Promenade durch parzellierte Landschaften

In meinem Leben passiert gerade nicht viel. Was gut und schlecht ist. Ich nehme mir Zeit zu beobachten, lasse mich in meinen Meinungen verunsichern, wandere in Debatten umher und schaue darauf, wie sie geführt werden.

Wo wir gerade über Sprache reden: Die Böll-Stiftung hat eine Studie  in Auftrag gegeben. Die Nautilus Politikberatung legte dieser Tage das Ergebnis vor: eine sprachbasierte Lageanalyse „Diskurs mit den Piraten„, die den Wort- und Sprachgebrauch in der internen und programmatischen Kommunikation der Piratenpartei auswertet und Empfehlungen für eine grüne Diskursstrategie gibt. Ich erlaube mir, hier nur die bunte Tagcloud der meist verwendeten Begriffe auf Seite 10 der Zusammenfassung anzuschauen: Konzept, Idee, System, Pirat natürlich, Euro und Meinung sind prominent repräsentiert. Das Schlagwort Frau taucht einmal verschwindend klein auf, nirgendwo Emanzipation, Gleichstellung, Geschlechtergerechtigkeit oder Teilhabe. Auch Genderpolitik – nichts, gar nichts. Da staunst du nicht, um mit dem Brenner zu sprechen, sprich Neo-Liberalismus.
Dabei haben einige Piratinnen letzte Woche eine politisch wie medial außerordentlich gelungene Aktion initiiert und durchgezogen. tits4humanrights hat es nicht nur erreicht, mediale Aufmerksamkeit für den Protest der geflüchteten Menschen am Brandenburger Tor zu erzeugen, sondern zugleich die sexistische Haltung und Sensationsgier der Presse in einer lässigen Volte vorzuführen.
Oh, Wendung. Da biege ich ab zum Bündnis Pro Quote. Die Initiative setzt sich für eine verbindliche Frauenquote von 30 Prozent bis zum Jahr 2017 auf allen Führungsebenen in Print- und Online-Medien ein. Nun hat die ZEIT in Person des Chefredakteurs Giovanni di Lorenzo sich dieser Forderung geöffnet und im Sinne einer gewünschten Diversifikation der Führungsebene eine Frau als stellvertretende Chefredakteurin bestellt. Anlass für eine spannende Auseinandersetzung, die das Missy Magazin mit harten Bandagen eröffnet. Der offene Brief an Pro Quote stellt die Frage, ob es reicht, einfach nur eine Frau zu installieren oder ob Inhalte, feministische Positionen und kritischer Journalismus nicht das entscheidende Moment seien. Ich wünsche mir, dass diese schwierige und grundsätzliche Diskussion geführt wird, von allen Beteiligten, und nicht notwendigerweise an der einen Person. Ist es sinnvoll, sich für eine höhere Frauenquote einzusetzen, auch wenn eine Frau keine feminsistischen Positionen vertritt? Oder die politisch vermeintlich falschen?
Zu welchen alt bekannten Verkrustungen Frontbildung führt, kann man in der netzfeministischen Szene lesen:

… weil sich aus der weißen worklifebalance-karrierehetera mit kind nun mal keine feministische politik formulieren lässt, die für viele menschen interessant und wichtig ist. (…)

Da staunst du nur, würde der Brenner sagen. Erstaunen quasi Hilfskonstruktion.
Staunenswert am Wegesrand auch das Easterlin-Paradox. Ökonomische Theorien gehen im Grundsatz davon aus, dass materieller Wohlstand auch mehr Lebensglück bedeutet. Der Amerikaner Easterlin nun legte bereits in den siebziger Jahren eine Untersuchung vor, die aufzeigte, dass ein steigender Lebensstandard nicht mit größerer Zufriedenheit korreliert. Wohlstand bringt erst im Vergleich zum Nachbarn mehr Lebensglück. Wenn ich mehr hab als du, mein Auto größer ist als das von meinem Schwager und mein Gehaltsscheck dicker als der meines Kollegen. Entscheidend für die subjektive Glückserfahrung ist der soziale Status, den Geld mit sich bringt. Dabei sind es vor allem die Männer, die erst im Vergleichen ihr Glück fassen können.
Ein erhellendes Instrument zum Spaßverderben ist das Gender Budgeting. Auf der Landesmitgliederversammlung der Hamburger Grünen am letzten Wochenende weist dieser Bericht aus, dass männliche Mandatsträger deutlich höhere Reisekosten bei gleicher Reisetätigkeit verursachen als Mandatsträgerinnen. Sind die Frauen einfach nur bescheiden aus Tradition oder gehen sie verantwortungsvoller mit finanziellen Ressourcen um? Nach welchen Schrittfolgen wird die politische Debatte geführt?

A propos Tanz: Auf dem Tisch liegt eine Einladung zum förmlichen Gesellschaftsabend.
Sagt Kind 1: Ach Mama, das ist nichts für dich, du hast doch keinen Mann. Kind 2 ergänzt: Und kein Kleid.
Spießer. Dann tanze ich eben allein und nackig.

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