Fwd: Strukturelle Ursachen verlangen strukturelle Lösungsansätze

form follows functionJa, natürlich interessiert es mich brennend, welches Kleid Michelle Obama heute trägt.
Aber solange sie sich im Ritz Carlton frisch macht, bleibt Zeit, auf das Papier des Verbands alleinerziehender Mütter und Väter zu schauen, das schon vor einer Woche in Berlin veröffentlicht wurde und das, wie ich finde, echolos ins Wahlkampfgesums schallt. Dabei sind die Forderungen eine starke und umissverständliche Ansage, die jedem einzelnen Wahlkampfstrategen gleißende Kopfschmerzen und Schweißflecken unter den Armen bereiten möge: 1,7 Mio Wählerinnen laufen da draußen frei rum.

Armut von Alleinerziehenden und ihren Kindern ist kein privates Schicksal, sondern Ausdruck ihrer gesellschaftlichen Benachteiligung.

Die zehn Forderungen:
1. Staat in Verantwortung: Armutspolitik als Querschnittspolitik umsetzen und Schere zwischen Arm und Reich verkleinern
2. Armut von Alleinerziehenden und ihren Kindern in allen Lebensphasen durch eine gleichstellungsorientierte Familien- und Arbeitsmarktpolitik verhindern
3. Sozialleistungen existenzsichernd und teilhabeorientiert anheben (SGB II, XII)
4. Einführung einer Kindergrundsicherung
5. Gleichstellung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt mit wirksamen Instrumenten (Abschaffung Minijobs, Entgeltgleichheit, Quote, Teilzeitausbildung und -studium ermöglichen) durchsetzen
6. Einführung eines gesetzlichen und flächendeckenden Mindestlohns – Niedriglohnsektor eindämmen
7. Ausbau qualitativ hochwertiger, bedarfsgerechter und gebührenfreier Bildungs- und Betreuungseinrichtungen für alle Kinder, Schule als Sozialraum gestalten
8. Unterhalt sichern: Zahlungsmoral stärken, Unterhaltsvorschuss ausbauen
9. Entlastungsbetrag in Steuerklasse II für Alleinerziehende deutlich anheben
10. Gesetzliche Rentenversicherung und den Erwerb eigener Rentenansprüche von Frauen und Müttern stärken, Anerkennung von 3 Jahren Kindererziehungszeiten in der Rente auch für vor 1992 geborenen Kinder

Dass ihre Kinder häufig in Armut leben müssen, ist eine schwere Last für Alleinerziehende. Die meisten von ihnen verzichten auf eigene Belange und geben alles, um ihren Kindern Teilhabe zu ermöglichen. Alleinerziehende sind nicht überproportional arm weil sie allein erziehen, sondern erstens weil sie größtenteils Frauen sind und zweitens weil sie Mütter sind. Ihre Benachteiligung hat strukturelle Ursachen und ist mitnichten rein individuell begründet. Der Gesetzgeber verlangt von Alleinerziehenden besonders seit der Unterhaltsrechtsreform finanzielle Eigenständigkeit, doch die entsprechend notwendigen Rahmenbedingungen fehlen.

Jetzt prüft Michelle wahrscheinlich gerade den Sitz ihrer Oberarme – viel Zeit bleibt mir nicht mehr. Aber es reicht noch, um mich zu fragen, wer in Berlin sich wohl von den Forderungen angesprochen fühlt und angemessen mit einer Stellungnahme reagiert. Eine Person, ein Büro in „der Politik“ müsste doch zu finden sein, eine ganze Partei erwarte ja nicht. Hektisches Gegoogle bringt kein Ergebnis. Ich finde keine veröffentlichte Reaktion.
Auf der anderen Seite ist eine Woche keine Zeit im politischen Berlin. Gauck hätte schon die Minute gehabt, um seine Krawatte vor dem Schloss gerade zu hängen.

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