Endlich dreißig: Qualitätsjournalismus auf Cicero

Ver|blẹn|dungs|zu|sam|men|hang, der (Sozialphilos.): Zusammenhang zwischen gesellschaftlichem Sein u. daraus sich bildenden falschen Vorstellungen vom Wesen der bürgerlichen Gesellschaft.

Privilegierte Frauen – Schluss mit dem Quotengejammer!, das ist die Überschrift eines Artikels, der heute auf Cicero online veröffentlicht wurde. Der Autor hält sich nicht mit Überlegungen auf, sondern schreibt sich in lässigem Jargon von der Seele, was er so über Männer und Frauen und deren konkurrente Situation auf dem gesellschaftlichen Markt zu berichten weiß.
Frauen liefen bis zum 30. Lebensjahr außer Konkurrenz, da ihre natürlichen körperlichen Vorzüge sie gegenüber den Männern privilegierten: in der Schule und beim Abitur, im Studium, auf dem sozialen Parkett, beim beruflichen Einstieg. Im Alter von etwa dreißig Jahren hingegen habe der Mann seine gesellschaftliche Identität und Stärke erlangt und käme – souverän im Kampf gestärkt, seiner selbst gewiss und wohlverdient – endlich an die Macht, wo er sich für den Rest seines Lebens hielte.
Den vielen, insbesondere gutbürgerlichen Frauen aber, die nun verständlicherweise um ihr verlorenes natürliches Privileg weinen und es durch ein normatives, politisches ersetzen wollen, kann man nur ehrlich und verständnisvoll zurufen: Ihr habt es lange genug leicht gehabt – jetzt sind wir an der Reihe!

Einen kurzen Moment lang mag der Leser oder die Leserin glauben, es handele sich um Satire. Der alltagssprachliche Gestus und die jugendlich-streitlustige Manier verleiten zu dieser Annahme. Doch kein Hinweis im Textverlauf, keine Genauigkeit stützen die vage Hoffnung.

Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Gesagten ist nicht nötig. Der Text ist sprachlich so wenig gelungen wie inhaltlich irrelevant und lächerlich. Selbst küchenpsychologisch nur mittelinteressant. Was mich aber umtreibt, ist die Frage, warum Christoph Schwennicke, der Chefredakteur, eine Veröffentlichung für richtig hält. Wahrscheinlich sitzt er auf diesem Stuhl, weil er seine Leser sehr gut einschätzen kann.

1.000 Leser bis jetzt empfehlen ihren Freunden auf Facebook den Artikel. Ich vermute noch nicht einmal, dass all diese Menschen nur schlichte, misogyne Frösche sind. Weit wahrscheinlicher scheint mir, dass sie, wie ein Leser in seinem Kommentar schreibt, den Text „erfrischend“ finden. Endlich einer, der sich traut, gegen den Mainstream zu schwimmen! Endlich einer, der sich nicht duckt unter dem Büttel der politischen Korrektheit und mit einem einverständigen Augenzwinkern sagt, was bei allem Gerede über die Gleichberechtigung schließlich auch wahr ist: Die süßen Miezen haben es leicht, lutschen einmal einen Schwanz und sitzen schwups! auf dem Beifahrersitz der dicken Schlitten oder haben das Diplom in der Tasche.
Welche Erleichterung muss es für die Leser von Cicero und ihre zahlreichen Freunde und Freundesfreunde bedeuten, dass jemand das Ventil geöffnet hat für ihren aufgestauten Überdruss und ihre Ängste.

Wenn die Schenkelklopfer aufgehört haben zu lachen, werden sie womöglich erleben, dass wir nicht auf ihre Einsicht warten.
In anderen Ländern werden Leute mit den Stimmen von Schwanzlutschern allgemein, schwarzen Schwanzlutschern, Latino-Schwanzlutschern und homosexuellen Schwanzlutschern immerhin zu Präsidenten gewählt.

Ein Gedanke zu „Endlich dreißig: Qualitätsjournalismus auf Cicero

  1. Ich bin Pirat und als solcher lernt man, bestimmte Medien einzuschätzen, die sehr parteiisch berichten. Die Welt (CDU) teilt zum Beispiel ununterbrochen gegen die Piraten aus und Cicero (SPD) genauso. Aber will nicht über die Piraten berichten, sondern über den launischen Männer-Club, der seine einseitige Agenda als möchtegern-intelektuellen Politjournalismus deklariert.

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