Feuer! Reißt sie aus der DNA raus, die verdammte Bescheidenheit

Die Tochter hat es sich so sehr gewünscht, das neue iPhone, und wer wollte ihr diesen Wunsch verdenken. Das junge Mädchen hat gespart, in den Schulferien gejobbt und die Eltern haben ihren Teil dazu gegeben. Nun wird das schöne neue Smartphone zu Ostern im Nest liegen, erzählt mir die Mutter dieser Sechzehnjährigen,
„und ich nehme dann ihr altes“.
NEIN!
Die zweifache Mutter ist eine erfolgreiche Redakteurin, fast fünfzig Jahre alt, aktiv in der Lokalpolitik und eherenamtlich tätig. Sie und ihr Mann müssen nicht sparsam agieren. Die scheinbar sympathische, angenehme Bescheidenheit sitzt ganz tief drin in der weiblichen Sozialisation – selbst noch der Mädchen-Jahrgänge, die in den 60er und 70er Jahren aufgewachsen sind. Die Brandstelle ist keine Charakter- oder Temperamentsfrage.
In der Provinz knickste in den 70er Jahren ein gut erzogenes Mädchen noch beim Dankesagen, egal ob es einmal Ärztin werden wollte oder Astronautin. Es gab reihenweise Dinge, die gehörten sich nicht für ein Mädchen. Und Fleiß zählte tatsächlich zu den Tugenden eines Mädchens. Kein Mensch, niemand, fand es eines Kommentars würdig, dass meine Banknachbarin aus der Schule in mein Poesiealbum schrieb: „Sei wie das Veilchen im Moose, | bescheiden, sittsam und rein. | Und nicht wie die stolze Rose, | die stets bewundert will sein.“ Unsere Eltern gehörten keiner Studentenbewegung an, sondern fuhren mit den Kindern im Auto nach Italien. Manche unserer Mütter mochten arbeiten gehen, auf jeden Fall aber hängten sie die Wäsche auf und wieder ab, kümmerten sich um die Kinder und schauten, dass das Geld reichte. Und wenn es mal knapp war, kaufte sich Mama eben keine neuen Schuhe.
Für Mutti reicht das alte Telefon. Heutzutage vermindert sie mit der  Zweitnutzung obendrein den Co2-Footprint der Familie und nachhaltiger ist es schließlich auch.

Scheißt endlich auf diese Selbstbescheidung des mittleren Alters, die unter der Tarnkappe politischer Korrektheit nichts anderes ist als das, was unsere Mütter schon waren: genügsam.
Es wird keiner kommen, der das Ehegattensplitting für uns abschafft, für Entgeltgleichheit, Neubewertung von Arbeit und Geschlechterquote sorgt, worauf wir dann nur noch höflich Danke zu sagen bräuchten.

Spätfolgen der Aufklärung

No fuck in the factory, das haben wir schon von unserem Müttern gelernt. Am Ende zahlen immer, immer die Frauen drauf und meistens verlieren sie dabei ihren Job. Der betörende Glaube, der Chef liebe seine Ehefrau tatsächlich nicht mehr, die aus dem Beruf gewonnene Verbundenheit sei das wahre Glück und so weiter hat nichts mit dem gern geäußerten Generalverdacht des sich Hochschlafens zu tun. Das eine ist Dummheit, das andere Arbeit.
Sich hochzuschlafen ist hohe Kunst und harte Arbeit, die mit sexueller Anziehung oder Spaß rein gar nichts zu tun hat. Kein Geschäft für Anfängerinnen.
Fakt bleibt, dass sich Männer und Frauen sehr häufig am Arbeitsplatz kennen lernen und anbandeln. EIn Kompromiss: nur ausnahmsweise und mit verheirateten Männern auf gleicher Hierarchiestufe. Das aber nur am Rande.
Reden wir hingegen von sexueller Belästigung,  liegt die Sache ganz anders.
Die Anerkennung als Tatbestand, Strafbarkeit, arbeitsrechtliche Konsequenzen und vor allem Aufklärung waren harte gesellschaftliche und politische Kärnerarbeit.
Als Selbständige hat man keine Kollegen. Mich küsst keiner am Kopierer, dafür nicht die Spur einer Belästigung. Das Thema ist ohnehin längst durchbuchstabiert, ein Jeder gewarnt und alle Bewusstseine geschärft. Im Grunde könnte mir sexuelle Belästigung so als Fragestellung betrachtet kaum gleichgültiger sein.
In seiner irrsten Form tritt nun sexual harassment durch die Hintertür in mein Leben: Ich bezahle gefühlte 800 Euro jeden Monat dafür, dass meine Kinder Instrumentalunterricht bekommen und ordentliche Menschen werden.
Um über diesem Projekt nicht meinen Arbeitstag vollständig zu ruinieren (zwei Kinder an zwei verschiedenen Nachmittagen zu irgendwelchen Schulen kutschieren und Zeit neben wartenden Müttern zu verwarten – HA!), bezahle ich Menschen dafür, dass sie ins Haus kommen.
Der Geigenlehrer ist ein älterer, beleibter, kleiner und sehr distinguierter Herr. Um jeden Verdacht der möglichen sexuellen Belästigung im Vorfeld auszuschließen, unterrichtet er nur, wenn eine andere erwachsene Person sich in der Wohnung aufhält. Sicher sinnvoll, ja, verstehe ich doch, na klar.
Also bezahle ich parallel noch eine Frau – sehr jung übrigens und sehr hübsch (einen jungen Mann habe ich nicht gefunden), die aufpasst auf den Geigenlehrer.

Trotzdem weiß ich noch, dass sexuelle Belästigung von Frauen ein echtes politisches Thema ist. Die junge Ägypterin Eman Hashim führt einen award-winning Blog dazu. Wer kein Arabisch liest, hat die Chance auf  TRANSIT einige ihrer Texte zu finden oder ihr auf Twitter zu folgen: @EnamHashim.