Unapologetically feminine: Frauenbild für den Sommer 2016

Balenciaga-Kampagne Sommer 2016 via WGSN

(c) Balenciaga, SS 16, via WGSN

Das Reizvolle, immer wieder Anziehende an Modeschöpfungen und ihrer fotografischen Inszenierung ist Saison für Saison das freie künstlerische Spiel, weit hinausgreifend über jede Notwendigkeit von Bekleidung. Ästhetische Vision und Verlockung, großes Handwerk und lässige Verschwendung, Können, Schönheit und Stil in einer Geste der Verführung vereint.
Auf ihrem schönen Fuß tanzt die Mode im Ballsaal des Kunstpalastes, auf dem anderen balanciert sie auf dem unebenen Kontorboden des Marktes. Diese Dehnübung gehört zur Prêt-à-porter-Mode, eine Anstrengung, der sich auch Galeristen oder Verleger mit jeder Ausstellung, mit jedem Programm unterziehen müssen. Anders jedoch als ihre Schwestern übt die Mode eine Schwindel erregende Bildmacht aus.
Mode zielt aufs Äußere und trifft ins Innerste: Sie entwirft Selbstbilder, schneidert Akzeptanz, kleidet Sehnsüchte ein. Die großen Modemarken schicken ihre Botschaft weltweit durch die Verwertungsketten, lancieren ihre Bilder, mit üppigen Werbebudgets ausgestattet, in allen Medien und öffentlichen Räumen, inszenieren in Perfektion ihre Objekte, deren Abglanz selbst noch in billigen Kopien auf den Schulhöfen den Wert der Trägerin steigern. Eine Millionen Menschen folgen Balenciaga auf Instagram, mehr als eine Millionen auf Facebook, eine halbe auf Twitter.
Man muss der Mode keinen allzu großen Wert beimessen, doch ernst nehmen darf man sie und genau hinschauen auch.

Die letzte Arbeit des Chefdesigners Alexander Wang vor seinem Ausscheiden ist die Damenkollektion Frühling-Sommer 2016. Die Kollektion ist das Fest, das Hochamt zu Ehren einer Farbe: weiß. Ein Défilé von Rein-, Schnee-, Blüten-, Lilien, Perl- und Milchweiß, Elfenbein und Creme in allen Schattierungen. Loungewear und Spielanzüge sind aus Seide, Satin, Voile, reiner Baumwolle und feinstem Leinen gearbeitet. Durchsichtige Spitzendessous treffen auf transparent geschichtete Bustiers mit flatternden Bändern, Volants und Krausen umspielen hoch angesetzte Taillen, darüber durchbrochene Empire-Leibchen mit Kaskaden-Rüschen, Spitzeneinsätzen, Krausen, üppigen Schleifen, Litzen, Tressen und gestickten Bordüren. Gesmokte, bauschige, bauchfrei getragene Oberteile mit applizierten fedrigen Girlanden und Perlenbänden lassen hauchzarte Strick-Slips mit kostbaren Paspelierungen und Lochstickereien erkennen. Es weht und flattert weich, flaumig, schmiegsam, nachlässig, fransig, durchscheinend, nachgiebig, rein.
Als „unapologetically feminine“ feierte die Vogue in ihrer Hymne die Arbeit: feminin ohne Abstriche, ein rückhaltloses Bekenntnis zur Weiblichkeit.

Die Fotografie oben ist ein key visual der Kollektion.
Transparente, ornamental bestickte Vorhänge filtern kaum das blendend helle Licht. Die Zierleiste des Fensterrahmens lässt ein großbürgerliches, städtisches Altbauambiente erahnen. Paris, die abgegriffene Chiffre der Mode schlechthin, wird herbeizitiert. Ein überaus elegantes helles Louis Quinze-Sofa mit filigranem goldenen Rankenwerk, Signum einer so feinsinnigen wie kultiviert-kapriziösen Epoche, steht eindrucksvoll in der hinteren Bildmitte. Hoch einfallendes Licht und leichte Kleidung suggerieren einen sommerlichen Mittag.

Zoe Kravitz und Anna Ewers sitzen nebeneinander auf diesem Sofa.
Derangiert, erschöpft, ja abgeschlagen. Jede Spannung scheint ihren Körpern entwichen. Ewers‘ Kopf lehnt schwer, in überstreckter Pose, ans Polster gelehnt, die zarte weiße Kehle über dem Schwanenhals ungeschützt dargeboten. Die Schultern eingesunken, schlaff. Ein Trägerband ist den Arm hinuntergeglitten. Die Arme von Zoe Kravitz liegen kraftlos neben dem Körper, nicht einmal die glänzend-schwellenden Lippen vermag sie noch geschlossen zu halten. Der offene Mund: Zeichen der Entkräftung, Selbstvergessenheit und Willigkeit, Privileg der Debilen wie der Kleinkinder. Ihr Blick unter halb geschlossenen Lidern ist vollkommen leer, starr in einer Weise, wie sie nur Rauschmittel, haltlose Übermüdung oder Traumatisierung hervorrufen. Auch das Hair doing verweist auf zurück liegende Abenteuer – sorgsam gesträhnt, aufs eleganteste abgewirtschaftet.

Wo mögen diese jungen Frauen so zerschlagen und halbnackt in ihren Spielanzügen wohl herkommen? Sie erwecken jedenfalls den Eindruck, als wären sie überfahren, verkauft, betäubt oder vergewaltigt worden. Oder alles der Reihe nach. Gerettet in letzter Minute warten sie im elterlichen Salon darauf, dass das Badewasser die richtige Temperatur hat.

Die Inszenierung einer nachgerade biedermeierlichen Fantasie ruft alles herbei, was zeitgeistig hoch im Kurs steht: handwerkliche Qualität, feinsinnigen Eskapismus und geschmackvolle Beschaulichkeit. Die Weiblichkeit in weißen Bordüren, diese bauschig-gefetzte Schmiegsamkeit aus edlem Linnen schmückt darin vortrefflich. In diesem Ambiente entfaltet sich genießerisch im Auge des Fotografen eine Weiblichkeit, in deren Kern verfügbare Passivität steht.
Das nachgiebig-weiche Flaumige ist hart rangenommen worden. Die Welt da draußen hat scharfe Kanten. Wir lassen unseren Mädchen schon mal das Badewasser ein.

2 Gedanken zu „Unapologetically feminine: Frauenbild für den Sommer 2016

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