Schweig still, Schwester

Zungen Strafen - Sprechen, Moral und Sanktionen in Mittelalter und Früher Neuzeit

Heute gehts mir um ein etwas abseitiges Thema: der Vatikan und die US-amerikanischen Ordensfrauen. Im Kern also um Machtgefälle und patriarchale Realpolitik.

2006 erschien das Buch der Ordensfrau und 2007 emeritierten Professorin für Katholische Theologie  Schwester Margaret Farley: Just Love: a Framework for Christian Sexual Ethics. Eine Publikation zur christlichen Sexualethik, mit deren Inhalten der Vatikan ganz und gar nicht einverstanden ist.
Am 6. Juni 2012 nun veröffentlicht die Vatikanische Glaubenskongregation unter der Präfektur von Kardinal Levada eine Notifikation zu diesem Buch.
Sie haben verdammt lange gebraucht, die Chefideologen der reinen Lehre, um zu einem Urteil zu gelangen, das wenig Überraschungen birgt.

Zu den vielen Irrtümern und Zweideutigkeiten dieses Buches gehören die darin enthaltenen Aussagen über Masturbation, homosexuelle Handlungen, homosexuelle Lebensgemeinschaften, die Unauflöslichkeit der Ehe und das Problem von Scheidung und Wiederverheiratung.

Es folgen viele schöne klare Sätze:

… diese Behauptung stimmt nicht mit der katholischen Lehre überein … diese Meinung ist nicht annehmbar … diese Position ist nicht mit den Aussagen des Lehramts vereinbar … diese Auffassung widerspricht der katholischen Lehre … diese Sicht widerspricht der katholischen Lehre … steht in direktem Widerspruch zur katholischen Lehre auf dem Gebiet der Sexualmoral …

Professor Farleys Argumentation geht von dem Gedanken aus, dass menschliche Beziehungen von Recht und Wahlfreiheit bestimmt sein sollten – auch von dem Recht sich selbst gegenüber. Ausgehend von dieser Position plädiert sie dafür, das Bedürfnis nach Selbstbefriedigung aus dem Bereich der tabuisierenden Moral herauszuholen. Viele Frauen hätten erst mit der Masturbation ihre Lust und körperlichen Möglichkeiten entdeckt – etwas, „das ihnen in den Beziehungen zu ihren Männern unbekannt geblieben war“.
Sie spricht sich zudem für die Möglichkeit der Scheidung und Wiederverheiratung nach einer Scheidung aus, für das Recht auf Homosexualität und gleichgeschlechtliche Beziehungen.

Maureen Dowd kommentiert in der New York Times die Stellungnahme aus Rom:

Die Denunziation von Sr. Farleys Buch gründet sich in der Tatsache, dass sie die Welt, so wie sie ist, betrachtet. Sie verweigert dem Vatikan die Gefolgschaft, der sich strikt an eine tradierte, illusorische Weltsicht klammert, in der allein die Männer das Sagen haben. (…)
Sie haben das Gespür für richtig und falsch verloren.
Die Kirche hat die Krise grausam werden lassen. Die Hierarchie sollte das Buch als eine Schmähschrift gegen Erwachsene lesen, die verletzlichen Kindern Schaden zufügen, in dem sie sie sexuell missbrauchen. Sr. Farley bricht eine Lanze für den Respekt vor dem Individuum und für die freie Zustimmung zum sexuellen Akt. Das bedeutet, dass Vergewaltigung, Gewalt und Pädophilie niemals zu rechtfertigen sind.

Die männliche Hierarchie der katholischen Kirche hat den Missbrauch von Kindern durch Priester jahrzehntelang nicht nur geduldet, sondern auch gedeckt.
Nun schlägt sie mit der doppelten dogmatischen Keule den amerikanischen Ordenfrauen auf die Finger, die sie erstens nicht unter die Bettdecke und zweitens nicht in Angelegenheiten des Glaubens stecken sollen. Die Glaubenswächter kritisieren flankierend in einer zweiten Notifikation, die bereits am 18. Mai 2012 veröffentlicht wurde, die „radikal feministischen Thesen“ der amerikanischen Nonnenvereinigung LCWR (Leadership Conference of Women Religious). In ihrem täglichen Kampf gegen Armut und für soziale Gerechtigkeit sind die Ordensfrauen in Fragen der Sexualmoral, der Homosexualität und Verhütung von der Doktrin abgewichen. Der LCWR wird nun „zwangsreformiert“, wie die FAZ schreibt (13. Juni 2012, Seite 8). Drei Bischöfe sind von Rom als Aufseher über den Verband eingesetzt.

In einem Punkt widerspreche ich Maureen Dowd:
Nicht die Krise hat die Kirche grausam werden lassen. Nur eine grausame Kirche produziert diese Krise und sie reagiert in der ihr eigenen, geschlossenen Logik der Macht, die auf Unterdrückung und Strafe gründet.
Die karitative, erzieherische und soziale Arbeitsleistung der Ordensschwestern weltweit können sie ertragen, die Jungs der Kongregation. Den massenhaften Missbrauch von Schutzbefohlenen durch ihre Priester konnten sie gut ertragen, die Jungs der Kongregation. Aber die Vorstellung einer erfüllten weiblichen Sexualpraktik, die den Menschen mit sich selbst in Beziehung bringt, der Gedanke an tolerante Ordensfrauen, die Menschen stärken und respektieren – das ist schlicht zuviel und treibt sie zu dieser angesichts des Zustandes der Welt als überflüssig zu bezeichnenden Stellungnahme.
Toleranz hier und Abwehr dort gehören unauflöslich zusammen.

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