Hausfrauenleitbild: große Gefühle

Es ist schon 10 Tage her, dass Martin Halter das neue Buch von Andrea Maria Schenkel besprochen hat. Aber erst heute dachte ich wieder an den Artikel und an die hässliche Verachtung, die den Text beflaggte.

Am frühen Morgen radeln meine Kinder vor mir her auf dem Bürgersteig. Aus einer tiefer gelegenen Garageneinfahrt schießt ein schwarzer SUV über den Gehsteig hinweg auf die Fahrbahn. Übertourig angefahren, mühsam kontrolliert. Das eine Kind auf seinem Rädchen nur um Weniges verfehlend.
Die Sorge um die Brut lässt auch besonnene Menschen ventilieren, also gehe ich rasch an die Fahrerseite, trete so fest es eben geht gegen das Auto und schreie ohne eine einzige Reflexionsschleife: „verdammte unfähige Hausfrau“.

Martin Halter hat am 10.4.2012 eine Rezension geschrieben, in der es nur am Rande um einen mittelmäßigen Krimi geht, im Kern aber um die obszöne Anmaßung einer Hausfrau, die mit ihrem Erstling enorm erfolgreich in die Manege des Literaturzirkus‘ eingestiegen ist. Immerhin wiesen die folgenden Bücher dann in eine absteigende Richtung, die der neue Krimi nun zementiert. Über den Erfolg sei ihre Ehe zu Bruch gegangen. Auch die „Unschuld des Anfangs“ sei zerrissen, leider.
Und am Ende der Besprechung dann vollends die Demaskierung: „Finstere bayrische Hinterwäldler (…): Das kann Josef Bierbichler in seinem Mittelreich dann doch besser als die Hausfrau in ihrem Zwischenreich zwischen Regensburg und New York.“
Der Autor Bierbichler erhält einen Vor- und Nachnamen, einen Hinweis auf seine Profession braucht der Leser auf Augenhöhe nicht. Die schreibende Hausfrau bleibt Hausfrau, ohne Zuschreibung, der Mühe nicht wert. Mag sie mit einem Bein noch so vorwitzig im Mekka der Literaturszene stehen, der andere Fuß klebt im provinziellen, ungebildeten, klar begrenzten und letztlich nicht Ernst zu nehmenden Hausfrauendasein.
Warum ist die Autorin Schenkel so schwer erträglich für den etablierten Kulturmenschen? Es wäre doch ein Leichtes, ihre Bücher einfach zu ignorieren. Doch die erfolgreiche Grenzüberschreitung einer Hausfrau kränkt den berufstätigen Kulturteilnehmer. Also wartet der Rezensent geduldig, bis das Leben sie straft, und zeigt dann auf das Weibsbild, auf die dumme Hausfrau, die den ihr angemessenen Platz verlassen hat.

Meine Tirade vor der abgedunkelten Scheibe speist sich zum größten Teil aus genau diesem Sumpf der Voreinstellungen. Auch in mir sitzt ganz tief  versteckt die Verachtung für die Wert erhaltende, unbezahlte Familienarbeit. Ich spüre noch den Nachklang des Hasses der Töchter auf die Mütter allein für all das, was diese Generation nicht gewagt hat.
Daneben entspringt die verdammte unfähige Hausfrau aber auch einer anderen Quelle, die nicht allein deshalb vergiftet ist, weil sie vielleicht überheblich tönt. Es gibt diese Frauen in ihrer Haus- und Ehefrauenwelt. Sie sitzen in hohen Fahrzeugen, und vom Fahrersitz aus mag es scheinen, als bestehe Afrika aus Nationalparks.


Mein Vorbehalt ist am Ende mehr als bloß Ressentiment, Dogmatismus oder Neid, weil es ein Unterschied ist, ob eine Frau 1960 keinen Beruf ausübte, oder ob sie heute der hochbegabten Kinder wegen zuhause bleibt. Ich denke, dass die Entscheidung für ein Leben als Hausfrau keine Option ist. Auch wenn ich mich normalerweise bemühe, einzelne Menschen in ihrem So-sein zu respektieren. Schön differenziert (im Unterschied zu meinem gedanklichen Keulchen) argumentiert an diesem Punkt Antje Schrupp (Dogmatismus und Polemik im Feminismus anlässlich von Kristina Schröders Buch).
Es ist eine politische Entscheidung, sich dumm zu stellen, und es ist eine politische Entscheidung, Strukturen unangetastet zu lassen.

Zieht euch warm an, vielleicht wacht er ja noch mal auf, der alte überhebliche Feminismus mit seinen Rollenleitbildern. Dann zieht er los, die aufgerollte Zeitung in der Hand wie einst Pipilotti Rist die Blume, zersplittert plopp! die Autoscheiben emanzipierter Hausfrauen und zaubert hopp! dem Rezensenten eine mäßig kluge, etwas laute Quotenredaktionsleiterin bis zu seinem Renteneintritt vor die Nase.
Und ganz am Ende der Tour hebt er zart das Kinn noch der am schlechtesten schreibenden Hausfrau hoch. Und stellt ihr für jedes ihrer Bücher einen knallharten Agenten an die Seite.

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