In sieben Stunden um die Welt. Im Bus von Frankfurt nach Hamburg

Wann haben Sie das letzte Mal etwas zum ersten Mal getan? Die gewöhnlichste Strecke der Welt, die Fahrt von Frankfurt nach Hamburg, wird zum Abenteuer, wenn man das Verkehrsmittel wechselt. Die Welt in einer hellgrünen Nussschale. 

Die Deutsche Bahn mag unpünktlich sein, das Bistro geschlossen oder Züge mögen ausfallen – es ist trotzdem alles vertraut. Die Ansagen, Gepflogenheiten, Reservierung, Verhaltensweisen der Fahrgäste, die Schaffner und der verlässliche Standard aller Abläufe machen aus jeder Bahnreise die Wiederholung der letzten. Das ist zumeist angenehm, weil unaufdringlich. Wenn eine Bahnfahrt gut läuft, erinnert man sich nach der Ankunft nicht mehr an sie.

Eine kleine Straße südlich des Hauptbahnhofs. Ich betrete das Areal der Fernbusgesellschaft und fühle mich augenblicklich in einem anderen Land. Das hier ist anders. Anzugträger, ordentliche Reisende, Familien – das Durchschnittspublikum eines deutschen ICEs eben – sind weg.
Hippiemädchen, Studenten, zerknitterte Alte, Tüten, Rucksäcke, Zigarettenqualm, Wasserflaschen, Gerödel an jeder Bucht. Hinter der Schranke hängt ein Mann im gestreiften Campingklappstuhl und dirigiert mit seinem Ipad alle Bewegungen. Chillige Atmosphäre, keiner hetzt oder drängelt. Nichts hier fühlt sich nach Deutschland an.

Vor sieben Jahren wurde das Personenbeförderungsgesetz von 1935 novelliert und Fernbuslinien dürfen seitdem auch solche Strecken bedienen, die bereits auf der Schiene von der Deutschen Bahn angeboten werden. Frankfurt – Hamburg zum Beispiel. Von meinen Nachbarn käme trotzdem niemand auf die Idee, einen Fernbus zu benutzen. Das ist was für Ausländer, Jugoslawen allgemein. Zwielichtig, schmuddelig, Südosteuropa.

Der Kontrolleur in leuchtgrüner Weste scannt die Handytickets und telefoniert währenddessen. Er ist so lässig und jung und gut gelaunt bei der Arbeit, dass es eine Freude ist.
Ins Mikro: »Ich geh Amsterdam.«
Scan, Lächeln. »Ticket korrekt. Suchst du dir Lieblingsplatz.«
Ins Mikro: »Bringst du Mustafa.«
Scan, Lächeln. »Korrekt. Feines Hemd, Bruda.«

Neben einem jungen Mann ist ein Sitzplatz frei. Saubere Fenster und Polster, Wlan, Steckdose, verstellbarer Sitz, die Ausstattung ist völlig ok. Überpünktlich fährt der Bus los, die Klimaanlage läuft, es ist leise. Ich schließe die Augen und fahnde in meinem Hirn nach größeren Geduldsvorkommen. Sieben Stunden soll die Fahrt dauern.
Mit geschlossenen Augen ist der Geruchssinn sensibler. Die Lüftung wirbelt mir von vorn einen Geruchsnote in die Nase, die mich an etwas erinnert. Ich stolpere durch Erinnerungen und Urlaube, suche in allen Ecken Europas und meines Gedächtnisses. Südlich, weiter südlich. Eher Spanien als Italien. Die Fähre setzte über von Algericas nach Tanger. Riecht es nach Meer? Nein. Lehmig, erdig, scharf, trockene Luft. Eine Spur zu intensiv. Schattige Restaurants und Kacheln an der Wand. Die Schärfe treibt kalte Schweißperlen auf den Nasenrücken. Ras el Hanout, das ist es. Damit war das Hühnchen gewürzt. Jetzt erkenne ich noch Kreuzkümmel und Muskat. Der Mann zwei Reihen vor mir kommt zweifelsfrei aus Nordafrika.

Schräg gegenüber, um einen Vierertisch gruppiert, reist eine Familie. Die junge Frau ist mit ihrem kleinen Mädchen und ihrer Mutter unterwegs. Schwarze Locken und drei identische Nasen lassen keinen Zweifel an der Verwandtschaft. Ich verstehe die Sprache nicht, doch in dem Singsang taucht wie ein Korken im Strudel ab und an ein Klang auf, eine Vokalfolge, die man glaubt zu verstehen, die ich eigentlich verstehen können müsste, so vertraut ist der melodische Italo-Klang. Rumänisch. Ich erinnere mich an Mălina, Studentin aus Sofia, die drei Monate bei uns war. Grundstudium in London, klug und ehrgeizig und von ihren Eltern ebenso wie ihre Brüder in die Welt geschickt, dass sie nie wieder in den Korruptionssumpf von Rumänien zurückkehren solle. Sie hatte uns als Gastgeschenk getrocknete Gewürze mitgebracht: Liebstöckel, Paprika und Bohnenkraut aus dem Garten ihrer Großmutter. Die Großmutter da drüben riecht jedenfalls wie Hulle nach kalten Zigaretten. Als sie aber einen Alubehälter auf den Tisch hebt, mit einem Handtuch umwickelt, damit die Speisen länger warm bleiben, und alle drei in Soße getränkte Kohlrouladen mit Liebstöckel essen, frage ich mich schon, ob Flixbus das Publikum gecastet hat, damit ich was erlebe.

Zur Gewissheit wird diese Vermutung in Göttingen. Dort steigt ein Paar zu, das es in der Wirklichkeit eigentlich nicht gibt. Beide sehr alt, die Frau gehbehindert, Hüte, zahllose Taschen, asiatische Gesichtszüge und – in chinesischer bäuerlicher Kleidung. Zumindest stelle ich mir so chinesische Bauern vor. In China habe ich keine Bauern aus der Nähe gesehen, aber wenn ich den beiden Hutzelalten von den Behindertensitzen des Fernbusses im Reisfeld begegnet wäre, hätte ich ein Foto gemacht. Sie sprechen chinesisch miteinander und ihre Essensvorlieben sind eine olfaktorische Herausforderung: Burger King. Krass viel Burger King.
Mein Nachbar hilft mir mit seiner Geschichte über diese Erfahrung hinweg. Der Arzt spricht nicht nur hervorragend Deutsch, sondern auch Englisch, Temne, Mende und Krio, spricht von Blutdiamanten, Rohstoffen und Terrormiliz. Aus Freetown in Sierra Leone ist die bürgerliche Familie nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs nach Europa geflohen, nur seine Mutter sei nicht mitgekommen damals, habe das Land nicht verlassen wollen. Als 2014 die Ebola-Epidemie in Liberia und Sierra Leone ausbrach, zählte sie zu den Todesopfern.

Auf die Minute pünktlich rollt der grüne Bus auf den ZOB in Hamburg. Ich bin weit gereist.

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