Katzenjammer im Koffer

Ganze Zeitschriften widmen sich dem Thema »Reisen mit Kindern«. Überall warten einzigartige Momente darauf von wunderbaren Menschen erlebt zu werden.
Mit drei Kindern allein zu reisen, kann aber auch eine einzigartige Strafexpedition sein. Der Bericht einer misslungenen Bahnreise.

Als allein reisender Mensch mit drei eher kleinen Kindern sollte man entspannt sein. Ist man aber nicht immer. Zuhause hege ich wie ein Anfänger noch Träume und packe zusätzlich zu allem anderen ein Buch für mich selbst zur Lektüre ein.
Ich lege das neue Hardcover einer Journalistin, deren Arbeiten ich sehr schätze, neben Conny am Strand und Finna, das Wikingermädchen in die Schultertasche. Insgesamt: eine Schultertasche, ein grünes Rucksackmonster, ein Rollkoffer, eine Reisetasche in Marienkäferdesign, ein Beutel mit Delfinen drauf und drei blaue Rucksäckchen.

Bereits auf dem Bahnsteig im Hauptbahnhof bin ich kaputt, verschwitzt, mit schmerzenden Schultern, genervt. Während ich Kinder und Gepäck bändige und es mir zum zehnten Mal misslingt, mir die reservierten Sitzplatznummern zu merken, und obendrein ein Kind damit droht, sich augenblicklich in die Hose zu pinkeln (was ich aus Erfahrung sofort glaube), ich die Not daraufhin mitten auf dem Bahnsteig gegen die gläserne Wand des Schaffner-Infohäuschens abhaltend verringere, fühle ich mich sehr dünnhäutig. Warum hilft mir eigentlich nie einer? Wie konnte es zu dieser Gesamtsituation kommen? Warum kann ich mir nicht selbstverständlich ein Taxi leisten?
Ich finde es im Prinzip richtig, dass alleinerziehende Mütter mit Kindern über drei Jahren berufstätig sind und sein können sollten. Aber was für ein mühseliges Leben das alles.
Um mich herum Elternpaare mit jeweils einem süßen Kind. Sehen unheimlich tolerant und distanziert herüber. Junge Männer, die gucken. Ein Schaffner, der mich tierisch laut anblafft.

Als ich das nächste Mal Zeit habe hochzuschauen, sehe ich die Journalistin, deren Buch ich dabei habe, mir gegenüber sitzen: kühl, elegant, intellektuell, mehrere Zeitungen vor sich, in kultiviertem, angeregtem Gespräch. Jetzt allerdings akut irritiert. Was man ihr nicht verdenken kann. Ich habe mich früher upgraden lassen, wenn ein Kleinkind in der Reihe vor oder hinter mir saß. Meine Dünnhäutigkeit verstärkt sich.
Inzwischen Schleichtiere überall, Käsebrote, zweimal Finna, das Wikingermädchen laut gelesen, ausgekippter Delfinbeutel.
Dann: Mama, die Frau da ist auf dem Foto in deinem Buch.
Ich atme weiter.
Mama, das ist die Frau! Gekruschel, während ich kniend Buntstifte aus Sitzritzen fische. Das Kind hält triumphierend das Buch hoch.
Ich will nicht, dass irgend jemand jetzt irgend etwas zu mir sagt.
Die Journalistin schaut mich an. Besitzt die Diskretion, kein Wort zu sagen.
Ich wusste, dass sie gut ist.

Gender, Emanzipation, Theorie, Entgeltgleichheit, strukturelle Ungleichheit, soziale Fragen – es ist mir alles egal.
Ich bin eine Frau ohne Hobbies und ohne Zeit zum Lesen. Ich gehe ganz allein auf die ICE-Toilette und wasche mir die Hände. Auch solche Tage gehen vorbei.

So war mein Frauentag

Der Baumarkt an sich ist ja eine großartige Sache.
Füllhorn der Einsichten für Stadtethnografinnen, Gendertheoretiker, Kapitalismuskritikerinnen, Linguisten (Hochdruckeinspritzdüsenautomatikeinrichter), Paartherapeuten und Semiotikerinnen, die dort an jedem beliebigen Samstag aasen können wie der Leopard in der Lämmerherde.

Für mich persönlich ist der Baumarkt kein natürliches Habitat.
Ich bin handwerklich nicht geschickt. Ich kann nicht schwer tragen, und meine Arme tun schnell weh. Ich bin mir völlig im Klaren darüber, dass meine Fähigkeiten auf dem Gebiet des handwerklichen Tuns sehr beschränkt sind, was mich im Grunde nicht beunruhigt, aber nervös macht, wenn ich mich auf dem Hoheitsgebiet der Zupackenden und Hobbybegeisterten bewege.
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Spaziergänge in Beirut

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In der Hauptstadt des Libanons liegen Religion und Konsum, Weltläufigkeit und Enge dicht beieinander. Jung ist die Stadt, lebenshungrig und spannungsgeladen. Ein Spaziergang durch benachbarte Viertel am Meer.

In einer geschwungenen Linie zieht die Wagenkolonne an den Straßenrand. Aus den abgedunkelten SUVs springen Bodyguards, sichern weiträumig die Rue Allenby. Ein Mann in weißem Kaftan steigt aus, in gemessenem Abstand folgt eine Frau in Burka, dann drei Kinder. Es sind Mädchen in bodenlangen schwarzen Gewändern, das älteste vielleicht dreizehn Jahre alt, das jüngste ungefähr neun. Huschende Bewegungen, verschwollene kleine Gesichter, Verbände über Kinn, Nasen und Augenbrauen.

»Die Araber lassen die Beauty Jobs in der Regel früh machen, um ihre Töchter gut auf dem Heiratsmarkt zu positionieren«, kommentiert Berenike die Szene. Auch für sie, die akademisch gebildete junge Libanesin, sind Schönheitsoperationen selbstverständlich. Berenike arbeitet im Marketing und hat, wie die meisten ihrer Freundinnen aus dem christlichen Viertel Achrafieh, Kinn und Hintern machen lassen. Ihr Ziel: ein westeuropäischer Pass, und auch dieser Heiratsmarkt ist hart umkämpft.
Die arabische Familie verschwindet in den Beirut Souks, einer Shopping Mall der Superlative, ein gleißendes Raumschiff mit wassergekühlter Granitfassade. In den angrenzenden Straßen Luxuswohntürme, gewässerte Grünflächen, Housemaids von den Philippinen oder aus Äthiopien führen Hunde spazieren, deren Fell von der erfrischenden Dusche noch feucht ist.

Bis zur Corniche ist es von den Souks nur ein Spaziergang. Auf der Uferpromenade flaniert in den Abendstunden ganz Beirut. Eine Brise vom Meer nimmt die Hitze mit, Kaffee- und Kardamonduft weht aus den Cafés herüber. Am westlichen Ende der Palmen bestandenen Uferpromenade liegt der Sporting Club Beirut. Wer die 25 US-Dollar Eintritt bezahlt, darf den Tempel einer Weltreligion betreten, die heiligste Stätte des Körperkultes. Selbst im herrlich kühlen Wasser des Pools, mit weitem Blick auf die Levante-Bucht, trägt die Dame High Heels zum Bikini. Ein Schild in den Umkleiden weist darauf hin, dass Burkinis im Club nicht als angemessene Kleidung wahrgenommen werden.
Auf der anderen Seite des Zauns, der das Gelände abschirmt, kauern auf dem groben Kies muslimische Frauen, die Fingernägel neonfarben lackiert. In Plastiktüten haben sie Essen mitgebracht, und während sie zwischen den Steinen anrichten, springen ihre Jungs vergnügt von den Felsen ins Meer. Weiterlesen „Spaziergänge in Beirut“

Schauen statt funktionieren

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Grafik: Funktion (cc) publicdomainvector.org

Das neue Jahr beginnt mit kranken Kindern. Eine Woche Kind 1, die nächste Kind 2. Kochen, vorlesen, Kinderärzte, Wäsche waschen, entschuldigend Abgabetermine verschieben, nachts aufstehen, Wadenwickel – das ganze Programm. Zwei Wochen, in denen ich fast nicht gearbeitet (und kaum Geld verdient) und so gut wie niemanden gesehen habe. Kommt vor.
Zufällig kam mir in der Zeit wieder ein Text in die Hände, den ich vor einigen Jahren geschrieben habe: Es sterben gar keine Frauen.
Eine Überlegung darin dreht sich um Todesanzeigen in überregionalen Tageszeitungen. Schaut man auf einen normalen Wochentag, sterben so gut wie keine Frauen. Höchstens mal eine hoch betagte preussische Gräfin im Kreise der Familie. An diesem Phänomen hat sich wenig geändert. Das Thema der ungleichen Repräsentation schließt aber an ein anderes an, das mich gegenwärtig umtreibt: Unsichtbarkeit.

Ich bemühe einen Klassiker des Selbstmitleids, der hier als experimentelle Anordnung dienen soll: Wenn ich tot umfalle, wie viel Zeit verginge, bis jemand bemerkt, dass ich fehle?
Jeden Sommer fahren meine Kinder für zehn Tage in die Ferien. Für diesen Zeitraum kann ich die Frage ganz präsize beantworten. Elf Tage würde es dauern. Öffnete ich die Tür nicht, wenn der Vater sie zurückbringt, finge er abends an die Mailbox vollzutexten.
In diesen zehn Tagen klingelte bestimmt hin und wieder das Telefon: Freunde, Familie, Zahnarzt. Ein Auftraggeber wäre sauer und schriebe böse Mails. Mehr würde aber nicht passieren. Niemand wäre ernsthaft irritiert, wenn ich mich innerhalb von zehn Tagen nicht meldete. Für alle 355 übrigen Tagen kann ich die Frage ebenso präzise beantworten. 16.15 Uhr wäre der späteste Zeitpunkt für ein Auffinden. Wenn die Kinder aus der Schule kommen. Außerhalb dieser Routine fehle ich nicht.
Was ist in einem Leben passiert, in dem dieses Szenario völlig realistisch ist?
Da ich mich weder für außergewöhnlich griesgrämig noch soziophob halte, komme ich dahin anzunehmen, dass diese Erfahrung mit Strukturen einhergeht. Unsichtbarkeit passiert nicht nur in einem, nämlich in meinem Leben.

Freiberuflichkeit ist als Alleinerziehende – anfangs mit zwei Kleinkindern – die einzige Chance, den Lebensunterhalt für die Familie zu verdienen. Man arbeitet allein, liefert elektronisch ab, mal telefoniert man, meistens nicht. Anerkennung drückt sich im besten Fall in erneuter Auftragsvergabe aus. Es gibt keine Kollegen, wenig Austausch, keine gemeinsamen Projekte, an denen man kontinuierlich arbeitet.

Unsichtbarkeit vollzieht sich nicht von einem Tag auf den anderen, sie wächst in vielen kleinen Schritten: mit jeder Absage auf eine Einladung, weil man den Babysitter nicht bezahlen kann, mit jedem erschöpften Moment und mit jedem leeren Abend vor vollen Wäschewannen, wo allein der Gedanke an einen tollen Tangokursus so fern liegt wie Argentinien. Sie ernährt sich von Geldsorgen und mangelnder Teilhabe, sie wird dichter mit jedem Jahr, das vorübergeht.
Über einem auf Dauer gestellten, den einzelnen Menschen strukturell überfordernden Funktionieren, das keinen Raum übrig lässt, wird die Welt immer enger und man verschwindet – aus den Augen der Anderen wie auch aus dem eigenen Blick. Armut macht unsichtbar, das Alter auf ähnliche Weise. Die Gründe dafür sind so zahlreich wie offenkundig. Die Gutscheine für soziale Anerkennung, emotionale Bedeutung, eine Rolle, gar ökonomischen Erfolg werden in öffentlichen, in beruflichen und privat-intakten erwachsenen Kontexten ausgestellt.
Ich bin nicht allein in der Unsichtbarkeit. Dieses Wissen macht sie nicht erträglicher, lässt sie aber doch vom Schicksal zum Phänomen schrumpfen.

„Alleinerziehende verschwinden über Jahre, teilweise Jahrzehnte, aus Lebensanteilen, die jedem normalen Mensch selbstverständlich erscheinen“, schreibt Candy Bukowsky in ihrer Rezension zu Christine Finkes Buch ‚Allein, alleiner, alleinerziehend‘.

Den Großteil der Bedingungen kann ich akut nicht verändern, einiges Weniges vielleicht auf mittlere Sicht. Was ich aber kann und will, ist Sachen sehen. Es wird auf diesem Kanal also eine neue Serie geben:
Everything you see I owe to my eyes
Eine winzige Abwandlung des Sophia Loren-Zitates: „Everything you see I owe to spaghetti.“ Dort ging es um Kalorien und blendende Schönheit, hier geht es um Blicke: auf Frauen, Geschichten und Bilder, ums Hinschauen.
Gleich heute kommt Folge 1: „Jolie sous les bombes. Spaziergänge in Beirut“

 

 

 

 

Krisen-Filibuster

Private Nachrichten aus einem vermasselten Leben

(c) C.M.Schulz

Zum Geburtstag habe ich von Kind 1 das Buch »Mädchen in der Pubertät« geschenkt bekommen. Damit ich eine faire Chance habe.

Ich finde nicht, dass ich eine faire Chance habe.
Wenn ich an einem Meeting nicht teilnehmen kann, weil ich abends um sechs zuhause bin, Hausaufgaben betreue und Wäsche falte, wünscht sich irgend jemand mehr Engagement von mir. Denn wenn sich das fortsetzte, müsse man sich wohl jemand anderen für den Job suchen.

Wenn ich die Küche gestrichen habe, weist bestimmt irgend jemand wohlmeinend darauf hin, dass es sich durchaus bewährt hätte, die Decke zweimal zu streichen.

Wenn ich zum Klassenfest zwei Flaschen Orangensaft mitbringe, lächelt mich immer irgendeine Mutter verständnisinnig an, während sie ihre selbstgebackene Quiche aus Dinkelvollkornmehl auf den Tisch stellt.

Wenn ich im Garten die kniehohe Wiese mühsam mähe, gibt mir die Nachbarin den Tipp, dass es leichter und besser fürs Gras sei, öfter zu mähen, zudem sähe es gepflegter aus.

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Frauen im Freien

Ehegattinnensplitting, eigenständige Existenzsicherung – drängende Themen sind ausreichend vorhanden, doch ich habe heute einfach nur meine kleine Tochter mitten am Nachmittag aus dem Hort abgeholt und bin mit ihr in den Park gegangen. Da sitze ich nun im Schatten (!), esse Karamelleis und genieße diese goldene Stunde – wunderbares Privileg des Freiberuflerinnentums: mit den Kindern sich ab und an eine Stunde Auszeit zu nehmen.
Mein Blick schweift über die große Wiese, über Spielplatz, Baumgruppen und Bänke. Lauter Freiberuflerinnen! (Ein ausgezeichneter Moment, um meinen All-time-Lieblingswitz zu erzählen: Ein Dichter wird als Zeuge vor Gericht geladen. Der Termin ist auf acht Uhr am Morgen anberaumt und der Dichter ist ob der frühen Stunde angemessen beunruhigt. Er ruft ein Taxi, nimmt im Fond Platz und lässt sich durch die Stadt chauffieren. Beim Blick aus dem Fenster sagt er: „Oh, so viele Zeugen!“)
Kein einziger Mann im Park und ich habe genau geschaut bei einer 200 Grad-Panoramaperspektive von meiner perfekten Bank aus. Nicht ein Opi, kein tüchtiger Parkwächter und nicht ein Elternzeit-Vater. Dabei sagt die aktuelle Statistik, dass so großartig viele Väter sich die zwei bezahlten Monate gönnen. Rein rechnerisch müssten in diesem Park bei einer Stadtteilbevölkerungszahl von 360.000 mindestens vier Väter sein (habe beim ZEIT-Mathetest exzellent abgeschnitten).
Die Atmosphäre ist keineswegs unangenehm, im Gegenteil: heiter und entspannt. Aber doch bemerkenswert, dass sich mitten in einer Großstadt eine Szenerie entfaltet, die an ein Sittengemälde des späten 19. Jahrhunderts erinnert. Dass in Linienbussen etwa 85 Prozent der Fahrgäste weiblich und/oder lebensälter sind, verwundert nicht. Eine klare Korrelation zu Einkommen, Besitzverhältnissen und Lebensradius. Aber  wo sind die Väter, die männlichen Arbeitslosen, Freiberufler, Rentner und Angestellten am späten Nachmittag?
Eben nahm ein Freiberuflerin neben mir auf der Bank Platz, ignorierte mein Tun und erzählte ungefragt, sie sei Freiberuflerin. Als ob ich das nicht gewusst hätte.

Kulturelle Vielfalt: Frauen aus aller Welt bei mir zuhause

News from a goofed life: Private Nachrichten aus einem vermasselten Leben

Ich habe häufig Gäste aus allen Teilen der Welt: Junge Frauen, die sich für einige Wochen in Deutschland weiterbilden. Diese durchweg überdurchschnittlich gut ausgebildeten jungen Frauen Mitte zwanzig kommen aus unterschiedlichsten Kulturkreisen und Kontinenten. Was sie dabei aber eint, ist eine großstädtische Herkunft und ein wohlhabender familiärer Hintergrund. Wenig verwunderlich. Geld und ein bildungsnaher Haushalt sind überall die Voraussetzung, um Töchter auf die Universität zu schicken und ihnen internationale Erfahrungen zu ermöglichen. Großartige Sache und allemal Grund, sich auf die Geschichten, Erfahrungen, Eigenheiten und Erwartungen dieser Frauen zu freuen.
Und dann passiert jedes Mal Folgendes: Alle, ich schwöre, wirklich alle, packen als Erstes ihren Apple-Store aus: iDies, iDas, WLAN und los. Facebook mit Freundin und Mutti, Skypen mit Mutti und Freundin. Ab dann jeden Tag. Mehrmals.
Was an Kosmetikutensilien ausgepackt wird, übersteigt jedes Maß. Ob aus Tokio, Nairobi, Buenos Aires, London oder Odessa – keine dieser Frauen geht ungeschminkt auch nur zum Frühstück. Und egal, ob blond oder lockig: Zweimal am Tag müssen die Haare gewaschen werden. Und allen, ich schwöre, allen, ist es unerklärlich, wie man ohne Straightener leben kann (eine Art elektrischer Haarplätter).
Das allein wäre nur lustig.
Es sind Medizinerinnen darunter, Juristinnen, Geisteswissen-
schaftlerinnen, Lehrerinnen und Wirtschaftswissenschaftlerinnen, alle mehrsprachig, clever und sympathisch. Sie ernähren sich von low fat convenience food bekannter Marken, finden ganz schnell H&M, aber kein Thema, das sie interessiert. Weiterlesen „Kulturelle Vielfalt: Frauen aus aller Welt bei mir zuhause“

Löwe, Löwin und ein Moment des Glücks

News from a goofed life: Nachrichten aus einem vermasselten Leben

Gestern war ich mit meiner kleinen Tochter bei Hagenbeck. Aus meiner Warte ein zwiespältiges Unternehmen. Ich mag schon keine Hunde. Der Eintritt für uns beide kostet 35 Euro. Und wenn ich am Buchmessenmittwoch in der Zookassenschlange in Hamburg stehe anstatt in Frankfurt in der Messeschlange, weil ich keinen finde, der zwei Kinder für zwei Tage nimmt, dann muss mir niemand mehr sagen, dass  in meinem Leben etwas gründlich schiefgelaufen ist.
Sprühregen bei den Elefanten, Sprühregen bei den Tigern, Schauer bei den Alpakas. Ich erhöhe das Tempo. Das Kind sinniert vor den hospitalismuskranken Eisbären über das Gleichgewicht zwischen dem berechtigten Studieninteresse an Tieren und Tierquälerei. Wir plädieren für Einzelfallentscheidung: Pinguine okay, Eisbären zurück in die Arktis. Ich erwähne die Polkappenschmelze nicht.
Und glaube schon es geschafft zu haben, als wir vor dem Löwengehege ankommen. Die Wolkendecke reißt auf, eine milde Oktobersonne wärmt uns Rücken und Füße, wir lehnen am Zaun, essen Schokolade und schauen dem Löwenrudel beim Faulenzen zu. Da beginnt der Löwe zu kacken. Der Tier setzt langsam eine graue, faserige Liane ab, gut zwei Meter lang, unabschließbar. Stumme Ekelfaszination auf der Menschenseite. Unerhörter Gestank in der Luft. Löwinnen beschnüffeln die aus dem Löwen hängende Liane. Menschen erschauern, der Löwe erschauert. Brüllt einmal, zweimal. Die Sonne scheint und unter dem Schwanz und noch unter der Liane schiebt sich ein dritter Stab heraus.
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Reality Check

News from a goofed life: Private Nachrichten aus einem vermasselten Leben

Freitag, später Nachmittag. Heute geht es auf diesem Blog sehr konkret und hässlich alltäglich zu, weil aus genau diesem Alltag ziemlich viel Leben und soziale Realität besteht – auch wenn diese an keiner Stelle den Vorstellungsraum der politischen Klasse berührt oder gesellschaftliche Relevanz erreicht.
Keine Jammer-Arie, sondern die schnöde Beschreibung einer Wirklichkeit, die ich mit vielen anderen Alleinerziehenden teile, die aber deshalb weder gesellschaftlich noch individuell akzeptabel ist.
In den 10 Werktagen dieser und letzter Woche waren tagsüber folgende familiären Termine zu absolvieren und Dinge zu erledigen:

Klassenfest Kind 1: 17-20 Uhr (Kuchen mitbringen)
Klassenfest Kind 2 (an einem anderen Tag): 16-19 Uhr (Frikadellen mitbringen)
Schulfest: 16-19 Uhr (Salat mitbringen)
Chorauftritt: 17-18.30 Uhr
(Transfer vom Hort zur Kirche für Kind 2 organisieren)
Orthopäde Kind 1: 8.30-9.40 Uhr
2x Musikkurs Kind 2: 15-16 Uhr
(hinbringen, abholen)
Einladung Kindergeburtstag Kind 1: 16-19 Uhr
(bringen, abholen, vorher Geschenk kaufen)
Einladung Kindergeburtstag Kind 2: 14-19 Uhr
(bringen, abholen, vorher Geschenk kaufen)
Lernentwicklungsgespräch Kind 1: 8.30-9.00 Uhr
Lernentwicklungsgespräch Kind 2: 9.00-9.30 Uhr.
(Aber an einem anderen Tag.)
1x Hort geschlossen wegen Betriebsausflug

Dazu kommen die Standards:
10x Kinder zur Schule bringen / 10x abholen
Bücher in die Stadtbücherei zurückbringen
Hausaufgaben initiieren und supervidieren
10x Frühstück, 10x Schulbrote und 7x Abendessen: zubereiten, Tisch decken/abdecken
9  Maschinen Wäsche aufhängen, abhängen, falten
Altpapier, Altglas wegschaffen
10 Spülmaschinen-Ladungen einräumen/ausräumen
Wohnung aufräumen, Betten machen
mal was putzen und staubsaugen
vorlesen, spielen, sprechen
1 x Kind wegen Läusebefall aus der Schule holen
(Stoffsachen waschen, desinfizieren, tieffrieren)
Turnbeutel, Schwimmtaschen und Fußballsachen packen
einkaufen (ca. 50 kg Lebensmittel und Getränke in den 3. Stock)

Ich werde die Stunden jetzt nicht addieren. Aber erst nach all dem, oft dazwischen und davor beginnt die reguläre Arbeitszeit. Der Vater der Kinder trägt einen Unterhalt bei, der deutlich unter der Mindestgrenze liegt, also komme ich für unser Einkommen auf.
Im Familienreport 2010 wächst jedes 5. Kind in Deutschland bei nur einem Elternteil auf, davon 90% bei ihren Müttern, das sind etwa 1,5 Millionen Frauen. Zweidrittel aller alleinerziehenden Frauen sind berufstätig, 42% davon in Vollzeit. Alleinerziehende haben in Deutschland das höchste Armutsrisiko, was mich tatsächlich nicht ernsthaft überrascht.
Legen Sie den Wochenplan doch einmal einem Arbeitgeber vor. Oder man halte sich (ganz kurz) vor Augen, welches Maß an kontinuierlicher Disziplin, Energie und Selbstmotivation für diesen Workload nötig sind.

Beinahe geweint vor Rührung habe ich, als ich heute Morgen den Artikel von Dorothee Bär in der FAZ las: Das Betreuungsgeld gibt den Eltern Freiheit. Von echter Liebe ist da die Rede, von Bindung und Vertrauen. Dass Arbeitgeber nicht zu schaffen haben mit der Frage der Betreuung. Dass unsere Gesellschaft mit dem Betreuungsgeld die Glückserfahrung des Kinder-Habens ermöglichen will.
Zum Glück ist morgen Wochenende. Ich muss dringend eine Maschine Wäsche machen.

Des Kaisers neue Kleider revisited

News from a goofed life: Private Nachrichten aus einem vermasselten Leben

In meiner Familie wird viel geredet. In anderen auch, ich weiß. Das Phänomen ist bekannt und manche Leute machen einen Riesenreibach mit der wortreichen Lebendigkeit und stets heiteren Originalität ihrer Familienmitglieder (der herzensgute Brigitte-Familienvater-Kolumnist fällt mir ein).
Was den Rede-Koeffizienten bei uns in die Höhe treibt, sind nicht die niedlichen Aperçus der Jüngsten, sondern die permanente Vertonung des Alltags.
Kind 2 schreibt auf dem Computer und redet währenddessen laut: So, jezz scanne ich mal das Internet in mein Bildschirm, Mama, wie geht das Erwachsenenpasswort, ich brauch Internet. Mist, Giraffe nicht mit K. Ich hab morgen Schwimmen.
Hinein in den Endlostext spricht Kind 1: Wieso darf sie jezz Firefox und ich nicht. Mama, schau mal, was ich gemacht habe. Was schreibst du da? Nie schaust du, was ich mache. Wer hat meinen Lieblingsstift unter die Heizung geschmissen.
Soweit alles normal. Hinzu nun aber treten notorisch polyphone, kontroverse Kommentare zu jeder Lebensäußerung und die grenzenlose Liebe zu Erklärungen. Kind 1 erklärt ausführlich, wieso die Erde keine vollkommen runde Form hat. Kind 2 erklärt umständlich, warum ihr Stofftier von Gott geboren sein muss. Gemeinsam erklären sie, dass sie unbedingt Comics kaufen gehen müssen. Der Nachbarin erklären sie über den Balkon, warum ich wenig Geld verdiene. Ich erkläre zum millionsten Mal, warum man Hände waschen muss. Und der Mann (allmählich komme ich zum Punkt) erklärt die wichtigen Sachen und schwierigen Wörter. Gern beim Essen. Kapitalismus etwa. Finanzkrise. Militanter Rechtsextremismus. Ideologie.
Zur Not fiele mir dazu auch etwas ein, aber ich bin froh, bis auf das Notwendigste (sitz gerade, benutz das Besteck) nicht sprechen zu müssen, speise und genieße das Spektakel. Auf Hauptseminarniveau, mit eingeschobenen Nebensätzen und soziologischer Ernsthaftigkeit setzt die Erklärung ein, was bei Kind 2 augenblicklich zu einem Zustand führt, den sonst nur sehr teure Rauschmittel erzeugen: selige Schläfrigkeit, verdrehte Augen, abgrundtiefe Langeweile. Kind 1 kommentiert simultan und erklärt sich die Erklärung. Bis neulich Kind 2 den Kopf hebt und die Frage stellt: Wieso, Mama, weiß er eigentlich so viel mehr als du?
Als aufgeklärter Mann beeilt sich der Mann zu erklären, was Geschlechterstereotype seien, Rollenzuschreibungen, Gebaren und Gestus.
Kind 1 erkärt: Weiß er gar nicht. er ist nur ein Mann. Deshalb. Ich erkläre, dass Männer wirklich so sind, und seitdem lässt sich die Welt einfacher erklären: Die Deutschlehrerin wollte heute eben auch mal ein Mann sein, der Mathelehrer: Du weißt schon (vieldeutiges Augenbrauen heben) und Elke Heidenreich (ich kann „Nero Corleone“ gelesen von der Autorin auswendig) schreibt eben nicht wie ein Mann. Deshalb.

News from a goofed life: full house

News from a goofed life: private Nachrichten aus einem vermasselten Leben


Anders als Liebe oder Kinder ist Patchwork kein Lebenswunsch. Ich kenne niemandem, der sich dieses Leben ausgesucht hätte. Die meisten Menschen geben ihr Bestes, wenn sie denn vor dieser Aufgabe stehen. Sie halten durch und versuchen auf dem wackeligen Kahn die Balance zu halten.
Bei einer Recherche im letzten Jahr fand ich eine Statistik, laut derer die Prognose für ein dauerhaftes Zusammenwachsen und –leben in einer Patchwork-Familie im Schnitt gar nicht schlecht ist. Diese kontraintuitive Aussage gewinnt an Plausibilität, wenn man sich vor Augen führt, dass die Beteiligten knallharte Realpolitik betreiben und weder Romantik noch Glückserwartungen im Gepäck haben. Elmar Krekeler hat in seiner Kritik an Melanie Mühls Streitschrift Die Patchwork-Lüge (Hanser 2011) in einer sehr persönlichen Weise jedweder Vermutung, dieses Leben sei cool oder einfach oder gewollt, eine Absage erteilt. Patchwork schmerzt, immer wieder, macht Mühe und braucht Gelassenheit.

Mein fortgesetztes defizitäres Wursteln im Patchwork-Alltag führe ich im Wesentlichen auf zwei Punkte zurück: das Fehlen traditioneller Rollenvorbilder und entlastender Verhaltensmuster zum einen. Zum andern ist mir das Alles manchmal einfach zu viel. Da ich den Mangel an Vorbildern auf kurze Sicht nicht beheben kann, gehe ich also nach einem besonders mühsamen Wochenende zu Fuß in die Stadtbücherei und lese auf dem Rückweg das dünne Buch des sehr erfolgreichen Familientherapeuten Juul: Aus Stiefeltern werden Bonuseltern, immer in der Hoffnung, dass mich niemand mit einem Ratgebertaschenbuch in der Hand sieht.
Oha.
Da ich aber irgendetwas unternehmen muss und keine Politik mir helfen wird, beschließe ich die Einführung einer Familienkonferenz nach Juul. Schon bei dem Entschluss fühle ich mich besser: konstruktiv, demokratisch, zukunftsweisend. Beim ersten  Mal will ich die Fallhöhe mindern und lade nur die eigenen Kinder ein, die naturgemäß auf diese Veranstaltung keinen Bock haben.
Nach dem Abendessen. Alle sitzen auf dem großen Bett, Mutti beginnt:
Wie ihr euch fühlt, ob ihr Wünsche habt, was ihr verändern möchtet.
In diesem Moment geht es los. Die Sechsjährige legt den Kopf schief, greift sich ein Kuscheltier, das sie mitgebracht hat, als Zeichen ihrer laufenden Redezeit, guckt superinteressiert und sagt: Mama, ich wollte sagen, dass ich es echt gut finde, dass du dich um uns kümmerst und so und auch den Haushalt machst. Mit eurer Trennung kommen wir ja gut klar (Die Achtjährige haut sich währenddessen mit der rechten Hand auf die linke Schulter, als ob sie Schmerzen hätte, klärt mich aber rasch auf: Mama, das bedeutet gestische Zustimmung. Wir verschwenden so keine Zeit durch doppelt Sagen. Aha.).
Und ich wünsch mir, fährt die Kleine fort, dass wir Kinder uns lieber mit Worten zanken als mit Kloppen. Spricht und wirft das Kuscheltier zu ihrer Schwester. Die fängt und legt routiniert los: Ich finde, Mama, du solltest an deinem Verhältnis zu Papa arbeiten (die Kleine haut ihre Schulter). Und ich decke jetzt auch öfter den Tisch ab. Beide schauen mich an. Okay?
Krass Mann, Alter, ey Mann, sagt die Kleine, wir haben noch Zeit zum Legospielen.

Ich knete das Redezeittier und hasse Reformschulen, ich hasse Kompetenzmodelle, die mich so alt aussehen lassen wie meine Großmutter. Die jetzt wahrscheinlich aufmunternd gesagt hätte: Alte Vögel sind schwer zu rupfen.

Hausfrauenleitbild: große Gefühle

Es ist schon 10 Tage her, dass Martin Halter das neue Buch von Andrea Maria Schenkel besprochen hat. Aber erst heute dachte ich wieder an den Artikel und an die hässliche Verachtung, die den Text beflaggte.

Am frühen Morgen radeln meine Kinder vor mir her auf dem Bürgersteig. Aus einer tiefer gelegenen Garageneinfahrt schießt ein schwarzer SUV über den Gehsteig hinweg auf die Fahrbahn. Übertourig angefahren, mühsam kontrolliert. Das eine Kind auf seinem Rädchen nur um Weniges verfehlend.
Die Sorge um die Brut lässt auch besonnene Menschen ventilieren, also gehe ich rasch an die Fahrerseite, trete so fest es eben geht gegen das Auto und schreie ohne eine einzige Reflexionsschleife: „verdammte unfähige Hausfrau“.

Martin Halter hat am 10.4.2012 eine Rezension geschrieben, in der es nur am Rande um einen mittelmäßigen Krimi geht, im Kern aber um die obszöne Anmaßung einer Hausfrau, die mit ihrem Erstling enorm erfolgreich in die Manege des Literaturzirkus‘ eingestiegen ist. Immerhin wiesen die folgenden Bücher dann in eine absteigende Richtung, die der neue Krimi nun zementiert. Über den Erfolg sei ihre Ehe zu Bruch gegangen. Auch die „Unschuld des Anfangs“ sei zerrissen, leider.
Und am Ende der Besprechung dann vollends die Demaskierung: „Finstere bayrische Hinterwäldler (…): Das kann Josef Bierbichler in seinem Mittelreich dann doch besser als die Hausfrau in ihrem Zwischenreich zwischen Regensburg und New York.“
Der Autor Bierbichler erhält einen Vor- und Nachnamen, einen Hinweis auf seine Profession braucht der Leser auf Augenhöhe nicht. Die schreibende Hausfrau bleibt Hausfrau, ohne Zuschreibung, der Mühe nicht wert. Mag sie mit einem Bein noch so vorwitzig im Mekka der Literaturszene stehen, der andere Fuß klebt im provinziellen, ungebildeten, klar begrenzten und letztlich nicht Ernst zu nehmenden Hausfrauendasein.
Warum ist die Autorin Schenkel so schwer erträglich für den etablierten Kulturmenschen? Es wäre doch ein Leichtes, ihre Bücher einfach zu ignorieren. Doch die erfolgreiche Grenzüberschreitung einer Hausfrau kränkt den berufstätigen Kulturteilnehmer. Also wartet der Rezensent geduldig, bis das Leben sie straft, und zeigt dann auf das Weibsbild, auf die dumme Hausfrau, die den ihr angemessenen Platz verlassen hat.

Meine Tirade vor der abgedunkelten Scheibe speist sich zum größten Teil aus genau diesem Sumpf der Voreinstellungen. Auch in mir sitzt ganz tief  versteckt die Verachtung für die Wert erhaltende, unbezahlte Familienarbeit. Ich spüre noch den Nachklang des Hasses der Töchter auf die Mütter allein für all das, was diese Generation nicht gewagt hat.
Weiterlesen „Hausfrauenleitbild: große Gefühle“