Schule, the Monster under your Bed

(cc) Marc Palm

Monster (cc) Marc Palm

Neulich las ich auf faz.net einen Artikel zum Thema Schulwahl. Die Autorin Julia Bähr berichtet von den Schauläufen, die weiterführende Schulen neuerdings veranstalten müssen, damit sie angewählt werden, und die man als Eltern besuchen muss, um nur ja den optimalen Bildungsort für den Nachwuchs zu ergattern.
Bähr schlingt noch einen Faden in den Text hinein: Ekliger Turnhallengeruch löst Erinnerungen an ihre eigene Schulzeit aus.

In dem Artikel der FAZ kam auch das Wort Lateiner vor, das nur Menschen benutzen, die an einem Gymnasium arbeiten. Das Wort begleitete mich, während ich Papiere zur Hamburger Schulpolitik durchforstete, und führte mich durchs lichte Assoziationsgebüsch zu meinem alten Lateinlehrer Dr. W., an den ich – das sei hier offen zugegeben – sehr lange nicht mehr gedacht habe. Ein begeisternder und umfassend gebildeter Altphilologe, für den Pädagogik auf einer wissenschaftlichen Stufe mit Aberglauben stand.

Später am Tag – Mutter kocht, Kinder machen Hausaufgaben in der Küche (ja, so wie auf einer Postkarte aus der Kindheit) – hob Kind 1 unvermutet ab: dass Schulnoten nur ausdrückten, dass Kinder nicht ernst genommen werden. Dass Lehrer Noten vergeben statt sich mit Idee zu befassen. Dabei sei sie manchmal verwundert über sich selbst. Es sei im Grunde unglaublich, was sie alles an schwierigen Einzelheiten über die Welt wisse und lerne und der Tag nicht mehr fern, da sie ihre Wissensbausteine zu einem großen, beweglichen Bild zusammensetzen würde, und dann könne ich einpacken. Ehrlich gesagt, glaube ich das auch, aber ich war berührt von dieser Begeisterung über das eigene Wissen und dem wunderbaren Größenwahn.
Kind 2 malte unterdessen Gespenster ihr Matheheft und behauptete schließlich, Schule sei ein einziger Fake. Sie jedenfalls habe keine Lust mehr, die nächsten Jahre die Antworten zu geben, die die Lehrer von ihr hören wollten, um sich anschließend mit einer guten Note belohnen zu lassen. Sie sei kein Hundchen.

Da auf meiner Gehirnlandkarte ohnehin ein Fähnchen bei Dr. W. gesetzt war, sprang die Erinnerung leicht hinüber zu Schwester U., meiner Deutschlehrerin während vieler Schuljahre, die motivationsschwachen Gemütern trocken empfahl: „Dann machen Sie das eben ohne Lust.“

Als ich endlich entkräftet im Bett lag, war mein Bewusstsein ausreichend perforiert, auf dass mühelos die Erinnerung an einen Traum aufsteigen konnte, der seit Jahrzehnten vergessen war. Und ehe ich diesen Eins-A-Albtraum in die Freiheit setze, möchte ich betonen, dass Schwester U. eine ausgezeichnete Lehrerin und außergewöhnliche Ordensfrau war, so wie Dr. W. ein unermüdlicher und bewunderter Lehrer. Ich bin auch eitel genug anzufügen, dass meine schulischen Leistungen in Mathematik mit sehr gut bewertet wurden, auch wenn ich den Namen des Mathelehrers vergessen habe. Einzelne Menschen können hervorragend arbeiten, das System aber ist im Grund verdorben.

Noch Jahre nach meiner Schulzeit brachte sich das Monster unter meinem Bett in Stellung.

Ich sitze an einem Einzeltisch in einer exakt geraden Reihe von Einzeltischen, drehe den Bogen mit den Abiturprüfungsaufgaben in Mathematik um, und in dem Augenblick, als ich die Aufgaben sehe, fällt mir auf, dass ich vier Halbjahre lang vergessen habe, die Mathematikkurse zu belegen. Aussichtslos, auch nur eine Frage zu beantworten. Ich habe vergessen, in Mathe zu gehen.
Ich schiebe leise den Stuhl zurück, verlasse den Saal und stehe kurz darauf unten in der Halle, die architektonisch die gelungene Kopie eines Gefängnisses vor der Strafvollzugsreform bildet: umlaufende Galerien und an der Stirnseite über die Höhe von drei Stockwerken der Schriftzug
EINER IST EUER LEHRER: JESUS CHRISTUS
Als Träumende spüre ich das Panikadrenalin meines Traumselbst. Das Angstgefühl flutet durch meinen Körper.
Ich habe versagt.
Als Träumende schwitze ich, als Traumselbst zerberste ich unter dem Druck. Es ist vorbei.  Zwei Jahre lang habe ich nicht bemerkt – hat niemand bemerkt, dass ich keinen Mathematikunterricht besuche. Ich kann nichts. Vorbei, durchgefallen.
Da sehe ich, dass Schwester U. neben mich tritt, den Blick fest auf Matthäus gerichtet. Der steingraue Sommerhabit lässt sie noch strenger aussehen als der schwarze für Herbst und Winter. „Hören Sie sofort mit diesem unerträglichen Selbstmitleid auf. Gehen Sie zurück an Ihre Aufgabe, Sie haben noch vier Stunden. Ich erwarte von Ihnen mehr als eine nur eine zufriedenstellende Leistung.“
Während ich nach oben gehe, zurück in den Prüfungssaal, zeigt das Monster seine ganze Monstrosität, indem es von mir ablässt. Ich wache auf.
Und erfahre nicht, wie diese Prüfung verlaufen ist.


Ganz ohne Frage: Die Schulen müssen verbessert werden. Inklusion, Entkoppelung von sozialer Herkunft und Bildungskarriere, funktionierende Klospülungen und essbares Essen – brennende Themen. Es beruhigt mich auch ungeheuer, dass die rot-grünen Koalitionsgespräche trotz Schuldenbremse eine Etaterhöhung für die Schulbehörde ergeben haben.

Aber ganz am Ende ist es doch so: Das Zurichtungssystem bleibt unangetastet. Und wie Carola Ebeling heute in der ZEIT über den Roman „Aberland“ von Gertraud Klemm schreibt:
„Es ist ihr ernst mit der Unhaltbarkeit der Zustände.“

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