011

Ich kam nicht ins Schreiben hinein, weil ich nicht herausfinden konnte, wo mein Problem liegt, bis ich dann das CI-Foto der Gruppe auf der Femen-Webseite sah.
Es vermittelt eine Idee vom Impetus: feminin, selbstbewusst, kämpferisch, lustvoll, spontan, jung, frei und nicht schwedisch, wie ich natürlich am Anfang wieder dachte, sondern ukrainisch. Die Kampagnen der Gruppe werden rund um Großereignisse entwickelt (Davos, EM, Strauss-Kahn, am internationalen Frauentag in Istanbul). Die Entblößungs-Aktionen vor laufenden Kameras richten sich gegen Sexismus und Ausbeutung. Weiterlesen „Die Brüste von Femen“

Doku zum GenderCamp 2012

Das GenderCamp ist ein BarCamp rund um Feminismus in der digitalen Gesellschaft, um Queer, Gender und Netzkultur, das vom 17. bis zum 20. Mai in Hüll stattfand.
Protokolle zu den einzelnen Sessions findet man im Sammelblog GenderCamp Doku.

Richtig nützlich: In der Schmökerecke gibt es eine Empfehlungsliste mit Links und Dokumenten zu Fragen gesellschaftlicher Machtverhältnisse und zu einigen Begriffen der feministischen Theorie.

Richtig lustig
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