Conni lernt Patchwork

Wir alle machen Fehler. Manche machen allerdings große Fehler.
Lehnen beispielsweise aus dem Stapel der eingesandten Manuskripte Glanzstücke der Conni-Literatur ab. Kurz nicht aufgepasst und schon ist die allerwitzigste, zeitdiagnostisch brillanteste, originellste Prosa abgelehnt.
Weil aber bald Weihnachten ist, und weil es zu Weihnachten Geschenke gibt, erscheinen sie hier: hervorragende, kommentarlos abgelehnte Texte.
Heut ist das Leben ein Ponyhof, Ihr habt die Wahl. Welches abgelehnte Conni-Abenteuer wollt Ihr vor dem Fest noch schnell lesen?

EXKLUSIV!! Verkannt und abgelehnt:

Conni lernt Patchwork

Seit Stunden regnet es. Bei diesem Wetter kann Conni nicht zu ihrem Pony Mausi. Conni möchte mit Mama backen, doch ausgerechnet heute ist der Patchwork-Kurs, auf den Mama sich immer so freut. Die bunten Stoffquadrate liegen schon auf dem Tisch bereit. Mama will eine hübsche Decke für Conni daraus machen.
»Ich will auch Patchwork lernen«, sagt Conni.
Mama nickt eifrig und geht zum Telefon. Sie führt ein paar Gespräche, das kann Conni hören, dann kommt sie in die Küche zurück. »Ich habe einen Patchwork-Kurs für Kinder gefunden.«
Als sie im Auto sitzen und Richtung Innenstadt fahren, wird Conni aufgeregt. In diesem Viertel war sie noch nie. Überall Häuser. Conni mag die schönen Gärten in ihrer Straße viel lieber. Endlich stehen sie vor dem Haus mit der Nummer 69. Conni schaut sich die Klingelschilder an: Auf fast allen stehen mehrere Namen, manche sind mit Kuli reingekritzelt. Unordnung macht Conni nervös. Aber Mamas Griff um ihre kleine Hand ist eisenhart. Sie will wirklich zu ihrem Kurs.

Im zweiten Stock öffnet jemand die Wohnungstür. Mama schiebt Conni über die Schwelle und schon hört Conni sie die Stufen hinunterklackern. Mama trägt Klackerschuhe zum Patchwork-Kurs.
Im Flur fliegen Schuhe und Jacken durcheinander, so ein Chaos hat Conni noch nie gesehen. Zwei Jungs und ein Mädchen sitzen am Küchentisch.
»Vergiss die Nummer mit dicke Freunde werden, neue Familie und füreinander da sein. Ich kann deinen Vater nicht leiden«, sagt das Mädchen zu Conni, »und dich kann ich auch nicht leiden, das seh ich schon«.
»Aber die Patchwork-Decke … ich wollte.« Conni fühlt sich nicht gut.
»In Deckung können sie bald alle gehen samt ihrem Patchwork.« Conni versteht nicht, was der Junge meint, der am Tisch mit komischen Sachen hantiert. Dass man aus einer Flasche und einem Lappen ein hübsches Weihnachtsgeschenk basteln kann, hat Conni nicht gewusst.
Der andere Junge knallt mit dem Daumen ein Feuerzeug an. Jedes Mal, wenn die Flamme zündet, ruft er BUMMMM! und schlägt mit der flachen Hand laut auf die Tischplatte. Conni traut sich nicht zu sagen Messer Schere Feuer Licht. Sie setzt sich an den Tisch, hört den Kindern zu und wartet, dass die Zeit um ist.
»Verzieh dich, geh weg«, sagt das Mädchen irgendwann.

Connis Unterlippe zittert, als sie endlich auf dem Rücksitz von Mamas Autos sitzt. Mit einem strahlenden Lachen dreht Mama sich zu ihr um. »Mein Schatz, das war spannend, oder?« Ehe Conni sagen kann, dass es ihr überhaupt nicht gefallen hat, redet Mama schon weiter. »Ich habe eine Überraschung für dich. Wir machen jetzt oft Patchwork. Guck mal, wer mitmachen will. Das ist Mark.«
Ein Mann öffnet die Autotür und steigt neben Mama ein. Ganz dicht sitzt er neben ihr, als er sich auch mit einem strahlenden Lachen zu Conni umdreht. Er riecht komisch, die ganze Luft im Auto riecht nach ihm.
»Ich freu mich echt, Conni, dass wir dicke Freunde werden, irgendwie sind wir ja jetzt eine neue kleine Familie. Weißt du, ich hab deine Mama sehr lieb und für dich bin immer da. Ich fahr dich auch zu deinem Pony, wenn ich bei euch wohne.«
Er sagt noch viel mehr, was Conni aber nicht mehr hört, weil sie im Rückspiegel die drei Kinder aus der Haustür kommen sieht. Der eine Junge hat das Weihanchtsgeschenk in der Hand. Conni öffnet die Autotür, und zwischen dem Augenblick, in dem sie auf die Kinder zutritt, mit dem rechten Arm auf den offenen Wagen zeigt, mit der linken Hand auf einen unsichtbaren Tisch schlägt, mit den Lippen ein unhörbares BUMMM! formt und dem Moment, als das Geschenk auf ihrem Sitz landet und sofort explodiert, vergeht keine Zeit.

Der Mann hatte eine grüne Jacke an. Die Autositze waren dunkelrot, Mamas Strümpfe violett. Die Stoffquadrate passen nicht alle genau aneinander, aber die Decke, die Conni auf dem Bürgersteig legt, gefällt ihr trotzdem. Eine hübsche Patchwork-Decke.

 

 

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