Einerseits und andererseits

Für L. – as a token of friendship

Im Alltag rede ich manchmal über Tage hinweg wenig. Ich meine, richtig reden, mit Erwachsenen, über Themen, mit zuhören, nachfragen und anschauen. Ich sage zur Kassiererin Danke und zur Erzieherin Wieso hat das Kind schon wieder keine Mütze auf?, ansonsten arbeite ich tagsüber still, rede abends an die Brut hin und höre nachts Deutschlandfunk. Zudem ist die Lust am Gespräch in Norddeutschland ungefähr so verbreitet wie der Pockenvirus. Eine angemessene Antwort auf die Frage Wie geht’s? lautet entweder Und dir? oder Wie aufmerksam, dass du fragst. Ab und an aber gibt es wieder diese Tage, da heißt es mit Benn:

(c) Dieter Schwer

Kommt, reden wir zusammen
wer redet, ist nicht tot.

Sozialpsychologen behaupten gern, die Mitte der sechziger Jahre Geborenen seien eine unauffällige Generation. Zu spät für Aufbruch und sexuelle Befreiung, zu früh für die digitale Wende. Eine Generation ohne Kämpfe und Kontur, ohne Ideologie, Moral und Erfindungsgeist.

Nach einer herrlichen Nacht kann ich sagen: Geht mir doch weg mit Kontur und Moral. Hoch lebe das Reden. Wenn wir etwas können, dann reden, zweifeln und Haltung bewahren. Mit Menschen, die ich seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen habe, rede ich nach Minuten wieder über die wichtigen Sachen:
Kunst, Ehebruch, den jungen Liebhaber der Frau, den jungen Liebhaber des Mannes, die einfachen und die schwierigen Kinder, die Angst vorm Altern, Musik in Seattle, nervige Patchwork-Familien, sexuelle Erfahrungen und finanzielle Fragen, den Mangel an Sex, den Literaturmarkt, Scheidung, Sterben, Midlife-Krisen und Urlaubspläne, Versagensängste, Erfolg, Kleingärten, kranke Eltern, Mode in L.A., über Machtstrukturen, Varoufakis, den DJ (oh, oh), Männer in Elternzeit, Architektur, die Liebe, den Augenblick, Ausschweifung, Askese, über Geschwister, Bauchoperationen, die Frauenfrage, Paris und den Hundsrück, die Kindheit in Schwaben, Arbeit, Alimente, Marihuana-Anbau, Stiefkinder und Pendelbeziehungen, über besseres Scheitern und verpasste Möglichkeiten, Erinnerungen an Portugal, falsche Partnerwahl, guten Wodka und Tantiemen.

Keine Generation gestaltet ihre Lebensentwürfe so konsequent im ständigen Versuch, in der Auseinandersetzung, im Neuanfang und im Scheitern. Es gibt nämlich keine traditionellen Lebensentwürfe für Familien nach dem Ende des Ernährermodells, keine tauglichen Vorbilder für Patchwork oder Homosexuelle in Führungspositionen, für serielle Monogamie, ständige Stadtwechsel, offene Beziehungen oder gebrochene Arbeitsbiografien.
Wir haben als Provinzküken angefangen mit Wählscheibentelefon auf dem Sideboard, und wir hören nicht auf zu experimentieren, zu streiten, zu verzweifeln, zu verhandeln und nachzuverhandeln. Einerseits, andererseits. Die patriarchale, hetero-normative Haus-Boot-Was war das Dritte-Nummer kann man ohne viele Worte durchziehen, für alles darüber hinaus braucht man Freunde, mit denen man bedenken, besprechen, probieren und abwägen kann. Also widmen wir uns redend der Arbeit und der Liebe, den Kindern, dem Alltag und der Kunst, bewahren Haltung und genießen den Augenblick. Den anderen lassen wir die Moral.
Kameraschwenk hinunter auf die leere Kreuzung, die jemand, um uns zu erfreuen, aus einem Cassavetes-Film in den Morgen hineingeschnitten hat.
Wir sollten Schluss machen für heute.
Einerseits. Andererseits denke ich gerade …    

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